Wie wurdest du das erste Mal auf die Baubiologie aufmerksam?

Im Sommer 1997 las ich in einem japanischen Architekturmagazin, dass eine Forscherin, Frau Dr. Ulla Eggers (Livos Pflanzenchemie GmbH) einen Vortrag in Osaka/Japan halten wird. Ich weiß nicht warum, aber diese Mitteilung erregte meine Aufmerksamkeit. Deshalb rief ich den Veranstalter Herrn Ikeda an (✝︎ 2020), um ihn nach Einzelheiten zu fragen. Während des Telefonats stellte sich heraus, dass er auch Importeur von Livos-Produkten ist. Nach wenige Minuten beauftragte er mich, das Buch „Wege zum Gesunden Bauen“ von Architekt Holger König ins Japanische zu übersetzen. Durch meine langjährige Beschäftigung mit der Anthroposophie (seit 1981) sowie mein zweijähriges Forschungsstudium an der TU München (1991-1993) u.a. zur Architekturtheorie der Goethezeit war ich auf diese erste Begegnung mit der Baubiologie innerlich gut vorbereitet.

Für die Übersetzung von Holgers Buch entstand eine Zusammenarbeit mit Herrn Gen Takahashi (✝︎ 2004), meinem Betreuer. Er studierte Mechanik in Japan sowie Architektur an der TU Darmstadt und führte in den 90er Jahren als Pionier die ökologische Architektur in Japan ein. Ich las jeden Freitag mit ihm gemeinsam die von mir übersetzten Manuskripte und daraus entstand letztendlich 2005 die Arbeitsgemeinschaft Baubiologie, vergleichbar mit einem Forschungsinstitut. Das Buch erschien im Jahre 2000 nach dreijähriger intensiver Arbeit (Bild 3).

Um mehr über die Baubiologie zu erfahren, machtest du 1998 eine Reise nach Deutschland. Was waren deine eindrücklichsten Erlebnisse?

Durch die Übersetzung des Buches von Holger König lernte ich viel über die Baubiologie und deren ganzheitlichen Ansatz. Natürlich es auch Informationen zum Institut für Baubiologie + Nachhaltigkeit IBN und so entstand in mir der Wunsch, das Institut zu besuchen und von dessen Gründer und Pionier Prof. Dr. Anton Schneider kennenzulernen. 1998 war es dann so weit. Ich erinnere mich, wie ich mit dem Taxi von Neubeuern zum Institut durch Felder und Wiesen fuhr und mich fragte, ob die Straße richtig sei. Als ich am Nachmittag an der Tür klingelte, wurde ich von einem hemdlosen Anton begrüßt, der mit einer Hacke aus dem Garten kam. Ich war sofort begeistert von der Tatsache, dass die Baubiologie von hier aus in die ganze Welt hinausgetragen wird.

Die Art und Weise, wie er ruhig sprach und seine Worte sorgfältig wählte, entsprach meiner Vorstellung eines Denkers. Er inspirierte mich dazu, ein gutes städtisches Umfeld zu schaffen und eine Ökosiedlung zu entwickeln.

Er berichtete mir, dass sich die 25 Leitlinien der Baubiologie und der Fernlehrgang Baubiologie IBN bereits in den 70er Jahren etablierten. In Japan dagegen wurde man auf das Problem krank machender Wohnungen und Gebäude erst in den 90er Jahren aufmerksam. Gerne denke ich an seine Worte zurück: “Veröffentlichen Sie, was Sie getan haben, und sei es auch nur ein bisschen. Wir haben auch vor einem Vierteljahrhundert bei null angefangen.”

Anton Schneider hatte meine Artikel sowie Aufsätze stets geschätzt und sie viele Male in der IBN-Zeitschrift „Wohnung + Gesundheit“ veröffentlicht (Anm. der Redaktion: Die Zeitschrift „Wohnung + Gesundheit“ wurde 2019 vom Informationsportal „Baubiologie Magazin“ abgelöst). Ich bin immer noch dankbar, dass er mir die Gelegenheit gegeben hat, meine Arbeit vorzustellen (Foto 1).

