Der erste Bauabschnitt umfasst 13 Häuser mit 47 Wohneinheiten und Wohnflächen von 30 – 150 m2 auf einer Fläche von 2,3 Hektar. Die bauliche Basis des Hitzacker Dorfes basiert auf der Vereinheitlichung von Materialien und Konstruktion der Böden, Wände und Decken. Die Häuser unterscheiden sich nur in den Zuschnitten der Wohnungen. Das hat den Planungsaufwand minimiert, Geld gespart und die Effizienz der Arbeitszeit erhöht, da sich die grundlegenden Abläufe und Anschlüsse wiederholten. Ferner verfügen sämtliche Häuser über die gleiche Fassadengestaltung – EG Kalkputz und OG Holz – sowie über zwei Erschließungsvarianten: mal über innenliegende Treppen, mal über Außentreppen mit überdachten Laubengängen, die zugleich bei hochstehender Sonneneinstrahlung einen gewissen Verschattungseffekt generieren. Die anderthalbgeschossigen Gebäude wurden ohne Keller auf Streifenfundamenten aus unbewehrtem Beton errichtet. Deren Wärmedämmung gegen das Erdreich erfolgte mit einer 20 cm dicken Perimeterdämmung aus recyceltem Glasschaumschotter, ohne Folien oder zusätzliche Abdichtungen.

(1) Grundriss Erdgeschoss
(2) Grundriss Obergeschoss
(3) Selbsaussteifendes Ständerwerk

Selbstaussteifendes Ständerwerk, bekleidet mit Strohkernplatten

Auf eine gemauerte Reihe aus Dämmziegeln (Poroton) als thermische Entkopplungsebene platzierten die Zimmerer ein mit einem Kreuz ausgesteiftes, nur 12 cm tiefes KVH-Ständerwerk (KVH = Konstruktionsvollholz), dessen Konstruktion in Anlehnung an den historischen Fachwerkbau auf traditionell verzapften Schwellen, Stielen und Rähmen beruht. Dank dieser Auskreuzung konnten die Bekleidungen des Ständerwerks, das mit eingeblasener Zellulose gedämmt wurde, ohne zusätzliche aussteifende Maßnahmen erfolgen. Innenseitig folgen auf eine Dampfbremsbahn 12 cm dicke Holzweichfaserplatten als zweite Dämm- und zugleich Installationsebene, auf die 38 mm dicke Strohkernplatten als Putzträger für die raumabschließenden Lagen aus Lehm und Kalk montiert wurden, welche die Siedler in mehreren Stufen selbst aufgetragen haben.

Nach außen hin schließt eine 6 cm dicke Holzfaserplatte die KVH-Konstruktion ab, gefolgt von einer Wind- und Wetterschutzbahn im Bereich der Holzfassaden. Während das Erdgeschoss (EG) direkt auf die Holzfaserplatte einen finalen Kalkputz aus Weißkalkhydrat, gewaschenem Sand, etwas Magerquark, Zement und Quarz erhalten hat, ziert das Obergeschoss (OG) eine Douglasien-Schalung von 13/27 mm. Letztere montierten die Zimmerer auf eine 2 cm tiefe Konter- und Traglattung als Hinterlüftungsebene, wobei die Holzschalung je nach Gebäude in verschiedenen Techniken als Stülp- bzw. Boden-Deckelschalung mit hinterlegten Fugen mal horizontal und mal vertikal gesetzt wurde. Die zusätzliche farblich bunte Akzentuierung erfolgte mit einem Anstrich auf Leinölbasis, eingefärbt mit natürlichen Erden. Besondere Erwähnung verdient, dass das Douglasienholz der Fassadenschalung aus benachbarten Wäldern stammt und von einem wendländischen Sägewerk geschnitten und besäumt wurde.

(4-5) Detail Fensteranschluss

Massivholzdecken mit geseiften Seekiefer-Dielenböden

Die Decken bestehen aus Massivholz, hier 16 cm dicken Brettsperrholzelementen (BSP) in unterseitiger Sichtqualität, die, da an den Stößen statisch wirksam über eine Deckleiste miteinander verbunden, als Scheiben ausgeführt wurden, um die Horizontallasten in die Außenwände und von dort in die Fundamente ableiten zu können.

