Dr. Arch. Margareta Schwarz, freischaffende Architektin in Südtirol, setzt seit Jahrzehnten leidenschaftlich Naturbaustoffe für Neubauten und Sanierungen ein. „Mit Naturbaustoffen kann man alle Details realisieren“, betont sie. Die von ihr verwendeten Materialien Holz, Kalk, Lehm und Glas sind kreislaufgerecht und frei von Schadstoffen. Seit 2002 setzt sie bei fast jedem Projekt auch Stroh ein – mitunter preisgekrönt (Links BM Biohof Eselsburg, Haus Rastner). Seit 2009 entwickelt sie die Vorfertigung mit strohgefüllten Holzrahmen und die lasttragende Bauweise mit Kleinballen weiter. „Das ist für mich die perfekte Bauweise mit einfachen Wandaufbauten“, lobt sie. „Es ist ein Fehler den Baustrohballen nur als Dämmung zu sehen. Er ist meiner Meinung nach sehr unterbewertet. Besonders faszinieren mich Rundbogenkonstruktionen damit.“ Gesagt, getan: 2013 baute sie einen lasttragenden Prototyp in einer von ihr in einem längeren Prozess entwickelten Knüpftechnik.

(1) Beim Dietrichhof wurden vier Pavillons in den bestehenden Stadel integriert
(2) Ansicht von Süden
(3) 3D Darstellung der vier Pavillons
(4) Grundriss mit den dicken Strohwänden

Erhaltenswerter Bestand

Auch Szilvia Rauter gefielen ihre Rundbogenkonstruktionen. Sie führt mit ihrem Mann den Dietrichhof im Dorf Feldthurns im Eisacktaler Mittelgebirge auf fast 1.200 Metern Höhe. Zum Hof gehört unter anderem ein 21 m langer Stadel aus den 1960er Jahren. Von diesem wollte sie ein Stück abtrennen, um dort ein bis zwei Ferienwohnungen mit Stroh zu bauen. „Als ich noch ein Kind war, haben meine Eltern in Ungarn ein Haus mit Stroh-Lehmziegeln saniert“, erinnert sie sich. „Später war ich in einer Strohbaugruppe auf facebook unterwegs. Dort gibt es Projekte aus allen Ländern.“ Deshalb wandte sie sich an die Strohbauexpertin Schwarz. Diese fand die Holzkonstruktion des Stadels schön und erhaltenswert und schlug statt einem Teilabbruch vor, runde Einheiten in das Obergeschoss über dem Stall einzustellen, nur zu verputzen und das bestehende Dach als Wetterschutz zu nutzen. Insgesamt vier Pavillons zu je zirka 30 m2 Nettofläche fanden nebeneinander Platz. Jeder Pavillon wird von einem Gewölbe aus Strohballen überspannt.

(5) Der Stadel wurde in den 1970er Jahren gebaut und war gut erhalten
(6) In den erdigen Gewölben schläft es sich behütet
(7) Die beiden großen Pavillons sind mit einer kleinen Galerie ausgestattet

Konventionelle Holzkonstruktion

Gerne hätte die Architektin zumindest Teile des Gewölbes lasttragend gebaut. Darauf wollten sich die Handwerker aber nicht einlassen. Und so plante sie eine herkömmliche Konstruktion mit tragenden Holzbögen und einem stabilisierenden Ringbalken in U-Form. Sie zeichnete die Konstruktionspläne, die der Zimmermann im Maßstab 1:1 ausdruckte. Dann schnitt er die stehenden Bögen und den Ringbalken von Hand aus verleimten Fichtenholzplatten zu. Auch der Statiker konnte die Zeichnungen der Architektin direkt übernehmen, da es keine Sonderdetails zu entwickeln gab.

