Gernot Minke
Prof. em. Dr.-Ing. Gernot Minke Architekt, Fachbuchautor gernotminke.de

Herr Prof. Minke war nach seinem Studium der Architektur zunächst Assistent von Prof. Dr.-Ing. Frei Otto am Institut für leichte Flächentragwerke der Universität Stuttgart. Danach beschäftigte er sich als Architekt und Dozent an verschiedenen in- und ausländischen Hochschulen mit dem Leichtbau, mit Seil- und Membran-Konstruktionen und plante ökonomische und ästhetisch reizvolle Überdachungen, beispielsweise für ein Schwimmbad (1), eine Sporthalle (2) und für eine offene Festhalle für eine Universität in Guatemala (3).

Nachdem er mit 36 Jahren an die Gesamthochschule Kassel berufen wurde, wandte er sich dem Ökologischen Bauen und vor allem dem Bauen mit natürlichen Baustoffen zu. 1982 veröffentlichte er den viel beachteten Artikel „Ökologisches versus industrialisiertes Bauen“ in der Schweizer Zeitschrift „werk, bauen+wohnen“, gründete im gleichen Jahr einen Arbeitskreis zum Ökologischen Bauen und stellte einen Maßnahmenkatalog von 27 Punkten für das Ökologische Bauen auf. Dieser diente auch als Grundlage für die Planung der Ökologischen Siedlung in Kassel, die dann in Zusammenarbeit mit den Architekten Hegger, Hegger-Luhnen und Schleiff ab 1983 realisiert wurde. Dort baute er sein erstes Haus für sich (4a+b). Inzwischen gilt er als Pionier des Lehmbaus in Europa. Den in Fachkreisen kursierenden Titel „Lehmbaupapst“ hört er allerdings nicht gerne.

(1) Schwimmbadüberdachung Bad Tölz, 1971
(2) Eissporthalle Esslingen, 1976 – mit Schöfl und Stöcker
(3) Cafeteria-Überdachung Guatemala, 1981
(4a+b) Haus Minke, Ökologische Siedlung Kassel, 1985

Interview

Wie kam der Wandel vom „Leichtbau zum Lehmbau“ zustande, wie der Titel des Buches von Architekt Friedemann Mahlke über ihr Lebenswerk lautet. Wann begann Ihr Interesse am Lehmbau?

Die Anwendung des Leichtbaus in der Architektur,wie sie von Richard Buckminster-Fuller und Frei Otto vertreten wurde, war mir zu eingeschränkt und ich vermisste die ökologischen Aspekte. Nachdem ich 1974 den Ruf an die Gesamthochschule Kassel, heute Universität Kassel, angenommen hatte, gründete ich im gleichen Jahr dort das „Forschungslabor für Experimentelles Bauen“. In den 38 Jahren meiner Tätigkeit als Leiter dieser Einrichtung konnte ich mit meinen Mitarbeitern 50 Forschungs- und Entwicklungsprojekte durchführen. Die meisten davon beschäftigten sich mit dem Baustoff Lehm und dessen Anwendung im modernen Bauen.

Angefangen hat es 1975 mit einer von der DFG finanzierten dreijährigen Grundlagenforschung zum Thema „Low-cost-housing“, deren Aufgabe darin bestand alle theoretisch möglichen und traditionell vorhandenen Bauformen und Bauweisen zu untersuchen, mit denen mit natürlichen nicht industrialisierten Baustoffen und Abfallmaterialien kostengünstige Häuser errichtet werden können. Dabei stießen wir immer wieder auf den Baustoff Lehm als natürliches Baumaterial, das neben Sand und Steinen fast überall auf der Welt vorhanden ist. Wir untersuchten seine Anwendungsmöglichkeiten, testeten und verbesserten die traditionelle Stampflehmtechnik sowie die Nubische Tonnenbauweise und entwickelten die neue Technik, mit extrudierten Lehmsträngen zu bauen (5).

Später kamen dann viele wissenschaftliche Untersuchungen dazu, um beispielsweise die Eigenschaften unterschiedlichster Lehmsorten zu ermitteln und spezielle Testgeräte dafür zu entwickeln.