Auf die BSP-Elemente brachte man eine Trennlage von 1 cm als Trittschalldämmung aus vernadelten Hanffasern auf, gefolgt von einer 7 cm dicken Lage Kalksplitt und einer 6 cm dicken Holzfaserplatte, die von einem 24 mm Seekiefer-Dielenboden mit Oberflächenbehandlung aus Holzseife abgeschlossen wird.

Lehmbau-Innenwände 

Die Innenwände wurden auf zweierlei Weise aufgebaut: zum einen als nicht tragende, mit Gipsfaserplatten bekleidete Holzständer-Leichtbauwände, zum anderen als tragende Innenwände. Die tragenden Innenwände basieren auf in die Gefache gemauerten Lehmsteinen mit entsprechender Speichermasse als Träger der wassergeführten Wandheizungsschleifen, abgeschlossen mit einem Lehmputz. Eine integrierte Lösung für eine wohngesunde Flächenheizung mit hohem Strahlungsanteil, die zugleich den Erfordernissen des Raumklimas sowie des Schall- und Brandschutzes Rechnung trägt.

(6) kellerloses Bauen auf Streifenfundamenten
(7) Selbstaussteifendes KVH-Ständerwerk mit BSP-Decke
(8-9) Montage BSP-Deckenelement auf KVH-Ständerwerk
(10) Siedlerin mauert Lehmsteine in Gefache

Grün- und Solardächer

Den Abschluss markieren 12 Grad geneigte Pultdächer, die wahlweise als Grün- oder Solardach ausgeführt werden können. Auf eine Gipsfaserplatte und eine Dampfbremse folgt eine 24 cm hohe Balkenlage, deren Zwischenräume wie gehabt mit Zellulose gedämmt wurden. Obenauf brachten die Zimmerer eine 6 cm dicke Holzweichfaserplatte und im Anschluss eine hinterlüftete Holzschalung, die von miteinander verschweißten, 2 mm dünnen Kunststoffbahnen aus modifiziertem Polyolefin (FPO) abgeschlossen wird, die als Abdichtung für das folgende Erdsubstrat für die Gründächer dienen.

Konstruktionsraster von 4,75 m

Die Bebauung zweier gegenüberliegender Gebäudezeilen mit mittiger Dorfstraße folgt einem vom Architekten Frank Gutzeit entwickelten Konstruktionsraster von 4,75 m, wobei das kleinste Haus aus 3, und das größte aus 8 Rastereinheiten besteht. Bei der Ausführung wählte man bewusst die handwerkliche Variante. Die werkseitig abgebundenen Hölzer wurden auf der Baustelle händisch montiert. Ohne Zeitdruck, abgestimmt auf das Eigenbau-Konzept des Hitzacker Dorfes, den baubiologischen Grundsätzen folgend. In Ergänzung dessen verlegte man eine strahlungsarme Elektroinstallation, gleichwohl aus Kostengründen ohne zusätzliche Abschirmung. Des Weiteren führte man die Erdgeschosse weitgehend barrierefrei aus. Die 3-fach-Wärmeschutzverglasung der Fenster wie auch die Eingangstüren bestehen aus unbehandeltem Eichenholz.

(11) Ausgekreuztes Ständerwerk
(12) Siedlerin trägt Lehmputz auf Strohkernplatte
(13) EG Kalkputz, OG Douglasienholzschalung