(8) Entsprechend den Konstruktionszeichnungen schnitt der Zimmermann seine Hölzer zu
(9) Die vor Ort aufgebauten Bögen

Gewölbe aus Holz und Stroh

Keiner der Handwerker hatte Erfahrungen mit Strohbau. Schwarz hatte an einen sparsamen Wandaufbau gedacht, bei dem die Strohballen zwischen die Holzrippen geklemmt und dann verputzt werden. Runde Bauteile im Stehen mit Strohballen auszufachen, ohne Schalung, gegen die sie gedrückt werden können, war aber aufwendig und mühsam. Und so hefteten die Handwerker Dachlatten unter die Bögen, gegen die sie die Ballen setzen konnten und die sie dann wieder entfernten. Sie verarbeiteten zertifizierte Strohballen der Firma Sonnenklee. Die Planerin hatte lange versucht, ein noch regionaleres Produkt zu bekommen. Aber sie fand zwar geeignetes langstängeliges Stroh, jedoch keine Maschine, um es zu Kleinballen zu pressen. Die zertifizierten Ballen, die zum Einsatz kamen, hatten etwa eine Dichte von 110 kg/m3 und waren damit relativ weich. 120 kg/m3 und damit auch mehr Härte wären Schwarz lieber gewesen. Aber die Ballen waren sehr maßhaltig, so dass sie gut damit planen und die Details mit einer einzigen Ballengröße realisieren konnte. Für die engen Radien schnitten die Handwerker die Ballen konisch zu und passten sie ein. Hätte der folgende Verputz sehr eben werden sollen, wäre es sinnvoll gewesen, die Strohhalme der Oberfläche noch zu beschneiden. „Unser Putz ist nicht spiegelglatt“, bemerkt Schwarz dazu. Deshalb konnte auf ein Beschneiden verzichtet werden, bevor die Handwerker Metallbänder als Windaussteifung unter die Holzrippen hefteten.

Vor dem Verputzen setzten die Fensterbauer Dreiglasscheiben ohne Rahmen in Schlitze der Holzkonstruktion. „Es war für mich sehr wichtig, dass sie aus dem Gewölbe direkt herauskommen“, erklärt Schwarz. „So, als gäbe es keine Fensterscheibe.“ So bleibt der Blick in die Landschaft frei und die Form des Innenraumes kommt zur Geltung.

Die Segmente zwischen den Balkonen wurden mit Holzfaser ausgedämmt und mit Schilfrohrputzträger belegt.

(10) Zuschnitt der Strohballen für die Gewölbe
(11) Verbindung des hölzernen Ringbalkens mit den Ballen
(12) Zugbänder zum Aufnehmen der Windlasten

Luft- und winddicht

Dann begannen die Handwerker die Fugen abzukleben. Um Strukturrisse zu vermeiden, wurden auf die Hölzer Putzträger aus Holzfaserstreifen getackert. Dann wurde die erste Lage Kalk aufgespritzt. Außen folgten zwei Lagen Kalkputz, innen zwei Lagen Lehmputze mit Armierungsgewebe. „Meine Erfahrung ist, dass man mit einem Putzträger keine Armierung braucht“, bemerkt die Planerin dazu. Am Ende wurde in einem Pavillon zur Ermittlung der Luftdichtheit ein Blower-Door-Test gemacht, der problemlos bestanden wurde.

(13) Die erste Lage Kalkputz
(14) Fräsungen für die Elektroleitungen, die ins Mörtelbett gelegt werden
(15) Auch heute noch gibt es Einblicke in die goldgelbe Dämmung

Gute Akustik

Auch in Bezug auf Akustik wurden Messungen durchgeführt, um die Schalldämpfung zwischen den Wohnungen nachzuweisen. Die einfache Strohwand von insgesamt 42 cm erreicht ein Schalldämm-Maß R’w = 56 dB (inklusive der Schallübertragung über die flankierenden Bauteile) und ist damit besser als die mindestens geforderten 55 dB. Der bewertete Trittschallpegel L’n,w ist 51 dB und erreicht damit ebenfalls den geforderten Wert von ≤ 58 dB. „Diese Werte sind großartig“, ist Schwarz begeistert. Ein Nachweis des Brandschutzes war bei der Projektgröße nicht nötig.

