Das Gebäude des Statikbüros und der Familie Lamperts im Süden Deutschlands hat vielfältigste Oberflächen aus Lehm. Der Beratende und Ausführende ist Emmanuel Helmut mit seiner Firma Lehmcreme.de. Helmut ist gelernter Maurer und arbeitet seit über zwei Jahrzehnten mit Lehm und anderen nachhaltigen Materialien. Bei mehreren Projekten unterstützte er den renommierten Stampflehmexperten Martin Rauch. Inzwischen experimentiert er gerne eigenständig und mischt eigene Materialien, um den Oberflächen genau die Eigenschaften zu verleihen, die an dieser Stelle gesundheitlich und ästhetisch bereichernd sind. Dazu mischt er auch Produkte verschiedener Hersteller in unterschiedlichen Verhältnissen, um Verarbeitbarkeit und Oberflächenfestigkeit einzustellen. Mitunter benutzt er die Produkte auf ganz neue Art und Weise. So zerkleinert er beispielsweise die Lehmplatte eines Herstellers und verwendet sie als Zuschlag. Schließlich mischt er auch selbst gesammelte Zuschläge wie Tone, Sande oder Mineralien ein.

An einer zentralen Wand des Projekts Lamperts legte Helmut die Musterflächen an, um den Zusammenklang erlebbar zu machen: Lehmputze für die Wände in gebrochenen Weiß- und Brauntönen sowie einem Anthrazit, einen gespachtelten Fliesenkleber in einem hellen Anthrazit, Kaseinspachtelungen für den Boden und eine spezielle Spachtelung für den Ofen in satten Brauntönen. Insgesamt legte er etwa 30 Muster an und verarbeitete für 700 m2 Wände sowie das 50 m2 große Wandrelief 25 Tonnen Lehm.

Von Stampflehm empfangen

Betritt man das Gebäude durch den Eingang des Büros, wird man von zwei Elementen aus Stampflehm empfangen. Sie bilden einen Tresen und trennen den teils zweigeschossigen Büroraum vom Eingangsbereich ab. Der warme Erdton der Elemente mit einer körnigen, aber für Stampflehm relativ glatten Oberfläche steht im Kontrast mit dem bewegten Estrichboden. Die beiden Lehmwände stampfte der Lehmspezialist wegen der hohen Beanspruchung der Statik durch das Verdichten in seiner Werkstatt, inklusive Fundament. Dazu mischte er Material von Conluto mit etwas eigenem Lehm. Die Oberfläche sprühte er mit Carnaubawachs-Emulsion ein, um sie zu festigen.

(1) Der gespachtelte Lehm-Kaseinboden prägt die offene Küche, die vom Wohnbereich durch eine erdige Wand abgetrennt ist
(2) Den Ofen spachtelte Helmut mit einer Spezialmischung und schliff ihn ab
(3) Detail des glatt geriebenen Lehmdekorputzes, der sehr gut mit den natürlichen Hölzern harmoniert

Einhüllender Lehmputz

Bis auf einige besonders gestaltete Bereiche sind alle Wände von einem feinen, abgeriebenen Lehmputz in gebrochenem Weiß belegt, dessen Kanten von haarfeinen Puztabschlussprofilen aus Edelstahl betont werden. Auch die Betondecke ist im gleichen Lehmton gestrichen. Vorher belegte er sie mit Makulatur. Die Wände bestehen aus Kalksandsteinen, auf die Helmut Conluto Unterputz auftrug. Für den Deckputz mischte er drei verschiedene Putze: den Conluto Oberputz mit ca. 10 mm langem Gerstenstroh sowie Feinputze von procrea und Conluto. Denn procrea enthält im Gegensatz zu Conluto viel Zellulose. „Ich mische das gerne, damit die Abriebfestigkeit stimmt“, erklärt Helmut. Damit spart er sich auch einen Arbeitsgang. Zum Stabilisieren hätte er die Oberfläche auch mit Kasein festigen oder nachverdichten können. Die Wände ohne Fußleisten wirken modern und geradlinig. Bei der Bodenpflege muss allerdings auf den weichen Lehm geachtet werden.

Prägnantes Relief

Im Büro zieht den Blick ein hohes braunes, umrahmtes Wandrelief auf sich, das die beiden Geschosse verbindet. Das Relief glänzt atmosphärisch. Beim Nähertreten zeigt es ein bewegtes Bild, als würden dort Luftblasen an die Oberfläche eines Schlammbades steigen. Es ist 50 m2 groß, 4 cm stark und besteht aus insgesamt zwei Lagen Lehm-Unterputz und einer feinen Spachtelung. Insgesamt verarbeitete Helmut hier in 2,5 Tagen einen Bigbag (großer Sack für ca. 1.000 Liter Schüttgut). Dabei passte er das Gestaltungskonzept an die tatsächliche Raumstimmung an. „Gestaltung ist ein Reifeprozess“, erklärt er dazu. „Wenn Du an einer Oberfläche mehrere Tage vorbeiläuft und das in unterschiedlichenLichtsituationen und in unterschiedlichen Stimmungen, dann kommt am Ende etwas ganz anderes heraus, als am Anfang gedacht.“ Beim Trocknen vermied er Zugluft und verdichtete immer wieder nach, denn sonst wäre die Oberfläche gerissen. Beim Nachverdichten achtete er darauf, dass die Traufel möglichst wenig abreibt und benutzte am Ende eine Kunststofftraufel. Abschließend wachste er das Relief und polierte es von Hand bis zum Glanz.