Biogas, Solar- und Kleinwindkraft

Die Versorgung mit Heizung und Warmwasser erfolgt über eine benachbarte Biogasanlage, die von einer bäuerlichen Genossenschaft betrieben wird. Über ein eigens verlegtes Nahwärmenetz verkaufen sie einen Teil ihrer bis dato ungenutzten Wärme an das Hitzacker Dorf, wodurch sich die Anlageneffizienz erhöht. Gleichwohl in Maßen, denn die hochgedämmten Gebäude bedürfen nur noch eines Minimums an Heizenergie. Die Verteilung erfolgt je Haus mittels Übergabestationen, wobei die Wandheizungen mit einer niedrigen Vorlauftemperatur von rund 35 Grad Celsius angefahren werden und das Warmwasser im Durchlaufprinzip ohne Stillstandsverluste erzeugt wird. Auf den Dächern werden in Teilen Photovoltaik-Anlagen montiert, und die Planungen für sechs kleine Vertikalwindräder à 10 KW Leistung mit geringen Beeinträchtigungen für Mensch und Natur zwecks siedlungseigener Stromversorgung laufen bereits, zumal das Hitzacker Dorf in einer Art Windschneise liegt und gute Erträge erwarten lässt.

Eigenes Strom- und Wegenetz

Ferner betreiben die Genossinnen und Genossen, um unabhängig zu sein von Fremdentscheidungen, ihr eigenes Strom-Arealnetz mit einer 630 KV-Mittelspannungs-Trafostation. Überdies haben die Siedler, um beim Bau wie beim Betrieb dauerhaft Kosten zu sparen, auf Einzelzähler für Wasser, Strom und Wärme in den Wohnungen verzichtet, so dass sämtliche Parteien gemittelte Verbrauchswerte akzeptieren, was in Summe günstiger für alle ist. Eine konsequente Fortsetzung der Eigenverantwortlichkeit betrifft auch die Erschließungswege, die nicht der Kommune, sondern dem Hitzacker Dorf gehören, das autofrei – die PKWs parken am Siedlungsrand – sowie mit eigenem Carsharing betrieben wird. Last but not least wird ein schnelles, kabelgebundenes Internet dezentrales, strahlungsarmes Arbeiten von zuhause ermöglichen.

(14) Tragende Fachwerk-Lehmbau-Innenwand mit Wandheizung vor Putz
(15) Wohnhaus Wärmenetz-Übergabestation
(16) Vielfalt der Douglasien-Fassadenschalungen

BauweiseHandwerklicher Holzständerbau
Brutto-Grundfläche (BGF)15.000 m2
Brutto-Rauminhalt (BRI)3.000 m3
Wohn-/Nutzfläche BA 14.056 m2
EnergiestandardKfW 40
Jahresprimärenergiebedarf Qp26,44 kWh/(m2a)
Max. zulässiger Jahresprimärenergiebedarf (ENEV 2016)52,87 kWh/(m2a)
Endenergiebedarf46,25 kWh/(m2a)
Bauzeit2018 – 2022
Baukosten je m2 Wohnfläche1.500 Euro brutto
Baukosten gesamt (inkl. Bodenerwerb + Erschließung)5,5 Mio. Euro brutto
BauherrschaftGenossenschaft Hitzacker/Dorf eG, 29456 Hitzacker
Architektur, GeneralplanungFrank Gutzeit, Architekt, 20099 Hamburg
Vision, baubiologische + planerische BeratungThomas Hagelstein + Hauke Stichling-Pelke, 29456 Hitzacker
Holzbau Werkplanung, MontageSHL Holzbau GmbH, 21481 Lauenburg
TragwerksplanungIngenieurbüro für Bauwesen, Dipl. Ing. Andreas Reinecke, 21354 Bleckede-Radegast
DacheindeckungDachdeckermeister Marco Schulze, 29465 Schnega
LandschaftsarchitekturLandschaftsarchitekt Jörg Knaak, 29439 Lüchow
NahwärmenetzAgrarpower Wendland, 29459 Clenze
Strom ArealnetzDipl.-Ing. Heinz Ullrich Brosziewski, 30451 Hannover
HLS PlanungJens Dahms Planungsbüro für Gebäudetechnik, 27419 Sittensen

Abbildungen: (1, 2, 3, 4, 5, 16) Frank Gutzeit Architekt | (6, 11, 13, 15 ) Marc Wilhelm Lennartz | (7, 8, 9, 10, 12, 14 ) Roman Höfers

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