Ausbau mit alten und neuen Hölzern

In den fertigen Putz frästen die Elektriker wieder Aussparungen und legten die Leitungen in ein Mörtelbett. Die Bäder erhielten einen Feinputz mit wasserabweisender Schlussbeschichtung auf Silikatbasis. Ausgebaut wurde mit alten und neuen Hölzern. Die Verwendung von rückgebauten Hölzern des Stadels war eine Idee der Baufrau. Die Althölzer wurden aufwändig gesäubert, entwurmt und dann verbaut. „Neues hätte ich gerne neu gehabt“, bemerkt Schwarz. „Mir war es wichtiger, dass der Stadel erhalten bleibt.“ Bei den Feriengästen kommt die Rustikalität gut an. „Es wird wahnsinnig gut angenommen“, freut sich Szilvia Rauter. „Auch wenn ich selbst in den Kokon reingehe, fühle ich mich behütet. Es ist wie in einer Höhle“. „Es ist ein tolles Ergebnis“, lobt Schwarz. „Und das Raumklima ist großartig, weil es Lehm und Kalkputz regulieren“. Die Oberflächen sind unbehandelt. Alles entspricht den Kriterien des italienischen Siegels „Klimahaus Nature“, das ein Gebäude auch hinsichtlich der Auswirkungen auf die Umwelt, die Gesundheit und das Wohlbefinden seiner Bewohner zertifiziert. Und so wurde das Projekt auch für den „Klimahaus Awards 2020“ nominiert.

Die verputzten Pavillons sind innen wie außen sehr atmosphärisch. Wie massive Findlinge liegen sie vor der Natursteinwand im Erschließungsgang und laden die Gäste ein, in eine hochmoderne, archaische Welt einzutreten.

(16) Jeder Pavillon ist mit Altholz ausgebaut und hat eine kleine Küche
(17) Harmonie von alter Bruchsteinwand und neuem, mit Kalk verputztem Strohgewölbe im Zugang zu den Pavillons
(18) Blick von oben auf die Gewölbe
(19) Hinter den Schürzen gibt es Privatsphäre für die Gäste
(20) Integration der Neubauten in den Stadel und den Hof
(21) Bauherrin mit Familie

Baudaten

Dietrichhof, Stilumserstraße 4, I-39040 Feldthurns BZ

BauherrenSzilvia und Reinhard Rauter
AußenwandLehm 3 cm zweilagig mit Armierung, Kalk-Vorspritz, gepresste Strohballen 36 cm, eingezwängt zwischen Holzständer 8/36 cm, alle 96 cm (belegt mit Holzfaserstreifen als Putzträger), Kalk-Vorspritz, Kalkputz NHL 3 cm zweilagig mit Armierung, U-Wert 0,15 W/m2K
Dachgewölbewie Außenwand
BodenEichenparkett geölt, Ortbeton, Glasschotter, Bestand Ziegeleinschubdecke
FensterDreischeibenglas, rahmenlos eingeputzt

Fotos: (1, 5, 6, 7, 15, 16, 18, 21) Dietrichhof.com | (2, 3, 4, 8-14, 17, 19, 20) studio margareta schwarz

Leser-Interaktionen

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  1. Großer Luxus, dennoch ein unglaubliches Projekt!
    Hervorragender Materialansatz, gewagte Kombination und gelungene Ausführung.
    Die harmonische Wirkung der Größenunterschiede bei den Tonnen überrascht.
    Die historische Originalität der Scheune erhält eine räumlich positive Addition, das Alte bleibt konstruktiv erfassbar und das Neue stört nicht, auch wenn in Bezug auf die beeindruckende Materialökonomie historischer Zweckbauten bei der Raumschaffung hier der förmliche Widerspruch erzeugt wurde, etlichen Raum unterm Dach zu verschwenden.
    Volles Verständnis für die Handwerker, die lasttragende Bauweise abzulehnen, auch wenn es möglich gewesen wäre, diese Baustelle war hinsichtlich ihrer technischen Kombinationen ohnehin Herausforderung genug.
    Vollglasscheiben in die Tragbögen einzunuten, halte ich für ein großes Risiko…
    Seit unsere Versuche gescheitert sind, bei mehrlagigem Putz mit Putzträger (Schilf) auf Mischuntergründen und weicheren Wandmaterialien auf eine Armierung zu verzichten, armieren wir ohne Ausnahme immer. Die Aussage der Architektin dazu ist daher für mich bemerkenswert.
    Die Baukosten wären interessant.
    Gewölbekonstruktionen und ihre Raumerfahrung, insbesondere im Rahmen eines baubiologischen Anspruches, sind seltene architektonische Inseln, insgesamt sehr faszinierend!

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