Ein fast unbebaubares Grundstück und ein hoher ökologischer Anspruch – mit diesen Eckdaten kamen Gisela Immler und Siegfried Scherrer auf die Zimmerei Staudenschreiner zu. „Wir haben ein Strohballenhaus von einem Bekannten besichtigt, danach hat uns die Idee, ein Haus zu bauen, dessen Dämmstoff absolut ökologisch ist, nicht mehr losgelassen“, erzählt das Ehepaar. In Walkertshofen, einer Gemeinde südlich von Augsburg, fanden sie ein Baugrundstück. „Das alte Bauernhaus, das darauf stand, war aber in einem abbruchreifen Zustand“, erzählt Siegfried Scherrer. Die Wände waren schimmelig, allein ein alter Stadel wäre erhaltenswert gewesen. Der Schimmel rührte von der Feuchtigkeit im Boden. „Das Grundstück liegt in einer Entwässerungsrinne des Ortes“, erklärt Günther Wolff, Geschäftsführer des beauftragten Bauunternehmens Staudenschreiner in Schwabmünchen. Hinter dem alten Bauernhaus sei sogar eine Quelle gewesen.

Als experimentierfreudiger Tüftler mit lösungsorientiertem Ansatz baute Günther Wolff mit seinem Team hier sein zweites Haus mit der Gründung auf Schraubfundamenten. „Ich bin immer auf der Suche nach einer sinnvollen und gleichzeitig ökologischen Lösung“, sagt er. Mit den Schraub-Pfahl-Fundamenten werde zum einen kein Beton benötigt (zu ‘grauer Energie’ und CO2 -Emissionen von Beton siehe “Baubiologie, Umwelt- und Klimaschutz” und “Neubau: 50 % des Energiebedarfs ist Graue Energie”). Zum anderen sind die Schrauben nach Ende des Lebenszyklus des Hauses wiederverwendbar. In lehmigem Untergrund sitzen die Schrauben gut, loser Untergrund, wie Kies, ist nicht ideal. „Und da beim Fundamentbau mit diesen Schraubfundamenten kein Bohrgut oder Erdaushub abtransportiert werden muss, spart man CO2, schont somit das Klima und spart Zeit und Kosten“, erklärt Wolff. Da passt der Baustoff Stroh in Verbindung mit einer Holzrahmenbauweise ideal. Von der Zimmerei wurde die Holzrahmenkonstruktion geliefert, die Wände wurden mit Stroh gedämmt, das vom Biobauernhof stammt. „Öko-Stroh macht die Gesamtenergiebilanz dann noch etwas besser, zumal der Dämmstoff vom Acker ein paar Kilometer entfernt kommt“, zeigt sich Günther Wolff stolz. Die graue Energie, die sonst beim Transport anfällt, ging hier gegen Null.

(1) Zu Beginn der Fundamentierung mit Pfahl-Schrauben wird der Mutterboden auf dem Bauplatz in Walkertshofen zur Seite geschoben
(2) Zunächst werden die Löcher mit einem dünnen Bohrer vorgebohrt, …
(3) … dann werden die Fundamentschrauben mit einer Spezialmaschine bis zu 4,7 m ins Erdreich gedreht
(4) In Hintergrund liegen die Spitzen der Schrauben. Darauf werden weitere Segmente geschraubt, bis die jeweils notwendige Mantelreibung erreicht ist
(5) Eine Libelle an der Einschraubhilfe kontrolliert, ob die Schrauben lotrecht eingeschraubt werden
(6) Auf die mit dem Lasergerät in der Einschraubhilfe nivellierten Schraubenköpfe werden die Schwellen aufgelegt

