Teamarbeit als Erfolgsgarant

Ist es möglich, nachhaltig, gesund, ästhetisch ansprechend, auf dem Stand der Technik und bezahlbar zu bauen? Und das im ländlichen Raum? Diese Fragen stellten sich Daniel Schmitt-Haverkamp und Philipp Wagner, bevor sie 2021 die Nalewo GmbH gründeten. Für ein Grundstück in Geretsried erhielten sie den Zuschlag und stiegen schnell in die Planung ein. Gemeinsam mit einem Team aus Architekten, Statikern, Landschaftsarchitekten, Energieberatern, Baubiologen und weiteren Fachplanern für nachhaltiges Bauen entwickelten sie ein Mini-Quartier mit fünf Reihenhäusern und einem Doppelhaus, welches 2024 realisiert werden soll. Die Gebäude wurden in Holz-Stroh-Lehmbauweise für einen hohen Vorfertigungsgrad entwickelt.

(1) Vogelperspektive
(2) Gartenseite
(3) Gemeinschaftsfläche

Baubiologie als Leitfaden

Um einem hohen nachhaltigen und ökologischen Anspruch gerecht zu werden, sind die 25 Leitlinien der Baubiologie ein zielführendes Instrument und wirken sogar dann, wenn sie nicht in der Zieldefinition festgelegt wurden. So stellt sich heraus, dass die wirtschaftlichste Variante für das Erstellen der Gebäudehülle eine Zimmerei ist, die regional produziert und dann vor Ort aufstellt; ebenso werden alle anderen Gewerke regional beauftragt. Das lokal bezogene Baustroh kann nach seiner Lebenszeit kompostiert werden. Lehm als Innenputz ist ein natürlicher Baustoff ohne Zuschläge und Schadstoffe, reguliert das Raumklima, puffert Feuchtigkeit und Wärme und ist ebenfalls nach dem Ausbau recycelbar. Selbst in der Verbindung von Stroh und Lehm lassen sich die Baustoffe in den natürlichen Stoffkreislauf zurückführen.

Wassergeführte Flächenheizungen ermöglichen angenehme Strahlungswärme, der Einbau in der Decke vermeidet Estriche im Bodenaufbau, spart Bauzeit sowie -feuchte und erlaubt einen sortenreinen Rückbau zum Nutzungsende. In Kombination mit entkoppelt verschraubten Massivholzböden auf Lagerhölzern und einer Brettstapeldecke wird ein erhöhter Schallschutz erreicht.

Alle Oberflächenveredelungen werden mit natürlichen Baustoffen ausgeführt: Lehmedelputze, Hartwachse und -öle, sowie Naturstein und Massivhölzer.

Die Versiegelung des Grundstücks wird so gering wie möglich gehalten, das Regenwasser in Retentionsflächen und Rigolen versickert. Aus statischen Gründen waren die ursprünglich geplanten Schraubfundamente mit Holzelementdecke gegen eine Stahlbetonbodenplatte auf Kiesbett zu tauschen – hier mussten also aus baubiologischer Sicht Kompromisse gemacht werden, die aber zur Realität am Bau gehören und damit zu dem übergeordneten Hinweis der 25 Leitlinien:

„Unter realen Bedingungen können nicht immer alle Kriterien erfüllt werden. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht deshalb deren Optimierung im individuell machbaren Rahmen.“

(4) Schlafzimmer
(5) Küche
(6) Sitzfenster

Low Tech als energieeffiziente Lösung

Statt einer Ziegel- oder Stehfalzdeckung wird eine vollflächige, hinterlüftete Indach Photovoltaikanlage verwendet, über dem Balkon mit transluzenten Modulen. Auf den Reihenhäusern können so 210 kWh/m²a gewonnen werden und decken damit ca. 64% des Eigenbedarfs ab. Sommerliche Überschüsse werden in den Schichtpufferspeicher und ins öffentliche Netz eingespeist. Für die nächtliche Stromversorgung der Haustechnik ist ein Batteriespeicher mit 50 kWh Kapazität geplant. Flächenheizungen und der hohe Dämmstandard der Gebäudehülle garantieren einen niedrigen Verbrauch an Wärmeenergie, die über eine Grundwasserwärmepumpe gewährleistet wird. Sowohl die Reihenhäuser, als auch das Doppelhaus haben jeweils einen gemeinsamen Hausanschluss, das Warmwasser wird über Frischwasserstationen in den Küchen und Bädern bzw. mit Durchlauferhitzern in den Gäste-WCs erwärmt. Auf Smart-Home Technologien wird verzichtet, ebenso auf mechanische Lüftungsanlagen. Es gibt in den Aufenthaltsräumen lediglich DIN-gerechte Fensterfalzlüfter zum Erhalt des nutzerunabhängigen Mindestluftwechsels in Kombination mit dezentralen elektrischen Entlüftern in den Bädern. Zusätzlich ermöglicht die Lage der Fenster manuelle Querlüftung.

Kreislauffähigkeit und Nutzerunabhängigkeit als Zukunftsmodell

Auf Verbundstoffe wird im Projekt grundsätzlich verzichtet, die hölzerne Fassadenverschalung ist unbehandelt und hinterlüftet. Der Wandaufbau dahinter ist einzeln demontierbar. Installationen werden bestmöglich in Schächten geführt, so dass Wartungsarbeiten und Reparaturen leicht ausgeführt werden können. Sollte sich die Lebenssituation der Eigentümer irgendwann ändern –zeitbedingt oder unvorhergesehen – können die Reihenhäuser zu je zwei separaten Wohneinheiten getrennt und im Erdgeschoss barrierefrei genutzt werden.