Laufen auf Lehm

An das Büro schließt der private Bereich an, ebenfalls zweigeschossig. Hier gibt es auf 70 m2 einen erdigen Lehm-Kasein-Spachtelboden. Der edle Boden ist etwas dunkler als der Estrich des Büros. Seine satte Farbe erinnert an einen Acker. Er fasst sich ledrig, weich an, durch die Bodenheizung ist er auch angenehm fußwarm. Selbst für Allergiker ist der Boden besonders geeignet. In der Schweiz und in Österreich werden solche Böden deshalb auch in Schulen und Kitas eingebaut. Das faserarmierte Grundmaterial ist von Martin Rauch. Er verwendet dafür besonders geeignete Kaseine und arbeitet bei der Produktion die Fasern umsichtig ein. Helmut hat mit dem Material „ein paar Experimente gemacht“, wie er sagt und es mit weiteren Pigmenten gefärbt.

Für die Verarbeitung mischte er es mit Wasser an und zog es mit der Traufel in 1 – 2 mm Stärke direkt auf den Estrich auf. Das Spachteln muss relativ schnell gehen. Das Material ist nur wenige Minuten offen und wird dann zäh. Damit keine Ansätze zu sehen sind, arbeitete er mit drei Helfern Hand in Hand. Dann trocknete der Belag drei Tage. Bei allen Arbeitsschritten vermied er Zugluft und direkte Sonnenbestrahlung. Durch das Aufziehen entstehen „Narben“, die abgeschliffen werden. So wird die Oberfläche homogener, bleibt aber sehr lebendig. „Das ist nichts für Leute, die reinweißen Marmor haben möchten“, betont der Experte. „Es ist eine sehr künstlerische Fläche, die man gerne anfasst.“

Nach dem Schleifen ölte er mit Leinölfirnis von Auro, den er mit einer Gummilippe abzog. Schließlich wachste er 3–4 mal mit warmem Carnaubawachs von „Kreidezeit“ und polierte mit einer Maschine aus. Diese Nachbehandlung benötigt relativ viel Zeit und beeinflusst die Farbgebung stark, die Töne werden gedämpfter. „Danach sieht es noch einmal komplett anders aus“, erklärt Helmut. „Und der Boden wird mit den Jahren immer schöner. Durch die Benutzung bekommt er Charakter.“ Zur Pflege braucht er nur ausgekehrt zu werden. Bei anhaftenden Verschmutzungen wird er miteiner Marseiller Seife gereinigt, wie alle gewachsten Böden, keinesfalls mit Mikrofasertüchern. Nicht gut tut ihm über einen längeren Zeitraum stehendes Wasser.

(4) Angenehmer Dreiklang der Erdtöne und Körnigkeiten zwischen Ess- und Wohnbereich
(5) Körnige Oberfläche: Den Eingangsbereich mit Zementestrichboden akzentuieren Tresen aus Stampflehm
(6) Geschredderte Lehmbauplatte: Das Relief verbindet den Luftraum über zwei Geschosse im Büro

Erdige Farbklänge

Den Eingangsbereich begleiten an einer Wand eingespannte Treppenstufen, die in den Raum ragen. Danach öffnet er sich zum offenen Wohn-Essraum. Auch hier sind fast alle Wände eingehüllt von dem cremefarbenen Lehm. Nur eine paraventartige Wand zwischen Ess- und Wohnbereich ist in einem satten Rotbraunton glatt gespachtelt. Auch hier ist der Grundputz ein Feinputz. Der aus Porenbeton gemauerte Ofen schließlich ist mit einer Spezialmischung von Helmut gespachtelt. Ihr satter Braunton ist lebendig und bildet einen angemessenen Rahmen für flackernde Flammen. „An den Wänden ist Spachteln nicht so kompliziert wie auf dem Boden“, weiß Helmut. Im OG schließlich liegen Schlafräume und Bäder der Familie, alles ebenfalls in Lehm. Nur der Boden ist hier aus Holz. Die Bauherrin ist begeistert – auch davon, dass die Spiegel im Bad nicht mehr beschlagen. Insgesamt eine sehr hochwertige und dabei experimentelle Arbeit, die handwerklich ausgesprochen gut ausgeführt ist.

Oberflächen aus Lehm – Materialien und Verarbeitungen

Ausführung und MaterialentwicklungLehmcreme.de
Gesamtdauerca. 16 Tage (ohne Unterputze)
Lehm-Kasein-Spachtel Bodengespachtelt, geschliffen, gewachst, geölt, poliert
Spezialspachtel Ofengespachtelt, geschliffen, gewachst und geölt
Stampflehmelementin der Werkstatt vorgefertigt
Lehmdekorputz Wandgeglättet
Lehmdekorputz Wandgerieben
Wandrelief aus Lehmputz mit speziellen Zuschlägennachverdichtet mit Edelstahl- und Kunststofftraufel, gewachst, von Hand bis zum Glanz poliert

Literaturtipp:

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