Pfaffenhofen ist eine kleine Gemeinde in der Nähe von Heilbronn. Das Dorf ist geprägt von einem Idyll mit Kirche und Fachwerkhäusern aus dem 16. und 17. Jahrhundert in der Ortsmitte, im Hintergrund erheben sich malerisch Weinberge. Der Ortskern wurde durch ein Wohnhaus in ortstypischer Größe nachverdichtet, das in mehrerlei Hinsicht außergewöhnlich ist. Bereits seine Bauweise spiegelt die Haltung und Tätigkeit des Bauherrn wider. Ziel war es, ein Gebäude zu schaffen, das möglichst aus nachwachsenden und natürlichen Rohstoffen besteht, die dem natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden können.

Alles fußte auf der Idee, Strohballen kombiniert mit Lehmputz als thermische Hülle für Boden, Decke, Dach und Wand einzusetzen. Stroh ist nachwachsend, kreislauffähig und damit klima- wie auch ressourcenschonender als viele andere Dämmstoffe. Zudem ist es üppig vorhanden und kann regional geerntet werden. Die Strohballen mit einer Dicke von 36,5 cm werden in eine Holzunterkonstruktion hineingepresst und Überstände mit einer Heckenschere abgefräst.

Das selbst gesteckte Ziel bei Haus Hoinka bestand darin, alle sechs Fassaden – also auch das Dach und die Bodenplatte – in dieser Strohballenbauweise umzusetzen. Um auf aufwendige Abdichtungen zu verzichten und die Strohballen in der Bodenplatte dennoch dauerhaft vor Wasser zu schützen, wurde das Haus um ein gesamtes Geschoss aufgeständert. Das kompakte Kernhaus ruht auf einem Betonkreuz und vier Stützen. Bei geschlossenen Holz-Fensterläden entsteht der Eindruck eines aufgeständerten Holzblocks, der im deutlichen Kontrast zum freien Gartengeschoss steht. Dabei greift Haus Hoinka die Dachform seiner Nachbarschaft auf und steht mit seinem steinernen Sockel und auskragenden Holzbau in direktem Dialog mit den Fachwerkhäusern im Dorfkern.

Weiterbaubares Haus

Hinter der einfachen Grundform verbirgt sich ein komplex ineinander verschachteltes Doppelwohnhaus. Dabei sind die beiden Wohneinheiten jeweils durch eine einläufige Treppe mit dem Gartengeschoss verbunden. Die Wohnungseingangstüren befinden sich somit im Erdgeschoss. Auf allen Geschossen sind die Wohneinheiten symmetrisch zueinander angeordnet, wodurch alle Bewohner*innen von den vier Himmelsrichtungen des Hauses profitieren: Die Blicke reichen von jeder Wohnung aus nach Osten zum Kirchplatz, nach Westen zum Garten, nach Norden zu den Weinhängen und nach Süden über die Dächer des Dorfes in die Weite. Im ersten Geschoss ist das Haus in Längsrichtung, im zweiten Geschoss in Querrichtung geteilt. Die Fichtenholzkonstruktion und der Lehmputz in der zur Dorfmitte gerichteten Wohnung wurden weiß pigmentiert, in der zum Garten gerichteten hingegen naturbelassen. Diese Teilung zeichnet sich auch in der Fassade aus Weißtanne dezent ab: Die Brettbreiten in der Boden-Deckelschalung variieren leicht zwischen den beiden Doppelhaushälften und lassen so das Innere erahnen.

Die vier sich aus der Aufständerung ergebenden offenen Felder sind Möglichkeitsräume. Im ersten Ausbaustand entschied sich der Bauherr dazu, in einem Feld eine Einliegerwohnung zu realisieren. Weitere Ausbauten, etwa ein Wintergarten, eine Werkstatt oder ein Gästezimmer, sind möglich. Im nachträglichen Weiterbauen durch die Bewohner*innen sieht Atelier Kaiser Shen eine enorme Bereicherung.

(1) Mit geschlossenen Fensterläden wirkt das aufgeständerte Vollholzhaus Hoinka Avon Atelier Kaiser Shen besonders ruhig
(2) Grundriss Erdgeschoss: 1 Eingang Doppelhaushälfte 1, 2 Eingang Doppelhaushälfte 2, 3 Sommerküche, 4 Parken, 5 Technik, 6 Ausbau Barrierefreie Wohnung
(3) Grundriss erstes Obergeschoss: 1 Doppelhaushälfte 1, 2 Doppelhaushälfte 2 (geschossweise teilbar)
(4) Grundriss zweites Obergeschoss: 1 Doppelhaushälfte 1, 2 Doppelhaushälfte 2 (geschossweise teilbar)
(5) Teilung in Doppelhaushälfte 1 (schwarz) und Doppelhaushälfte 2 (weiß)
(6) Mögliche Aufteilung in zwei bis sechs Wohneinheiten

Räume ohne Eigenschaften

In den Wohngeschossen gibt es jeweils acht nahezu quadratische Räume mit einer Abmessung von etwa 4 x 4 Metern. Da alle Räume nahezu identisch sind, können sie wechselweise als Küche, Schlaf-, Wohn- oder Esszimmer genutzt werden. Lediglich Küchen und Bäder sind bei Haus Hoinka aufgrund der Installationen klar festgeschrieben. Im Dachgeschoss wurden unter der Dachschräge breite Bandfester eingesetzt.

