Warum ist eine genaue Bestimmung der Schädlinge unverzichtbar?

Eine Tierart ist dadurch definiert, dass nur Tiere der gleichen Art miteinander wiederum zeugungsfähige Nachkommen produzieren können. So sind z.B. alle Hunde und der Wolf eine Art, denn sie können zeugungsfähige Nachkommen hervorbringen. Dagegen können Esel und Pferd zwar miteinander Nachkommen hervorbringen (Maulesel, Maultier), diese können aber wiederum keine Nachkommen zeugen und sind somit unterschiedliche Arten. Hier ist es für uns noch optisch nachvollziehbar, bei Insekten ist dies aber deutlich schwieriger, da sie ohne optische Hilfsmittel innerhalb der systematischen Ordnungen alle mehr oder weniger gleich oder sehr ähnlich aussehen.

Diese Gruppen von Schädlingen innerhalb der Insekten kommen in Gebäuden häufig vor:

  • Ameisen
  • Fliegen
  • Käfer
  • Schmetterlinge
  • Schaben
  • Silberfischchen (bzw. Fischchen; diese gehören zu den Urinsekten)

Unterschiedliche Tierarten haben häufig unterschiedliche Lebensweisen. Deshalb ist eine fundierte Bestimmung der Schädlinge nicht nur sinnvoll, sondern unverzichtbar. Denn: Unterschiedliche Lebensweisen bedingen in aller Regel unterschiedliche Ursachen für den Schädlingsbefall. So kann z.B. bei entsprechend differenzierter Vorgehensweise auf den Einsatz von Insektiziden, die ja meist auch für den Menschen giftig sind, verzichtet werden.

Insekten als Indikatoren für Bauschäden

Sind Schädlinge nicht immer ein Zeichen für hygienische Defizite? Nein! Hygienische Defizite kommen vor, sind aber bei Schädlingsbefall nicht so häufig, wie man glaubt. Häufig sind dagegen Bauschäden ursächlich, z.B. durch Feuchtigkeit und Schimmel, Undichtigkeiten, Neubaufeuchte, Baufehler und falsche Materialwahl. Einige Insektenarten können vorhandene Bauschäden noch weiter „ausbauen“. Nicht selten sind Insekten also „Zeigerorganismen“ für ganz andere Probleme im bzw. am Gebäude.

Insekten kommen aber auch ab und an einfach mal von draußen rein, ohne dass dies zu Problemen führt. Und manchmal hat man auch einfach Pech.

Gesundheitliche Gefahren

Natürlich können sogenannte „Hygieneschädlinge“ Krankheiten übertragen. Die größeren Gefahren gehen aber von Feuchtigkeitsschäden mit Schimmelpilzen (häufig die eigentliche Ursache für einen Schädlingsbefall) und Insektiziden aus, die von Bewohnern oder gar von Schädlingsbekämpfern oft übereilt ausgebracht werden.

Tipps

Hilfestellungen und Empfehlungen zur Vermeidung von Schädlingsbefällen und zur Vorgehensweise, wenn es „schon passiert ist“:

  • Baufehler vermeiden durch fachgerechte Bauleitung.
  • Neubauten vor Bezug austrocknen lassen.
  • Lüftungskonzepte verhindern Feuchtigkeits- und Schimmelschäden und damit auch viele Insektenschäden.
  • Durch feuchtigkeitsausgleichende Materialien für Ausstattung, Möblierung, Einrichtung – z.B. unbehandeltes Vollholz, Lehm- oder Kalkprodukte – kann maßgeblich die Raumluftfeuchte und damit eine wichtige Ursache für Insektenbefälle reduziert werden.
  • Beim Auftreten von Schädlingen sollte sofort eine Begutachtung und eine Bestimmung stattfinden, um Folgeschäden zu vermeiden.
  • Drei Tiere sind (in aller Regel) noch kein Befall!
  • Keine vorschnellen Einsätze mit Insektensprays!
  • Für die Bestimmung der Tiere ist es wichtig, dass diese vollständig erhalten sind: Tiere die gequetscht, platt oder nicht mehr vollständig erhalten sind, können meist nicht gesichert bestimmt werden. Häufig werden zur Bestimmung der Insektenarten detaillierte Körpermerkmale benötigt. Z.B. die Körperbehaarungen (welche Haare, wo und wie viel vorhanden sind), die Flügeladerungen, an welcher Stelle die Fühler sitzen und welche Rillen die Mundwerkzeuge haben.
  • Die Bestimmung der Tiere muss professionell von entsprechend ausgebildeten und erfahrenen Fachleuten erfolgen. Bilderbestimmungsbücher führen bei Insekten nicht immer zu einem wirklich gesicherten Ergebnis und meist sind viel zu wenige verschiedene Arten aufgeführt.
  • Achtung, wenn Dienstleister gleichzeitig Mittel zur Bekämpfung verkaufen! Gar nicht so selten werden in solchen Fällen unnötige Mittel verkauft.