Eine zweite Begebenheit, die mich zum Lehmbau führte, war ein Sabbatical, ein Forschungsfreisemester, in dem ich mehrere Universitäten in den USA besuchte, um zu erkunden, was dort auf dem Gebiet des Alternativen Bauens geschieht. So war ich in Guatemala, um Beispiele der traditionellen ländlichen Lehmbauten und die Auswirkungen des großen Erdbebens von 1976 auf diese Häuser zu analysieren. Daraus entstand dann die Idee einer neuen erdbebensicheren bambusarmierten Stampflehmbauweise, die wir zusammen mit Studierenden aus Kassel und aus Guatemala 1978 beim Bau eines Prototyp-Wohnhauses in Guatemala angewendet haben. Das 52 m2 große Haus wurde fast ausschließlich aus lokalen Baumaterialien erstellt, die Materialkosten betrugen lediglich 800 Dollar. Dies war für mich der erste Schritt in die Lehmbaupraxis.

(5) Lehmstrang-Technik, 1985
(6) Bürogebäude New Delhi, 1990
(7) Haus Minke, Ökologische Siedlung Kassel, 1993
(8) Meditationshallen, Bad Zwestern

Sie haben in vielen Ländern Gewölbe aus Lehm gebaut und leben selber in einem Haus unter Lehmkuppeln. Wie kamen Sie dazu und für welche unterschiedliche Nutzungen und für welche Klimazonen haben Sie Lehmgewölbe errichtet?

1982 hatte ich die Gelegenheit, in dem Haus des ägyptischen Architekten Hassan Fathi in Neu-Gourna, Ägypten, zu übernachten und unter einer Lehmkuppel zu schlafen. Da entstand der Wunsch, auch für mich ein Haus mit Lehmkuppeln zu schaffen. Zunächst hatte ich verschiedenste historische Gewölbe-Bauweisen studiert und einige konnten wir auf dem Versuchsgelände des Forschungslabors in Kassel im Rahmen von Lehmbau-Kursen realisieren. Fasziniert haben mich vor allem die historischen Techniken, Gewölbe ohne Schalung zu bauen.

Plan Gernot Minke
Kindergarten in Sorsum

Was es aber nicht gab, war eine Lösung für Kuppeln sehr großer Spannweiten mit einer geringen Wandstärke von nur einem Lehmziegel. Deshalb entwickelten wir zunächst eine optimale Querschnittsform für große Kuppeln, die gewährleistet, dass keine ringförmigen Zugspannungen in der Kuppel entstehen und nur Druckkräfte in der Mitte der Wanddicke senkrecht nach unten abgetragen werden. Mit unserem Techniker Frank Millies entwickelten wir 1987 dafür dann eine Rotationslehre. Die erste Anwendung dieser Technik bei einem größeren Gebäude erfolgte 1990 bei einem Institutsgebäude des Indian Institute of Technology in Neu-Delhi (6). 1993 wurde dann mein neues Wohnhaus in Kassel fertig, bei dem ich insgesamt 9 Lehmkuppeln mit 3 verschiedenen Techniken realisieren konnte (7). Zu den unterschiedlichen Nutzungen: Auf der Weltausstellung EXPO 2002 in Hannover errichteten wir im afrikanischen Pavillon 2 Lehm-Kuppeln für ein Café. Mit einer Kuppel überdeckte Sakralräume bauten wir für eine Moschee in Wabern und für Meditationshallen in Bad Zwesten (8) und in Indien (9). Mehrzweckhallen entstanden unter anderem für ein Seminarzentrum in Brasilien (10), das Goethe-Institut in La Paz in Bolivien, eine Hebammenschule in Argentinien, eine Landkommune in Uruguay und für Kindergärten in Sorsum (11) und Oranienburg-Eden (12). Die Kuppel dieses Kindergartens ist mit 11 m Innendurchmesser, 6 m Höhe und 30 cm Wandstärke die bislang größte, die wir errichtet haben. Die Kuppelbauten in Deutschland wurden alle mit Hilfe meines Kollegen Tobias Weyhe ausgeführt.

(9) Meditationshalle, Mount Abu, Indien
(10) Seminarzentrum, Brasilien
(11) Kindergarten in Sorsum
(12) Kindergarten in Oranienburg-Eden, 2002

Und was fasziniert Sie an Lehmkuppeln?