Generell wird eine gute Nachbarschaft geachtet. Es ist ausdrücklich vorgesehen, dass miteinander und nicht nebeneinander gelebt wird. Gebrauchsgegenstände können gemeinschaftlich genutzt, Autos und Fahrräder geteilt werden. Ob sich hier 7 Familien oder eine große Wohngruppe zusammenfindet, ist nicht festgelegt. Es gibt keine abgetrennten Gartenbereiche, Gemeinschaftsbereiche können noch flexibel geschaffen werden, Zäune und Sichtschutzelemente sucht man innerhalb der Anlage vergebens, dafür gibt es Spielbereiche für Kinder, viel Grün, eine gemeinschaftliche Begegnungsfläche mit Hofbaum und eine umgenutzte Bestandsgarage als Gemeinschaftsraum.

Neugierig geworden?
Auf www.nalewo.de/alinea erfahren Sie mehr zum Projekt und erhalten nach Anmeldung exklusive Vorabinformationen. Der offizielle Verkaufsstart ist im Oktober/November 2023.

Die Anforderung an das Gebäude und damit auch das Angebot an die zukünftigen Besitzer lautet: Euer Zuhause bleibt so lange wie möglich Euer Zuhause. Mit oder ohne Kinder, im Alter, bei Krankheit, bei nicht vorhersehbaren Lebenssituationen. Mit diesem Ansatz erfüllt das Mini-Quartier in Geretsried ein Versprechen, das der Projektname in sich trägt: Alinea. Eine aus dem Druckwesen stammende, veraltete Bezeichnung für einen Zeilenumbruch, also ein Ende und ein Anfang von etwas Neuem – in diesem Fall eine neue Art des Denkens im Bauwesen. Der Mensch und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt der Betrachtung, über lange Lebenszyklen gedacht, für uns und die nächsten Generationen.

Auch der Umgang mit der Planungsphase zeigt die Haltung der Projektentwickler: In Webinaren öffneten sie den Planungsprozess allen Interessierten. Fehler und Korrekturschleifen wurden genauso offen diskutiert, wie Erfolge. Ihr Ziel dabei: die Branche soll sich für mehr Miteinander öffnen. Mehr Kooperation, statt Konkurrenz.

(7) Gesamtgrundrisse EG
(8) Fassadendetail Horizontalschnitt
(9) Fassadendetail Vertikalschnitt
(10) Regenwassernutzung

Abbildungen: (1-6) NALEWO Alinea | (7-9) G+E Architekten | (10) liebald+aufermann

Baudaten

Alinea – Miniquartier in 82538 Geretsried

PlanungGrassinger Emrich Architekten GmbH, München, NALEWO GmbH Grünwald
Baujahrvoraussichtlich 2024
Wohnflächeab 120 m² je Wohneinheit
Außenwände (von innen nach außen)Holzschalung 20 mm / Konterlattung 30 mm / Lattung 30 mm / Holzweichfaserplatte, hydrophob 60 mm / Baustroh (zertifiziert) / Holzständerwerk 360 mm / Lehmputz 30 mm
Dach (von außen nach innen)Indach-Photovoltaikanlage inkl. Unterkonstruktion 45 mm / Konterlattung 40 mm / Lattung 40 mm / Holzfaser-Unterdeckplatte, hydrophob 60 mm / Sparren mit Zwischensparrendämmung aus Zellulose, Dampfbremse 320 mm / Rauspund 28,5 mm / Lehmbauplatte schwer 25 mm oder Lehmputz mit wassergeführtem Heizschlangenelement 5 mm / Lehmdünnputz
InnenwändeLehmdünnputz 8 mm / Strohbauplatte 40 mm / Holzständerwerk als Installationsebene 30 mm / Strohbauplatte 40 mm
Böden (von unten nach oben)Erdreich / Kies / Stahlbeton 220 mm / Abdichtung / Wärmedämmung mit Lattung in Kreuzlage 320 mm / Massivholzdielen
Zwischendecken (von unten nach oben)Lehmputz mit integrierter wassergeführter Wandheizung 30 mm / Lehmbauplatte, schwer 22 mm / Brettstapeldecke 140 mm / Lagerhölzer mit Zelluloseschüttung / Massivholzdielen 20 mm
Fenster, TürenGeölte Holzfenster / Massivholztüren
Energetisches Konzept / Haustechnik• Energiestandard KfW 40 NH
• Heizwärmeverbrauch 15 W/m²/a
• Grundwasserwärmepumpe mit Schichtpufferspeicher
• Flächenheizung unter den Zwischendecken
• Fensterlüftung
• Indach-Photovoltaikanlage mit 50 kW Speicher
• Trinkwassererwärmung über Frischwasserstationen und • Durchlauferhitzer
• Regenwasserversickerung auf dem Gelände und Retentionsflächen
StatikZRS Architekten Ingenieure Berlin
EnergiekonzeptGreengineers GmbH, München
DGNB AuditorMartin Wirz, Baubiologe IBN, Köln
EnergieberaterMartin Lang, St. Katharinen
Planungsdetails Holz-Stroh-LehmbauIgnaz Sonner, Utting a. Staffelsee
Freiflächenkonzeptliebald+aufermann Landschaftsarchitekten und Stadtplaner PartG mbB, München

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  1. Gefällt mir sehr gut. Ich habe aber Schwierigkeiten mit dem Begriff ‘bezahlbar’, wenn auf der Webseite des Projekt mit Preisen ab 1.049.000 € geworben wird. Das sind bei 120 m² immerhin über 8.700 € / m².

    • Ich bin ganz bei dir. Bedenke bitte die Lage südlich von München. Grundstückspreise sind hier ziemlich hoch. An anderen Orten Deutschlands dürfte die Preise etwas anders aussehen. Von den reinen Baukosten sind wir eine gewollte und deutliche Konkurrenz für konventionelles Bauen.

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