Baubiologische Beratungsstelle IBN
Stephan Streil
82223 Eichenau b. München

Mehr Infos im baubiologie-verzeichnis.de

Stephan, du bist Baubiologischer Messtechniker IBN, Asbest- und Schadstoffsachverständiger, bist VDB-zertifiziert (Berufsverband Deutscher Baubiologen e.V.) und leitest eine Baubiologische Beratungsstelle IBN. Als Baubiologe pflegst du ein umfangreiches, öffentliches Glossar, schreibst im Baubiologie Magazin und wirst auch mal vom Radio oder Fernsehen begleitet. Sind das die Gründe zu deinen vielen persönlichen Empfehlungen auf deiner Internetseite? 

Ganz einfach: Baubiologische Fragestellungen sind ganz nah am Menschen – ob es nun um Raumluft im Kinderzimmer, Hauskauf, einen gesunden Schlafplatz oder einen unbelasteten Arbeitsplatz geht. Ich nehme die damit verbundenen Unsicherheiten ernst und das spüren die Menschen. Meine Kunden suchen Einordnung und eine Richtschnur zum Umgang mit einem für sie oft neuen Thema und der Informationsflut im Internet. Bei Privatleuten schließt dann der Auftrag oft mit einem Telefonat, in dem ich gefragt werde: „Was würden Sie an meiner Stelle machen?“ In solchen Momenten ist mein Sachverstand zwar die Grundlage, ich antworte aber persönlich und ohne Fußnoten – das ist, glaube ich, die Hauptmotivation der Leute für die positiven Bewertungen.

Auf welche Themen hast du dich spezialisiert?

Ich komme aus der umweltanalytischen Ecke. Das heißt, ich habe alle Hände voll mit analytischen Fragestellungen zu tun. Häufig geht es um Schadstoffe – speziell Asbest, um Radon oder um elektromagnetische Felder, der Volksmund sagt Elektrosmog. Oft geht es auch um Feuchte und Schimmel, das sehen meine Kunden meist aus gesundheitlicher Perspektive – zu Recht. Nicht zuletzt arbeite ich aktuell auch im Gremium zur Aktualisierung des Standard der Baubiologischen Messtechnik SBM mit. Das ist unsere analytische Arbeitsgrundlage – ganz breit aufgestellt, im Sinne der Ganzheitlichkeit.

Asbest ist in Produkten doch schon seit den 90er Jahren verboten. Warum ist er dann noch ein Thema?

Asbestfasern lösen mit einer Verzögerung von unter 40 Jahren Lungenkrebs aus – die Zahlen müssten also längst deutlich sinken, tun sie aber nicht. Diese Statistik ist so deutlich, dass die Berufsgenossenschaften alarmiert sind. Es sterben immer noch viel zu viele Leute an den Altlasten, hauptsächlich im Baugewerbe. Asbestos heißt übrigens auch unvergänglich.

Als Eigentümer einer Immobilie ist man auch Eigentümer der enthaltenen Schadstoffe. Wenn man Schadstoffe bearbeitet, ausbaut oder asbesthaltige Putze und Fliesenkleber zerstäubt, wird man zum ungewollten Inverkehrbringer der Schadstoffe. Damit ist auch eine Verantwortung verbunden.

Entsprechend der geplanten Novelle der Gefahrstoffverordnung sind auch Privatleute dazu verpflichtet, schon vor Beauftragung von Bau- und Sanierungsarbeiten den Asbestverdacht durch eine Erkundung zu widerlegen. Das gilt für alle Gebäude, die vor November 1993 erstellt wurden. Neu ist die Verantwortung des Eigentümers für „seine“ Schadstoffe jedoch nicht, denn das ist so bereits seit Jahren in den Technischen Regel für Gefahrstoffe TRGS 524 vorgeschrieben. Mit der Aufnahme in die Gefahrstoffverordnung bekommt das nun hoffentlich eine angemessene gesellschaftliche Aufmerksamkeit.

Beim heutigen Aufregungsniveau in der Gesellschaft und der Tendenz zu vorschnellem Geschrei möchte ich ganz deutlich sagen: Das hat nichts mit einem „von oben herab“ erstellten Gesetz zu tun. Vielmehr geht es darum, dass jeden Tag irgendwo in einem Krankenhaus unserer Republik irgendwelche Baubeteiligten um ihr Leben ringen.