Da gibt es mehrere Aspekte: Erstens das Raumerlebnis: Meine Kuppeln haben alle ein rundes Oberlicht, durch das man tagsüber den Himmel und die Wolken und nachts die Sterne sehen kann. Man fühlt sich geborgen und doch nicht eingeschlossen wie in einer Höhle, man spürt den Kontakt zum Kosmos über einem. Wenn die Sonne scheint, kommt sie zu jeder Tageszeit in den Raum.

Zweitens das physische Raumklima: Der Lehm speichert Wärme und Feuchtigkeit und gleicht dadurch Temperaturschwankungen und Feuchteschwankungen aus.

Und drittens die einfachen konstruktiven Details: Es gibt beispielsweise keinen Material- und Konstruktionswechsel zwischen Wand und Decke und somit keine möglichen Probleme durch Wärmebrücken und unterschiedliche Verformungen.

Sie sind aber nicht nur als Pionier des Lehmbaus bekannt, sondern haben auch auf dem Gebiet des Strohballenbaus in Forschung und Praxis Pionierarbeit geleistet. Immerhin haben Sie mit Ihren Mitarbeitern Dittmar Hecken und Friedemann Mahlke im Jahr 2000 das erste Last tragende Strohballengebäude in Deutschland errichte …

Ja, bei diesem Gebäude ruht das 12 Tonnen schwere Dach nur auf den 8 Lagen Strohballen, ohne dass irgendwelche Stützen vorhanden sind (13).

(13) Seminargebäude Kassel, 2000
(14) Wohneinheiten Portugal, 2006
(15) Wohneinheiten Portugal, 2006: Die Strohballen wurden mit einer speziellen Säge konisch geschnitten, sodass sie ohne Mörtel kraftschlüssig montierten werden konnten
(16) Wohneinheiten Buchberg-Wangelin, 2013

Was waren Ihre weiteren Pionierbauten mit Strohballen?

Das war zunächst ein Gebäude mit 3 Wohneinheiten in Portugal, das im Jahr 2006 von uns im Rahmen eines internationalen Workshops mit Last tragenden Strohballen-Tonnen errichtet wurde (14). Auch hier wird die Last des Gründachs nur über die bogenförmig aufgestapelten, konisch geschnittenen Ballen abgetragen. Möglich war dies nur dadurch, dass die Ballen mit einer speziellen Säge konisch geschnitten wurden, sodass sie ohne Mörtel kraftschlüssig montiert werden konnten (15). Dies war vermutlich das erste Mal, dass ein Tonnengewölbe aus Last tragenden Strohballen gebaut wurde. Die gleiche Bautechnik haben Tobias Weyhe und ich 2011 für 5 Wohneinheiten in Buchberg-Wangelin in Mecklenburg-Vorpommern mit offizieller Genehmigung der Behörden realisieren können (16).

Ein Jahr davor konnten wir meinen Traum, das weltweit erste Last tragende Strohballen-Kuppelgewölbe mit Hilfe meiner Freunde Zuzana und Björn Kierulf und vielen Interessierten, die im Rahmen von 2 internationalen Workshops mithalfen, in der Slowakei realisieren. Dabei ist der zentrale Kuppelraum von 8 Last tragenden Strohballen-Tonnengewölben umgeben, die Büroarbeitsplätze beziehungsweise Küche und Eingangsbereich überdecken (17).

Sie gelten auch als Pionier der Dachbegrünungen. Wann haben Sie damit angefangen?

Während eines Forschungssemesters hatte ich verschiedene Möglichkeiten untersucht, Dächer zu begrünen. Ich fand historische geneigte Dächer, wie sie in Skandinavien üblich waren, die mit Holzteer und Birkenrinde abgedichtet waren, aber meist nicht länger als 15 Jahre hielten, Torfsodendächer aus Island und den USA, die aber keine Dichtigkeit garantierten und Flachdächer, die mit Teerpappen abgedeckt waren, die aber auch nicht lange dichthielten.