Prof. Dr. Tsuneo Ishikawa

  • Geboren 1962 in Tokio, Japan
  • Architekturstudium an der Waseda Universität in Tokio
  • 1987 Assistent am Yuji Agematsu Seminar der Tokai Universität
  • 1991-93 DAAD Stipendiat an der TU München
  • 1995 Promotion in Tokio
  • Seit 1997 Dozent in der Architekturabteilung des TU Maebashi (Institute of Technology)
  • Seit 2004 Architekturbüro „Atelier Bio-Haus-Japan“
  • 2005, Gründung des Baubiologie Institute of Japan BIJ (baubiologie.jp | bureau@baubiologie.jp)
  • Seit 2011 japanische Version des Fernlehrgang Baubiologie IBN
  • Seit 2012 Professor und derzeit Vizepräsident. Lehrstuhl für Architekturdesign, Architekturtheorie und Baubiologie 
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„Seit der Gründung meines Architekturbüros entwickle ich meine Aktivitäten weiter und versuche dabei, ein Gleichgewicht zwischen Ausbildung, wissenschaftlicher Forschung und Architekturgestaltung zu wahren. Beispielsweise habe ich ab 2012 elf Jahre lang im 3. Semester zusammen mit Kollegen für Baustoff und Umwelttechnik zum Thema Stampflehmbau gearbeitet und geforscht. Im Jahr 2021 erhielten wir den Preis „Architectural Institute of Japan – Education Award“.

Wie konntest du die Baubiologie in Japan etablieren?

Im Jahre 2001 ist es mir gelungen, an meiner Universität das neue Wahlfach Baubiologie für das 2. Semester (heute dazu noch für das 3. Semester) zu starten. Bei der entscheidenden Sitzung haben meine Fachkollegen glücklicherweise nichts dagegen eingewandt, denn sie wussten damals kaum, was Baubiologie ist. Leider dominieren japanische Medien nach wie vor luxuriöse Designs von sog. „Star-Architekten“ und diese beeinflussen wiederum stark junge Studenten*innen. Meine Vorlesungen zum baubiologischen, also menschenwürdigen und umweltfreundlichen Bauen und Wohnen haben jedoch ein lebhaftes Echo gefunden. Ursache dafür ist sicher, dass die Baubiologie Lösungen zu aktuellen sozialen, ökologischen und gesundheitlichen Problemen bietet.

Eine Studentin, die von klein auf an Asthma leidet, berichtete mir eindrucksvoll: “Ein Wohnhaus wird dann zum idealen Nest für Menschen, wenn es ein Teil der Natur ist. Baubiologie vermittelt eine wahre Lehre, welche die Schaffenden nie vergessen dürfen. Baubiologie fordert von uns Verantwortung und gibt Antworten auf die Frage, was ein zufriedenes und wohltuendes Leben wirklich ausmacht.“ 

2004 konntest du ein Wohnhaus für deine Familie bauen. Was war dir dabei besonders wichtig?

Unser Eigenheim entstand in Karuizawa, Präfaktur Nagano (Foto 2), das als Naturschutzgebiet sowie Villenviertel für die hier heiße Sommerzeit sehr bekannt ist. Da es 1.000 m über Meereshöhe liegt, habe ich mich entschieden, eine Wandheizung einzubauen, die in Japan noch weitgehend unbekannt ist. Als japanisches Musterhaus der Baubiologie wurden außerdem vor allem Naturbaustoffe verwendet. Hier können wir auch im Alltag spüren, dass wir mit und in der Natur und in der Natur leben, so wie es die Baubiologie postuliert.

Meine Frau Kazue wurde gleich nach dem Umzug in unser neues baubiologisches Haus schwanger und unsere Tochter Hanayo wurde Anfang September geboren. Dies sehen wir als Zeichen, dass Hanayo in der vorherigen geistigen Welt nicht nur ihre Eltern, sondern auch ihre (gebaute) Umwelt ausgewählt hat (Foto 4)!