(1) Manchmal muss man einfallsreich sein: Radonmessung zur Quellensuche an einem Riss im Boden
(2) Beim Abbruch von historischen Gebäuden zeigen sich die unterschiedlichsten Zeitspuren. Manche sind mit Gefahrstoffen belastet
(3) Auch in normalen Altbauten stehen Putze, Spachtelmassen, Fliesenkleber (PSF), die vor November 1993 eingebaut wurden, unter Asbestverdacht
(4) Bei den Arbeiten mit Asbest sind Arbeitsschutzvorschriften einzuhalten, sog. Wellplatten dürfen beispielsweise nicht zerbrochen werden. Hier wurde das missachtet.

Gesellschaftliche Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Was verdient außerdem mehr Beachtung?

Erschreckend finde ich, wie unüberlegt weiterhin neue Ewigkeitschemikalien in Verkehr gebracht werden – aktuell wird beispielsweise endlich über das Verbot von PFAS, also per- und polyfluorierte Chemikalien diskutiert. Als Verbraucher sollten wir informiert sein und entsprechend zurückhaltend sein mit diesen kritischen Antihaft- und Imprägnier-Chemikalien, die beispielsweise im Einwegkaffeebecher, in beschichteten Pfannen, als Funktionsmembran in Outdoor-Kleidung, aber auch bereits in manchen Oberflächenbehandlungsmitteln, Laminaten oder Bodenbelägen stecken. Es gibt keine Kennzeichnungspflicht, also nachfragen! Solange, bis alle Hersteller PFAS-frei arbeiten. Einmal in der Umwelt – bleiben sie auf Generationen dort. Beeindruckt hat mich der Film „Dark Waters / Vergiftete Wahrheit“. Sehenswert!

Wie kommt es zu einem Auftrag, Radon zu messen?

Radon ist meist nur ein Thema, wenn ich das aktiv ins Spiel bringe. Wenn ich in einem alten Häuschen mit offenem Kellerboden bin, etwa. Dann spreche ich die Leute auf krebserzeugendes Radon durch Bodengas an. Die fallen dann aus allen Wolken. Einmal hatte sogar das Schlafzimmer darüber genau die gleiche, kritische Konzentration wie der trockene Keller darunter. Ältere Keller sind häufiger betroffen, Feuchtigkeit ist oft ein verdächtiger Indikator – zumal Radon noch kleiner als das Wassermolekül ist. Genaueres weiß man aber nur, wenn man gemessen hat.

Es gibt Grenzwerte für Asbest und Referenzwerte für Radon. Aber wie sieht es bezüglich Elektrosmog aus?

Bei Asbest und Radon geht es um Einflüsse auf den Menschen, die schon im Niedrigdosisbereich offensichtlich sind. Bei Elektrosmog geht es eher um Beeinträchtigung von Lebensqualität. Das ist viel viel schwerer zu korrelieren, also Messwerte und Auswirkungen zu vergleichen. Hierzu gibt es keine Sterbestatistiken und Grenzwerte werden völlig anders begründet. Sie bemessen sich bei den elektromagnetischen Feldern danach, wie warm körperliches Gewebe z.B. im Hirn wird. Oder ob die elektrischen Ströme, die im Körper angeregt werden, in Richtung Herzkammerflimmern führen können.

Wärme kann man messen. Aber lange bevor das Hirn auch noch unnatürlich warm wird, treten bei einer größeren Zahl von Menschen schon Probleme auf. Die haben dann keine Lebensqualität mehr, weil sie Befindlichkeitsstörungen haben oder nicht mehr leistungsfähig sind. So wie zum Beispiel ein Mann, den ich seit 16 Jahren begleite – seit er durch die Mobilfunktechnologie UMTS sensibilisiert wurde. Damals war er ein junger, spritziger, sehr erfolgreicher Unternehmer, der eine große Firma aus dem Boden gestampft hatte.

Mitte 30, mit Einführung des UMTS telefonierte er nicht nur viel mit seinem neuen Handy, sondern wohnte auch neben einem Mobilfunkmast. Innerhalb weniger Wochen war er hochgradig auf genau dieses Signal sensibilisiert.

(5) Der stärkste Sender weit und breit mit einem HF-Spektrumanalyser enttarnt – das DECT-Telefon auf dem Nachttisch
(6) Wohngebiet unter Hochspannungsleitung
(7) Würfelmessung elektrischer Wechselfelder unter einer 380kV-Höchstspannungsleitung für ein Familienzentrum

Woher wusste er, dass ihm der Mobilfunk Probleme bereitet?