So haben wir 1978 das vermutlich erste geneigte Gründach, das mit einer industriell gefertigten verschweißbaren Kunststoffmembrane abgedeckt war, errichtet (18). Das Gründach bestand aus 15 cm Substrat und einer Wildgräservegetation. Dies erwies sich als eine kostengünstige dauerhafte Lösung, die keinerlei Wartung bedurfte. Danach wurden nahezu alle von mir geplanten Gebäude, sowohl für das extrem kalte Klima Russlands, als auch für das heiße Klima Brasiliens, mit einem Vegetationsdach vor Witterungseinflüssen geschützt.

Für mich ist das Gründach die einzige nachhaltige Lösung für eine Dachabdeckung. Es bringt eine zusätzliche Wärmedämmung, verbessert das Kleinklima, benötigt keine Wartung und berücksichtigt man die extrem lange Lebensdauer, ist es auch eine ökonomische Lösung.

(17) Bürogebäude Slowakei, 2010
(18) Erstes Gründach, Kassel, 1978

Sie haben als Hochschullehrer und Forscher an Ihrer Universität bis zur Vollendung Ihres 68. Lebensjahres gewirkt, drei Jahre länger als normal. Daran erkennt man, dass Ihnen Ihre Arbeit an der Universität gefallen hat. Worin lag der Schwerpunkt Ihrer Lehre und wie haben Sie die Erkenntnisse und Erfahrungen aus Forschung und Praxis weitergeben können?

Ich fand es als besonders bereichernd, dass ich Forschung, Praxis und Lehre miteinander verbinden konnte. Fragestellungen und Probleme aus der Praxis führten zu Forschungsaufgaben und Ergebnisse aus der Forschung flossen in die Lehre ein und wurden in der Praxis angewendet. Außerdem konnte ich häufig studentische Projekte mit Forschungsprojekten verbinden und praktische Arbeit in die Lehre integrieren. So führte ich beispielsweise einwöchige Kompaktkurse als Bestandteil des Semesterprogramms in das Curriculum des Architekturstudiums ein. Diese Form der intensiven Beschäftigung innerhalb einer kleinen Gruppe mit einem speziellen Thema, fünf Tage lang von morgens bis abends, einschließlich der Realisierung eines Versuchsbaus oder größerer Modelle, führe ich auch noch heute als Gastprofessor oder Workshop-Leiter in vielen Ländern durch.

Um mein Wissen vom Lehmbau auch an Interessenten außerhalb der Universität weiterzugeben, führte ich in den achtziger Jahren fünftägige Lehmbau-Einführungskurse ein. Bis zur Auflösung des Forschungslabors 2011 hatten wir 88 Kurse mit insgesamt über 2.200 Teilnehmern – zum Teil auch für das IBN – durchgeführt. Zurzeit führt Dittmar Hecken diese Kurse in der Bildungswerkstatt für nachhaltige Entwicklung e.V. in Verden weiter.

Eine internationale Verbreitung unserer Forschungsergebnisse und meiner Praxiserfahrungen erfolgte auf den internationalen Kongressen, zu denen ich eingeladen wurde und durch meine Veröffentlichungen.

Ja, international sind Sie wohl hauptsächlich als Fachbuchautor bekannt. Ihr Handbuch Lehmbau ist inzwischen in 11 Sprachen erschienen und gilt als „Bibel des Lehmbaus“. Auf Deutsch ist bereits die 9. Auflage erschienen und wie man vom Herausgeber, dem Ökobuch Verlag, erfährt, sind davon insgesamt ca. 40.000 Exemplare gedruckt worden. Was sind Ihre anderen auflagenstärksten Bücher?

Das Buch über den Strohballenbau, dessen erste Auflage ich mit Friedemann Mahlke und dessen zweite mit Benjamin Krick verfasste, ist in 8 Sprachen und das Buch über Dachbegrünungen in 6 Sprachen erschienen.

Und was sind Ihre jüngsten Buchveröffentlichungen?

Ein Buch über vertikale Gärten und ein kleines Handbuch zum Bau von statisch und akustisch optimierten Lehmkuppeln; beide sind allerdings nur auf Spanisch erschienen.

Danke für das Gespräch!

Literaturtipps

Veröffentlichungen von Prof. Dr.-Ing. Gernot Minke:

Weitere Bücher zum Thema:

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  1. Wunderbare Projekte!

    Ergänzend ein weiteres schönes Interview mit Gernot Minke auf dem Baubiologen-Kongress des IBN 2018: tinyurl.com/Minke2018

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