Fallbeispiel

In einem Neubau traten im Frühjahr nach dem Einzug in Massen Ameisen auf. Die Bauzeit war von Februar bis Oktober. Direkt nach Fertigstellung ist die Familie eingezogen. Etwa 3 Monate ertrug die Familie die Ameisenplage, dann holte sie sich Hilfe.

Es handelt sich um einen Neubau in Massivbauweise aus Porenbeton, tragende Wände sind teilweise aus Stahlbeton. Das Haus ist mit einer zentralen Lüftungsanlage ausgestattet. Die Ameisen schienen aus dem Türrahmen zwischen Speisekammer und Küche zu kommen. Die zunächst ausgebrachten Köderdosen waren komplett wirkungslos. Die Eigentümerin behandelte anschließend den Türrahmen mit einem Insektizid. Die Folge war, dass nach kurzer Zeit die Ameisen auf der anderen Seite des Türrahmens herauskrabbelten.

Bei der Probenahme der Ameisen zur Bestimmung konnten weiter Tiere entdeckt werden, die ebenfalls zur Bestimmung eingesammelt wurden. Laut Aussage der Bewohnerin gibt es die kleinen Tiere im ganzen Haus.

Bei den untersuchten Tieren handelte es sich um Ameisen der Art Lasius emarginatus, auf Deutsch Zweifarbige Wegameise. Lasius emarginatus zählt zu den sogenannten Hausameisen, die sowohl verbautes Holz, aber auch Mauerwerk durch Nestbau schädigen kann. In aller Regel wird aber nur bereits durch Feuchtigkeit, Pilze und / oder andere Insekten vorgeschädigtes Material, v.a. bei Bauholz, befallen.

Bei den anderen untersuchten Tieren handelte es sich um Pscocoptera (Rindenläuse, Staubläuse). Rinden- und Staubläuse verursachen keine Schäden an Gebäuden und übertragen keine Krankheiten. Sie sind vollkommen harmlos, gelten aber als „Zeigerorganismen“ für Feuchtigkeits- und Schimmelschäden.

Anschließende Feuchtigkeits- und Schimmelmessungen bestätigten den Verdacht: Feuchtigkeits- und Schimmelpilzschäden durch Neubaufeuchte. Hieraus resultierte der Befall mit Ameisen dieser Art und mit Staubläusen.

Durch den sofortigen Einzug nach Fertigstellung des Gebäudes war ein Austrocknen des Gebäudes nicht ausreichend möglich, auch weil die Austrocknung durch Möblierung an den Wänden erschwert wurde. Die zentrale Lüftungsanlage war nur auf ein Mindestmaß (hygienische Mindestluftwechselrate) eingestellt, trug also wenig dazu bei, die hohe Luftfeuchtigkeit durch Neubaufeuchte zu reduzieren. Materialien mit hohem Diffusionswiderstand und schlechter Feuchtepufferung, wie Fliesen, PVC-Bodenbeläge und kunststoffbeschichtete Möbel verstärkten das Problem der langsamen Austrocknung noch. 

(1) Ameisen-Arbeiterin der Art Lasius emarginatus – Vergrößerung 20-fach
(2) Schimmel und Schädlinge, obwohl es in diesem Neubau ordentlich und sauber ist
(3) Dieses Holz wurde erst von Holzpilzen und dann von Ameisen befallen
Bilder: Christine Ehm

Fazit

Die Bestimmung der Schädlingsart zeigt im Kontext des Gebäudes bzw. der Umgebung die Ursache für den Befall. Insektenbefälle sind damit häufig „Zeigerorganismen“ für Bauschäden bzw. Vorschädigungen des Gebäudes. So können individuelle Lösungen gefunden und die Ursachen bekämpft werden. Der Einsatz von Insektiziden ist nicht nötig und gleichzeitig verhindert man die Ausweitung von Bauschäden und gesundheitliche Gefahren durch Schimmelpilze und Insektizide.

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  1. Ein schöner Artikel der Kollegin Ehm.
    Zu den unscheinbaren aber wichtigen Hinweisen der Gebäudediagnostik zählen auch die „kleinen Krabbler“. Wichtig und gut im Artikel zu lesen, dass der Einsatz von Insektiziden nicht notwendig ist. Zu erwähnen und dem Endverbraucher anzuraten ist, vor Bezug und Abnahme des Hauses:
    – Eine Kontrolle der rel. Luftfeuchte in der Estrichdämmschicht.
    – Einsicht in das Protokoll des Installateurs zur Druckprüfung der wasserführenden Leitungen.
    – Zur Bauabnahme immer einen Fachmann hinzuziehen. Das spart Geld und Ärger im Nachhinein.
    Aus Erfahrung kann ich sagen, dass eine korrekte Bauabnahme mit Überprüfung durch einen Sachverständigen Baubiologen zum Gesamtkonzept eines erfolgreichen Bauvorhaben dazu gehört.

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