Er hat es damals herausgefunden, weil er zu seinen Eltern geflohen war, als es ihm so schlecht ging. Und dort gab es noch keinen Empfang. Er schaltete sein Handy aus und da wurden seine Beschwerden besser. Die kamen erst wieder, als er mit seinem Handy wieder auf Empfang ging. Heute ist er immer noch erfolgreich, kümmert sich aber auch darum, Elektrosmog bestmöglich zu vermeiden bzw. abzuschirmen. Aktuell habe ich wieder einmal nachgemessen und er war nur mit einer Strahlungsdichte von 30 µW/m² belastet. Das ist so wenig, dass man es wissenschaftlich oft kaum ernst nimmt. Aber das hat bei ihm gereicht.

Dabei ist er kein Mensch, der vor allem und jedem Angst hat. Er ist genau das Gegenteil. Er reißt was und plötzlich fällt er zusammen. Dabei kann er festmachen, woher das kommt. In einem Hotel mit WLAN kann er keinen Urlaub machen, denn wenn nicht wenigstens die Nachtphase ungestört ist, geht ihm die Energie aus. Erholung ade. Mich berührt das.

Aus welchen Gründen kommen Neukunden mit Fragen zu Elektrosmog zu dir?

Es gibt viele Fälle mittlerweile, in denen Menschen Wohnungen oder Häuser kaufen wollen und vorher wissen möchten, ob ein naher Mobilfunksender ihnen dazwischenfunkt. Sie fragen: ‚Wie könnte ich meine Wohnung ertüchtigen, dass ich so wenig wie möglich Funk drin habe.‘

Was sind weitere Schwerpunkte von dir?

Was häufig an mich herangetragen wird, sind Themen rund um Schadstoffe. Dabei geht es nicht nur um Altbauten, sondern zunehmend auch um Schadstoffe nach Einzug in neue Wohnungen oder Häuser. Spätestens, wenn es nach einem Jahr immer noch unangenehm riecht, kommen sie zu mir.

(8) Messung magnetischer Feldverzerrungen durch Stahlarmierung – diese konnten so minimiert werden
(9) VOC-Abnahmemessung im Klassenzimmer eines Schulneubaus vor Übergabe …
(10) … und in der Eingangshalle

Wie findest du Ausgleich bei solchen Schicksalen?

Ja, bei mir haben die meisten Aufträge ein Gesicht. Das belastet auf die Dauer natürlich auch. Ich tanke regelmäßig auf spanischen Jakobswegen auf – gerne abgelegen und nah am Leben dort. Auch jungen Kolleg*innen im Umwelt- und Gesundheitsbereich möchte ich gerne mitgeben: Man kann nicht mehr geben, als nachwächst. Nachhaltigkeit fängt bei uns an.

(11) Baubiologie Streil im Arte-Magazin Xenius: Vom feuchten Keller über Schadstoffe bis zum Dauersender WLAN in einem Leuchtmittel
(12) Gemessen wird überall, beispielsweise in denkmalgeschützten Häusern, …
(13) … in Mehrfamilienhäusern, …
(14) … Neubauten und auf Grundstücken, um um die Planung darauf abstimmen zu können

Leser-Interaktionen

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  1. — Diese Frage erreichte mich per Mail und ich möchte hier antworten —

    “Sehr geehrter Herr Streil,
    ich habe mit großem Interesse im Baubiologie Magazin gelesen, dass jeder Altbau asbesthaltige Putze, Kleber etc. enthalten kann. Das war mir bisher komplett nicht bekannt. Wie kann ich konkret bei einem Objekt herausbekommen, ob Materialien belastet sind? Gibt es bestimmte Anhaltspunkte beim Material? Wer führt solche Untersuchungen z.B. im Raum Bremen durch?”

    >>>
    Wie im Artikel angesprochen, wird für Bauherren eine Schadstofferkundung auf Asbest verpflichtend, wenn das Gebäude älter als November 1993 ist. Diese Erkundung führen Sachverständige und Baubiologen mit “Asbestsachkunde nach Anlage 3” durch.

    Regionale Ansprechpartner finden Sie hier unter Beratungsstellen > Messtechniker oder auch beim Berufsverband deutscher Baubiologen unter http://www.baubiologie.net

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