(1) Besuch am 2002 im Institut für Baubiologie + Nachhaltigkeit IBN, damals noch in Holzham bei Neubeuern (v.l.n.r. Prof. Dr. Tsuneo Ishikawa, Rupert Schneider, Prof. Dr. Anton Schneider)
(2) Eingangsseite des Eigenheims von Prof. Ishikawa in Karuizawa, Präfektur Nagano in 1.000 m über Meereshöhe, 2004

Wann entstand das von dir gegründete Baubiologie Institute of Japan BIJ und was sind die Aufgaben dieses Instituts?

Auf der Tagung des Instituts für Baubiologie und Nachhaltigkeit IBN 2003 in Bad Endorf lernte ich den Umweltmediziner Prof. Dr. Volker Zahn kennen. Er besuchte uns zum Gründungstreffen des BIJ im März 2005 und hielt einen Vortrag zum Thema „Umweltmedizin und Baubiologie“. Seither bieten wir sogenannte „Vierteljahres-Seminare“ an und veröffentlichen viermal jährlich unsere Zeitschrift „Baubiologie“.

In Summe haben wir bisher 69 Seminare veranstaltet, jedes Mal zu einem ganz bestimmten baubiologischen Thema. Es ist nicht einfach, zu jedem Thema geeignete Fachleute zu finden. Seit der Covid-19-Pandemie 2020 bieten wir viele Veranstaltungen online an. Auf diese Weise können wir auch Baubiolog*innen aus aller Welt einladen, wie zuletzt Petra Jebens-Zirkel (✝︎ 2023), Architektin und Leiterin des spanischen Partnerinstitutes „Instituto Espanol de Baubiologie IEB“ oder And Akman, Architekt und Leiter des türkischen Partnerinstitutes YBE. Ich bin davon überzeugt, dass die Welt eins ist und die Baubiologie menschengerecht und deshalb überall auf der Welt gültig ist.

Unsere Zeitschrift „Baubiologie“ erscheint alle drei Monate. Obwohl das kostspielig ist, wird sie immer noch auf Papier veröffentlicht, vor allem, weil dies eine sinnliche Qualität hat und eine Zeitschrift einen besseren Überblick bietet. Wir versuchen, allen öffentlichen Bibliotheken sowie Fakultäten der Architektur in der Hochschule ein Exemplar zur Verfügung zu stellen, um damit die Baubiologie bekannter zu machen (Foto 6).

2012 luden wir Architekt Winfried Schneider vom IBN und 2015 Architekt Christoph Bijok (✝︎ 2023) zu unseren Baubiologie-Tagungen in Karuizawa ein (Foto 5). Beide referierten auch im Rahmen unserer Nahunterrichte zum Fernlehrgang Baubiologie. Die Stadt Karuizawa zieht mit ihren Naturattraktionen viele Menschen an.

Derzeit haben wir im BIJ fast 70 Mitglieder aus ganz Japan, die meistens Fachleute wie Architekten, Bauunternehmer oder Baustoffhändler sind. Diese erhalten von uns vor allem fachliche Weiterbildung und Beratung.

(3) Die japanischen Ausgabe des Buches „Wege zum gesunden Bauen“ von Holger König, 2000
(4) Mutter (Kazue) und Tochter (Hanayo) beim Frühstücken im neuen Eigenheim, 2006
(5) Baubiologie-Tagung in Karuizawa 2012, u.a. mit Winfried Schneider (vorne in der Mitte)
(6) Zeitschrift des BIJ „Baubiologie“, Nr. 62

Seit 2011 bietest du mit dem BIJ eine japanische Version des Fernlehrgang Baubiologie IBN an. Wie kam es dazu?

2010/2011 nahm ich am Fernlehrgang teil und qualifizierte mich nach erfolgreicher Abschlussprüfung zum Baubiologen IBN. Das BIJ startete daraufhin 2011 erstmals mit einem eigenen Fernlehrgang auf Basis einer Lizenzvereinbarung mit dem IBN. Absolventen unseres Fernstudiums erhalten den Abschluss „Baubiologe BIJ“.

