Baubiologische Beratungsstelle IBN
Silvio Stolpe
63820 Elsenfeld

Mehr Infos im baubiologie-verzeichnis.de

Silvio du bist Malermeister, Lehmbauer, Sachverständiger für Schäden an Gebäuden und Sachverständiger für Schimmelschäden. Warum wurdest du zudem Baubiologe IBN?

Ich habe lange Zeit in „konventionellen“ Firmen gearbeitet. Schon früh merkte ich, dass dies nicht das ist, was ich möchte. Den Häusern, welche so gebaut wurden, fehlt es an Leben und einer Seele. Als ich dann die Meisterausbildung gemacht habe, habe ich auch vier Monate bei der Kirchenmalermeister-Ausbildung reingeschnuppert. Danach habe ich viel über alte Putz- und Maltechniken gelesen, gelernt und mir in Fortbildungen angeeignet. Seit 2015 habe ich mich mit einer eigenen Firma auf ökologische Sanierungen und Neubauten spezialisiert. 2017 wurde ich dann auf die Ausbildung zum Baubiologen IBN aufmerksam, genau zur richtigen Zeit. Das war die perfekte Ergänzung für meinen beruflichen Werdegang und genau das, was meinen Vorstellungen entsprach. Also entschied ich mich für diese Ausbildung und habe nach dem Abschluss 2018 auch gleich eine Baubiologische Beratungsstelle IBN eröffnet.

(1) Bei dieser Wohnzimmergestaltung lasierte Silvio Stolpe rote und orangenfarbene Pigmente mit Silikatbindemittel auf einen bestehenden Kalkputz
(2) Eine Musterplatte hinter dem Bild veranschaulicht die Idee der Illusionsmalerei
(3) Inspiriert durch historische Trompe-l’oeil Malerei geht hier die Fotografie in die Wand über

Was sind deine Lieblingsmaterialien?

Am liebsten arbeite ich mit Lehm in jeglicher Art, mit Holz, aber auch mit Metall, bevorzugt in Rost, wegen der schönen Brauntöne.

Warum bevorzugst du Lehm?

Zum einen ist mir Nachhaltigkeit wichtig. Zum anderen ist der Lehm an sich ein faszinierendes Baumaterial. Er ist unglaublich vielseitig, hat tolle Eigenschaften und ist so vielfältig in den Gestaltungsmöglichkeiten. Man kann Wohnräume ganz minimalistisch und modern damit gestalten, aber auch rustikal oder gar ganz ausgefallen. Der Umgang mit Lehm erdet mich immer wieder und das Arbeiten damit entschleunigt meinen Alltag sehr.

Meines Erachtens darf gesundes Bauen und Wohnen nicht als Luxusgut nur Jenen zur Verfügung stehen, welche viel Geld haben. Daher habe ich mich auch maschinentechnisch so aufgestellt, dass ich z.B. den deutlich günstigeren erdfeuchten Lehmputz verarbeiten kann. Der hat zudem auch eine deutlich bessere Ökobilanz, als der getrocknete.

(4) Im eigenen Schlafzimmer wirkt der dunkle Lehm behütend
(5) Wohlfühlklima durch eine Wandheizung und die Sorptionsfähigkeit von Lehm. Die Gestaltung mit Steinen und Fliesenbruch entführt in ein märchenhaftes Reich
(6) Natürlicher Rost, wie hier um die Schalter, bildet Rottöne und freie Formen wie Wolken am Himmel
(7) Für Lichtakzente sorgen selbst entworfene und hergestellte Leuchten

Welche innovativen Materialien verarbeitest du?

Die Materialien, mit denen ich arbeite, sind eigentlich sehr traditionell. In der heutigen Zeit der künstlichen Materialien mögen dann aber Stroh, Lehm und Holz wieder als innovativ gelten. Eines der aufregendsten und spannendsten Projekte war definitiv eine energetische Sanierung mit 20 cm dicken Strohdämmplatten – eine tolle Erfahrung. Schon der Geruch beim Auspacken der Paletten war angenehm. Ein solches Projekt war bislang einzigartig, zumindest in unserem Landkreis.

Hast Du schon mal mit Hanfkalksteinen gearbeitet?

Ja, stimmt, bei der Sanierung einer Scheune haben wir marode Tuffsteine dagegen ausgetauscht und alles mit Kalk verputzt.

(8) Bei der energetischen Sanierung eines Mehrfamilienhauses dämmen innovative Strohplatten die Fassade
(9) Die Strohdämmplatten erhielten ein Kalkputzsystem und eine ocker getönte Silikatfarbe
(10) Im Inneren schmücken plastische Ornamente aus Lehm die Fenster …
(11) … und setzen sich kontrastreich vom Lehmputz ab
(12) Im Schlafzimmer wirkt eine Felsimmitation aus Lehm beruhigend

Mit welchen Schadstoffen hast du es als Bausachverständiger zu tun?

Die meisten Fälle, zu denen ich als Sachverständiger gerufen werde, haben mit Schimmel zu tun. Aber auch Schadstoffmessungen in alten Fertighäusern haben wir schon gemacht. Vor einiger Zeit hatte ich einen solchen Auftrag, da der Kunde sein in den 1970ern gebautes Fertighaus verkaufen wollte und bei den potenziellen Käufern immer wieder die Frage aufkam, wie belastet das Gebäude sei. Zum Glück für den Verkäufer konnten wir aber nur eine sehr geringe Belastung von mikrobiellen flüchtigen organischen Verbindungen und Formaldehyden nachweisen. Das kann in solchen Häusern auch deutlich schlimmer sein.