Schraubfundamte bis zu 4,7 Meter tief

Nach dem Humusabtrag auf dem Grundstück wurden die Schraubfundamente gesetzt. Wegen des unsicheren Untergrundes wurden die Fundamentschrauben bis zu 4,7 m in den Untergrund gedreht. Die Schrauben sind theoretisch beliebig verlängerbar und werden über Verschraubung miteinander verbunden. Die errechnete Traglast ist je nach Standort der Fundamente am Haus verschieden: „Die Punktbelastung variiert. An der Traufe haben wir kleinere Auflagerkräfte, an der Firstlinie größere“, weiß Günther Wolff. Die höchste Belastung wurde bei diesem Haus am Kamin und dem Ofen mit Wassertasche mit 88 Kilonewton (kN) berechnet. Die Schraubfundamente sind bis 93,5 kN ausgelegt. Über die am Gerät ablesbare Mantelreibung kann die Tragfähigkeit exakt bestimmt werden. Wird die erforderliche Mantelreibung erreicht, ist das Schraub-Pfahl-Fundament belastbar. Auf die Schraubköpfe legten die Handwerker die Bodenplatte mit 36 cm Dämmebene auf. Die dem Boden zugewandte Seite ist eine diffusionsoffene und wasserfeste, zementgebundene Platte. In der Bodenplatte wurden die Versorgungsleitungen verlegt, die Platte beplankt und mit Zellulose ausgeblasen.

(7) Mit Doppelstegträgern und Rahmenhölzern als Außenbegrenzung wird die Grundplatte aufgebaut
(8) Einer Zementfaserplatte schließt die Grundplatte ab
(9) Nachdem die Grundplatte mit dem Kran umgedreht wurde, wird darin die Installation verlegt
(10) Die geschlossene Grundplatte dient nun als Arbeitsebene für die weiteren Abbundarbeiten

Strohballenbau wie im Ökodorf Siebenlinden

Im Herbst 2019 konnte dann das komplette Ständerwerk, die Geschossdecke und das Dach mit einem Kran aufgerichtet werden. Nun war die Baustelle dicht und Robert Wenger konnte die Wände mit Stroh dämmen. Die Expertise zum Bau von Strohballenhäuser bekam der gelernte Landschaftsarchitekt durch verschiedene Kurse, unter anderem im Ökodorf Siebenlinden in der Altmark (Sachsen Anhalt). Dort stehen Deutschlands innovativste Strohballenhäuser.

In die Gefache, die nach Maß der Strohballen gebaut wurden (34 x 94 x 47 cm), passte Wenger mit Helfern immer zwei Strohballen nebeneinander hochkant ein. Zwei Strohballen hochkant übereinander wurden dann vom Telelader mit der Gabel zusammengepresst. Der Rest des Gefachs wurde durch halbe Strohballen gefüllt. Das Stroh braucht eine gewisse Dichte und darf die Maximalfeuchte von 10 Prozent nicht übersteigen, um als Dämmung geeignet zu sein.

Stroh als Dämmstoff ist sehr effektiv, wird es richtig eingebaut, erreicht es mit Kalkputz außen und Lehmputz innen sehr gute U-Werte. Michael Sedlmeier von der Hochschule Augsburg berechnete für diesen Bau einen U-Wert von 0,153 W/m2·K. „Wir haben etwa 200 Dinkelstrohballen für die Wände gebraucht“, berichtet Wolff.

Das Bauen mit Stroh brauche allerdings ein wenig mehr Logistik und Vorbereitung. Aber mit Helfern, die es einbauen, können Kunden Geld sparen. Das Stroh für dieses Objekt wurde ein Jahr vorher bestellt.

Auf der Baustelle wurde nach dem Einbringen des Dämmstoffes die Diagonalstreben eingefügt und mit Schilfmatten als Putzträger abgedeckt. Darauf kam innen ein dreilagiger Lehmputz mit Jutegewebe, außen ein Kalkzementputz.