Die beiden Wohneinheiten der Doppelhaushälften sind jeweils geschossweise teilbar. So können die zwei großen Maisonettewohnungen in vier kleine Wohneinheiten unterteilt werden. Die interne Treppe wird in diesem Fall zu einem Treppenhaus, das zwei Wohneinheiten erschließt. Die Zimmertüren zum Treppenhaus bilden dann die neuen Wohnungseingänge. So kann flexibel auf sich verändernde Familienverhältnisse reagiert werden. Wenn beispielsweise die Kinder ausziehen, können die Eltern ein Geschoss bewohnen und das andere getrennt untervermieten. So kann der Flächenverbrauch, also der Wohnraum pro Kopf, nach Auszug der Kinder wieder reduziert werden. Das Haus bietet somit – auch ohne bauliche Eingriffe – eine große Nutzungsflexibilität.

(7) Einbau der Strohballendämmung in Wände, Boden und Dach
(8) Straßenansicht mit Zugang zur Doppelhaushälfte
(9) In einem Viertel des Erdgeschosses gibt es bereits eine Einliegerwohnung. Die anderen Teile können noch ausgebaut werden
(10) In der Doppelhaushälfte 1 prägt warmes Fichtenholz die Räume
(11) In der Doppelhaushälfte 2 ist das Fichtenholz und der Lehmputz weiß pigmentiert
(12) Unter dem Dach gibt es hohe Räume …
(13) .. und einen schönen Ausblick über die Dächer von Pfaffenhofen
(14) Unter die Schräge eingepasste Toilette

Kraftwerk Haus

Bei Haus Hoinka wurde auf den Einsatz einfacher und ökologischer Materialien Wert gelegt. Neben der Verwendung von Stroh, Lehm und Holz wurde darauf geachtet, dass auch alle anderen eingebauten Materialien eine gute Ökobilanz aufweisen und wieder sortenrein trennbar verarbeitet werden können. Auf schwer lösbare Klebungen wurde weitestgehend verzichtet. Alle Materialien sind einschließlich ihrer Herkunft in einer vom Bauherrn entwickelten Datenbank für nachhaltige Bauprodukte erfasst.

Zum Betrieb des Hauses werden hauptsächlich erneuerbare Energien eingesetzt. Strom wird aus Solarzellen gewonnen, die vollflächig in das Dach integriert sind. Insgesamt werden 30.000 kWh Strom pro Jahr produziert, was den prognostizierten benötigten Verbrauch deutlich übersteigt. Ein Tagesstromspeicher mit einer Kapazität von 10 kWh sorgt dafür, dass der tagsüber gewonnene Strom in den Abendstunden und in der Nacht verfügbar bleibt. Geheizt wird mittels einer (auf Kühlung umschaltbaren) Wärmepumpe, die eine Lehm-Deckenflächenheizung bedient. Insgesamt erreicht das Haus so den KfW-40-Plus-Effizienzhaus- und den Effizienzhaus-Plus-Standard, da es sowohl einen negativen Jahres-Primärenergiebedarf als auch einen negativen Jahres-Endenergiebedarf nachweisen kann. Im bewohnten Zustand soll es einem einjährigen Monitoring unterzogen werden, um die tatsächlichen Verbrauchswerte mit den errechneten Werten vergleichen zu können.

Die Ökobilanz des Gebäudes ist besonders gut: Im Vergleich zu einem konventionellen Doppelhaus-Neubau gleicher Größe in Massivbauweise und mit klassischer Dämmung konnten durch insgesamt 140 Kubikmeter verbautes Holz 95 Prozent an CO2 eingespart werden.

Baudaten

Haus Hoinka, Pfaffenhofen

ArchitekturbüroAtelier Kaiser Shen, Stuttgart
Baujahr2023
Bruttogrundfläche521 m²
DämmungStroh (für Wände, Boden, Dach)
KonstruktionEG Stahlbeton, OG Brettsperrholz
OberflächenWeißtanne bzw. Lehmputz
Besonderheit2 ineinander verschränkte Haushälften können in 4 Einheiten geteilt und im EG erweitert werden

Abbildungen: (1, 8) Brigida González | (2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 12, 13, 14 ) Atelier Kaiser Shen

Leser-Interaktionen

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  1. Sehr schön, dass es mittlerweile auch in Deutschland immer mehr preisgekrönte Architektur aus Holz, Stroh und Lehm gibt. Glückwunsch zu diesem hervorragenden Projekt!
    Mit dem gemeinnützigen Fachverband Strohballenbau Deutschland e.V. fördern wir seit 2003 die Verbreitung und Bauaufsichtliche Zulassung des Baustoff Stroh. Meine bisherige Beobachtung war, dass die Vorreiter Österreich, Schweiz, und in den letzten Jahren auch Frankreich einen starken Vorsprung haben… Vor allem auch öffentliche Bauten (Schulen und Kindergärten) und größere mehrgeschossige Wohnprojekte wurden bei unseren Nachbarn auch durch die öffentliche Hand stärker gefördert.

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