Was war eine erfolgreiche Schadstoffsanierung?

Vor kurzen erst hatten wir einen Fall mit massiven Schimmelbefall im Dachgeschoss eines Mehrfamilienwohnhauses, entstanden durch einen Wasserschaden. Die Sanierung war relativ aufwendig und schwierig. Beim Rückbau musste entsprechend abgeschottet werden. Bei Außentemperaturen von 29° C in einem schlecht gedämmten Dachgeschoss in Vollmontur mit entsprechendem Atemschutz war das Ganze kein Spaß. Aber auch so etwas gehört eben mit zum Beruf.

Du unterrichtest beim IBN-Seminar „Baubiologische Raumgestaltung“. Was macht für dich dieses Seminar aus?

Ich liebe die Vielfalt der Menschen, die sich dort finden. Von Jung bis Alt, vom Doktor bis zum Handwerker. Und alle sind auf einer Augenhöhe. Die Baubiologie als verbindendes Glied sorgt für ein harmonisches Miteinander. Es ist auch für uns als Dozenten immer wieder lehrreich, zumal bei den meisten Teilnehmer*innen die Sicht der Dinge noch recht frei ist, während unsereiner in seiner Denkweise oft bereits recht geprägt st. Beim Umgang mit den Teilnehmer*innen tauchen dann immer wieder Fragen oder Ideen auf, welche auch uns wieder eine neue Sichtweise geben.

(13) Beim IBN-Seminar „Baubiologische Raumgestaltung“ verzauberte Stolpe eine Musterwand aus Hanfkalksteinen und Strohlehm ornamental
(14) Mut zu Experimenten: Bei diesem Boden verleiht Öl dem Lehmputz Zähigkeit, Carnaubawachs sorgt für Härte

Bei diesem Seminar werden auch Platten mit Musterflächen angelegt. Was war zuletzt die schönste Musterplatte?

Die schönste Platte gibt es gar nicht. Beim letzten Kurs wurden sehr viele kreative Ideen ausgeführt und alle waren sehr tolle Ergebnisse. Mal war die Gestaltung sehr floral und verspielt, mal sehr anmutig oder sie erinnerte an asiatische oder afrikanische Kulturen. Die Vielfältigkeit der Teilnehmer spiegelt sich hier auch in den Mustern wieder.

Um die ganzheitliche Herangehensweise der Baubiologie zu vervollständigen, sanierst du auch Wasserschäden. Welche Arbeiten fallen dabei an?

Bei der Sanierung von Wasserschäden decken wir die Bereiche der Leckageortung, der Bautrocknung und der Wiederherstellung ab. Das ist sehr vielfältig und spannend. Oftmals ist die Ursache nicht so offensichtlich. Dann fühle ich mich schon mal wie Sherlock Holmes und gehe mit detektivischem Eifer und Sorgfalt auf die Suche.

Wie gelingt es, dass eine Versicherung eine gute baubiologische Sanierung möglichst umfänglich bezahlt?

Wichtig ist vor allem, dass alles gut dokumentiert wird. Die Schäden, die wir dann reparieren müssen, werden soweit möglich mit baubiologisch empfehlenswerten Materialien ausgeführt. In der Regel gibt es von den Versicherungen eine Freigabegrenze. Solange diese nicht überschritten wird, ist es denen relativ egal, wie saniert wird, solange alles fachlich richtig ausgeführt ist.

(15) Sanierungen werden am besten mit ähnlichen Materialien weitergebaut
(16) Die Füllungen aus Tuffsteinen waren mitunter schadhaft
(17) Nach dem Weiterbauen mit Hanfkalksteinen wurden die Füllungen mit Kalk verputzt. Auch das Wohnhaus erhielt einen Kalkputz
(18) Schrift ist ein schönes Gestaltungsmittel

Was war dein spannendstes Projekt?

Da gibt es viele. Wir durften mal einen kompletten Getränkemarkt gestalten. Dort haben wir dann z. B. Bäume und eine Weltkugel modelliert.

Woran arbeitest du gerade?

Im Moment sanieren wir ein Zweifamilienwohnhaus. Die Trockenbauarbeiten erfolgten mit Gipsfaserplatten auf einer Holzunterkonstruktion, die Innenarbeiten komplett in Lehm, die Fassadenarbeiten mit Holzweichfaserdämmung und einem Kalkputzsystem.

Was ist deine Vision?

Beruflich möchte ich meinen Malerbetrieb verkleinern und mich mehr auf Baubiologie konzentrieren. In Kooperation mit einer Bauingenieurin sanieren wir dann alte Häuser nach baubiologischen Gesichtspunkten. Mit ins Boot nehmen möchte ich eine baubiologische Innenarchitektin und eine baubiologische Messtechnikerin IBN. Mit einer solchen Kooperation könnten wir die gesamte Bauphase begleiten, von der Planung bis zur Fertigstellung. Für mich steht deshalb dieses Jahr noch die TÜV-Zertifizierung zum Bauleiter an.

Privat wünsche ich mir, dass die Menschheit wieder mehr Demut zeigt und sich selbst nicht als so wichtig ansieht. Die Probleme unserer Zeit können wir nur gemeinsam lösen. Wenn wir Abwehrmauern bauen und nur an uns denken, werden wir sang- und klanglos untergehen. Auch sollten wir endlich verstehen, dass wir nur ein kleiner Teil der ganzen Schöpfung sind. Wir können nicht ohne unseren wundervollen Planeten Erde, aber die Erde kann sehr wohl ohne uns.

Fotos: (1-12, 14-18) Silvio Stolpe | 13 Achim Pilz

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