Wir mussten alle Texte (2.100 Seiten!!) ins Japanische übersetzen. Zu Beginn übersetzte ich alles selbst, später engagierte ich auch einen professionellen Übersetzer. Die Übersetzungsarbeiten waren in den ersten Jahren sehr herausfordernd, zumal wir jeden Monat einen Kurs verschicken mussten. Auch heute noch kostet es viel Zeit und Energie, die laufenden Aktualisierungen einzupflegen. Zudem unterscheidet sich Bausituation in Japan stark von Deutschland bzw. Mitteleuropa. Beispielsweise werden hier zwei Drittel der Wohnungen aus Holz (Holzständerbau, Fachwerk, Holzrahmenbau u.a.) gebaut, sehr selten ist Ziegelbau. Deshalb sind in vielen Teilen des Fernlehrgangs entsprechende Anpassungen sowie Ergänzungen erforderlich.

Was kann Japan von Deutschland lernen?

In Japan neigen wir dazu, alle Dinge eher emotional, gefühlsmäßig zu beurteilen. Dies basiert auch auf dem Shinto-Glauben. Beispielsweise geht man davon aus, dass in Bäumen ein heiliger Geist wohnt. Insofern erscheinen uns die rationalen Urteile der Deutschen auf den ersten Blick trocken und unlebendig, doch bezüglich Verbesserung der Wohnqualität oder Energiesparmaßnahmen kann man auf Basis der datenbasierten Fertigung viel lernen. Wichtig erscheint mir, sich nicht zu sehr an Zahlen zu orientieren, sondern zu lernen, sie zu lesen und zu verstehen, um damit kreativ umgehen zu können.

Mit welchen baubiologischen Themen beschäftigt sich das BIJ aktuell?

Das Thema Elektrosmog steht im Mittelpunkt des fachlichen Interesses. Hier in Japan liegt die Netzspannung nicht wie in fast ganz Europa bei 230 Volt, sondern bei 100 Volt und es gibt hier keine Verpflichtung zur Installation einer Erdung. Daher sind die elektrischen sowie magnetischen Felder sehr stark.

Bei uns geht es bei der Beurteilung von Baustoffen oder Gebäuden in aller Regel primär um ökonomische Kriterien und um Qualitätskriterien. Für eine ganzheitliche Beurteilung halte ich ergänzend aber auch objektive Ökobilanzen, also Lebenszyklusanalysen von der Herstellung bis zur Entsorgung für äußerst wichtig. Ein brauchbares Instrument ist auch der CO2-Index.

Da sich der Lebensstil mit der Ausbreitung von Corona dramatisch veränderte, sind viele Menschen verwirrt über den Verlust ihrer Zugehörigkeit, sowohl zu Hause als auch am Arbeitsplatz und haben Probleme mit ihrer psychischen Gesundheit. Ein wichtiges Thema ist es deshalb, Wege aufzuzeigen, wie man einen sicheren, ruhigen Ort schaffen kann, an dem man sich wohl und geborgen fühlt.

Wie schon erwähnt, beschäftigen wir uns auch damit, objektive Kriterien für energiesparende Gebäude aus natürlichen Materialien zu entwickeln.

Aktuell planst du ein Projekt, das die „Kraft des Raumes“ spürbar machen soll. Erzähle uns bitte davon!

Ich habe vor 2 Jahren nach einer zufälligen Begegnung das Grundstück neben meinem Haus in Karuizawa gekauft, auf dem auch ein 50 Jahre altes leerstehendes Haus steht. Im Rahmen der Sanierung entsteht darin derzeit ein großes attraktives Atelier als Begegnungsraum und Eurythmie-Studio; meine Frau Kazue ist Eurythmie-Lehrerin. Durch eine harmonische Verbindung von Farben, Formen und Proportionen sowie natürlicher Materialien und sichtbarer statischer Elemente soll hier die „Kraft des Raumes“ erlebbar werden (Fotos 8 und 9).

Vielen Dank für dieses Interview!

(7) Kindergarten, geplant von Prof. Dr. Tsuneo Ishikawa – im Vordergrund seine Tochter Hanayo
(8) Modell des Eigenheims von Prof. Dr. Tsuneo Ishikawa (links) in Karuizawa und das Nachbarhaus, in welchem nun ein Begegnungsraum und Eurythmie-Studio entsteht
(9) Das Eurythmie-Studio nach seiner Sanierung mit Kazue, Eurythmie-Lehrerin

book Literaturtipps:
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