(11) Die Ständerbreite ist auf die Strohballen abgestimmt
(12) Das Schrägdach ist wie die Grundplatte mit Doppelstegträgern gefertigt und mit Zellulose ausgeblasen
(13) Ehepaar Gisela Immler und Siegfried Scherrer bei der Strohernte – der Acker liegt zehn Kilometer von ihrem Haus entfernt
(14) Strohballenbau als Gemeinschaftserlebnis kann Spaß machen und ist eine Möglichkeit, Kosten zu senken
(15) Kleine Felder sind mit flexiblen Holzweichfasermatten gedämmt, weil diese einfacher zu verarbeiten sind | Bild: Rüdiger Sinn
(16) Letzte Arbeiten vor dem Lehmputz: Robert Wenger dichtet den Einbauspalt der Deckenplatte luftdicht ab | Bild: Rüdiger Sinn
(17) Bauleute, Strohballenbauer und Günther Wolff vor den mit Schifrohr abgedeckten Holzriegeln | Bild: Rüdiger Sinn
(18) Direkt auf die Strohballen folgt der Lehmputzauftrag mit Jutenetz als Armierung
(19) Der Detailschnitt zeigt auch die statisch notwendigen Diagonalen, die in die Strohballen eingelassen sind

Quasi Energieautark

Das Haus wird mit einem Herdkessel der Fa. Brunner mit Wassertasche und keramischen Zügen beheizt. Auf diesem Ofen kann man auch kochen. Wasserseitig werden 8,5 KW in den Pufferspeicher mit 1.500 Litern Inhalt abgegeben. Dieser Pufferspeicher wird auch durch die 6,8 KW-Photovoltaik-Anlage elektrisch beheizt. Aus diesem System speist sich dann die Fußbodenheizung. „Das geht – was das Heizen anbelangt – in Richtung Autarkie“, erklärt Wolff. Die Gefache der 36 cm dicken Dachkonstruktion wurden ebenfalls mit Zellulose ausgeblasen. Eine Dachfläche ist direkt nach Süden ausgerichtet, damit die Photovoltaikanlage möglichst viel Erträge erwirtschaftet.

„So eine Baustelle ist eine große Freude“, sagt Günther Wolff, „es riecht nach Stroh und ich schaue in glückliche Gesichter“. Ende März fehlten nur noch die Außenarbeiten. Direkt an die Küche wird noch ein Gewächshaus an der Südfassade angebaut sowie die Außenanlagen modelliert. Gisela Immler und Siegried Scherrer werden dann in ein erneuerbar gedämmtes Haus einziehen können und sich dem Traum vom ökologischen Leben erfüllen.

(20) Kachelofen mit Wassertasche und Kollektoren auf dem Dach erwärmen den 1.500 Liter-Pufferspeicher
(21) Dreischichtplatten der Dachschrägen und geöltes Lärchenparkett hüllen den gesamten Raum in Holz
(22) Ein Kalkputz schützt das fertiggestellte Strohballenhaus. Auf der Südseite wird noch ein Gewächshaus angebaut, das mit der Küche verbunden ist

Baudaten Einfamilienhaus mit Strohballendämmung und Gründung mit Schraub-Pfahl-Fundamenten

AuftraggeberGisela Immler, Siegfried Scherrer, 86877 Walkertshofen
Wohnfläche135 m²
Grundplatte von oben nach untenParkettboden | Fußbodenheizung | OSB-Schalung | Holzrahmenkonstruktion mit Doppelstegträgern, Zwischenräume mit Zellulose ausgeblasen | H2O-Powerpanel (Fermacell)
Außenwände von innen nach außenKalkzementputz 50 mm | Holzständer | mit Strohballen ausgefacht | Schilfgewebe als Putzträger | dreilagiger Lehmputz mit Jutegewebe
Dachaufbau von innen nach außen Fichte-3-Schicht-Platten 19mm | OSB-Schalung zur statischen Aussteifung 2,2 cm | Doppelstegträger 36 cm mit Zellulose ausgeblasen, Holzweichfaserdämmung 3,5 cm | Hinterlüftung 4,0 cm | Ziegeldeckung | U-Wert 0,11 W/m2K
Fenster3-fach verglast | Lärche Natur | geölt | U-Wert 0,8 W/m2K
HeizungFußbodenheizung | Pufferspeicher 1.500 l | Kachelofen mit Wassertasche | Photovoltaik-Anlage
Fußböden EGKirchenziegel (Küche+Diele) | Solnhofer Plattenkalk (Bad) | Esche Massiv | geölt ( Wohn-Essbereich)
Fußböden OG3-Schicht-Lärcheboden 19 mm | strukturiert und geölt auf Fußbodenheizung (Thermisto) für Trockenbau (Schlafzimmer, Bad)
StrohballenBio-Dinkel-Strohballen, Pfänderhof, Christian Hauser, www.pfaender-hof.de
Holzbau, Haustechnik, StatikStaudenschreiner Holzbau, www.staudenschreiner.de
OfenbauOliver Liebsch, www.liebsch-ofenbau.de
Schraub-Pfahl-FundamenteDeutsche Fundamentbaugesellschaft, www.schraub-pfahl-fundament.de

Autor

Rüdiger Sinn

Rüdiger Sinn ist freier Journalist, u.a. für die Zeitschrift dach+holzbau. Aktuell saniert er sein eigenes Gründerzeithaus nach ökologischen Gesichtspunkten und schreibt darüber in seinem BLOG – oder bei facebook unter: „Kopfüber auf der Baustelle“.

Leser-Interaktionen

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  1. Mich würde mal interessieren, wie die Handwerker die Zementfaserplatte unter die Holzträger der Holzdecke/Fundamentplatte, welche lt. Bild schon auf den Fundamentrohren aufliegen, noch unterhalb der Holzdecke deckend wasserdicht bei einer ca. freien Höhe von ca. 20cm zum Untergrund noch montiert haben wollen. Ferner welche Zulassung die Fundamente aus Gewinderohren haben. Des Weitere wie in der Statik die massiven Durchbohrungen (Leitungen, Kabel usw. ) der Traghölzer der Bodenplatte berechnet bzw. berücksichtigt wurde.

    • Die Antwort zur Anbindung der Zementfaserplatten finden sie in der Bildbeschreibung von Bild 9, in welcher es heißt „Nachdem die Grundplatte mit dem Kran umgedreht wurde…“.
      Die Antwort zur Zulassung der Schraub-Pfahl-Fundamente finden Sie auf der Homepage des Herstellers, die im Baukasten am Textende angegeben ist (ww.schraub-pfahl-fundament.de). Dort ist gleich auf der Startseite folgende Info zu finden: „Zertifiziertes Grundbausystem nach DIN EN 12699 (Zulassung) Deutsche Fassung 07/2015 für Verdrängungspfähle / Bohrpfähle“. Sollten Sie hierzu weitere Fragen haben, bitten wir Sie, sich an den Hersteller zu wenden!
      Zu Ihrer Frage bzgl. Durchbohrungen der Traghölzer. Es handelt sich laut Textbeschreibung und Angaben im Baukasten nicht um massive Traghölzer, sondern um Doppelstegträger, die über die zementgebundenen Platten unten und den OSB-Platten oben flächig miteinander verbunden sind. Durchdringungen sind bei dieser Bauweise kein Problem, soweit die statischen Grenzen nicht überschritten werden. Die Statik wurde entspr. den angegebenen Baudaten von der Holzbaufirma Staudenschreiner Holzbau (www.staudenschreiner.de) berechnet. Gerne können Sie auch dort noch mal nachfragen.

  2. Ich bin begeistert. Die Schraubfundamente sind eine geniale Möglichkeit, dem Dämm- und Feuchteschlamassel mit XPS Perimeterdämmung und Bitumensperrbahnen zu entgehen. Mal abgesehen von der erwähnten Einsparung von Beton und Aushub. Ich nehme an, dass die Größe des Gebäudes sowie die Bodenbeschaffenheit diese Gründungsvariante begrenzen?

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