Einleitung

Immer mehr Menschen benötigen Hörgeräte, Musik- und Arbeitslärm sei Dank. Und selbst ohne außergewöhnliche Belastungen schwindet im Alter bei fast allen die Wahrnehmung insbesondere für höhere Töne, so dass mit zunehmender Lebenserwartung immer mehr Leute Hörhilfen brauchen. Auch schon bei jungen Leuten gibt es von Jahr zu Jahr eine größere Anzahl an Betroffenen, in Deutschland hat mittlerweile jeder dritte über 50 eine Hörminderung. Als schwerhörig werden in Deutschland laut WHO rund 17 % aller Menschen eingestuft, jedes Jahr werden hierzulande rund 6.000 Fälle von Lärmschwerhörigkeit als Berufskrankheit anerkannt.

Das Thema betrifft also sehr viele Menschen, aktuell tragen rund zwei Millionen Deutsche Hörgeräte. Heutige Hörgeräte haben auch nicht mehr das negative Image wie früher, wozu bessere Gerätequalitäten, kleinere Ausführungen und pfiffigeres Aussehen beitragen. Hinzu kommen bei den modernen digitalen Geräten vielfältige technische Finessen und Möglichkeiten. Diese umfassen mittlerweile auch verschiedene Kommunikationsaktivitäten per Funk, entweder zwischen den Hörgeräten selbst rechts und links am Kopf, oder mit externen Geräten, mit Hörgeräte-Fernbedienungen, Fernsehgeräten, Computern, Smartphones oder selbst SmartHome-Anwendungen, der Trend geht zu immer mehr Anwendungen. Somit stellt sich nun mehr und mehr die Frage nach möglichen Belastungen bzw. gesundheitlichen Risiken – treten durch die Sendeaktivitäten der Hörgeräte relevante bzw. kritische Intensitäten elektromagnetischer Felder bzw. Wellen für die Nutzer auf? Immerhin werden Hörgeräte dauerhaft getragen – zwar außerhalb der baubiologisch besonders schützenswerten Nachtphase, aber rund 15 Stunden pro Tag sind es in der Regel schon – und befinden sich direkt im Kopf, näher noch als z.B. Smartphones.

Wann und wie funken Hörgeräte?

Hörgeräte unterscheiden sich gravierend in ihren Abstrahlungen elektromagnetischer Felder bzw. Wellen, sowohl was die Art dieser Emissionen, als auch ihr zeitliches Auftreten und die entsprechenden Strahlungsintensitäten angeht. Man muss dabei verschiedene Funktionen unterscheiden, die je nach Hersteller auch noch unterschiedlich umgesetzt sein können. Betroffene, die nur so genannte ‚Kassenmodelle‘ tragen, haben hier meist baubiologisch betrachtet Glück, diese Hörgeräte haben (zumindest aktuell) in der Regel keine Funktechnologien an Bord.

Bei höherwertigen Modellen hingegen sieht es anders aus, hier gibt es zwei wesentliche Funkarten und Anwendungsbereiche:

  • Relativ häufig zu finden ist die ständige Kommunikation der beiden Hörgeräte rechts und links zur gegenseitigen Abstimmung, was wohl zu besseren Höreindrücken führen kann. Zudem werden nur an einem Gerät vorgenommene Einstellungen, wie Lautstärke und Programm direkt vom anderen übernommen. Hierfür wird eine magnetische Induktionstechnologie zur Kurzstreckenübertragung (NFMI = near field magnetic induction) eingesetzt, die Frequenzen dafür betragen meist um 3-10 MHz. Benötigt werden hierbei wegen des geringen Abstandes der beiden Hörgeräte nur recht niedrige Leistungen (um oder unter 1 Nanowatt, also einem Milliardstel Watt; zum Vergleich: ein Handy kann mit bis zu 2 Watt senden). Berechnungen mit den Angaben verschiedener Hersteller sowie eigene Messungen ergaben, dass in einem Zentimeter Abstand nur Strahlungsstärken um oder sogar deutlich unter 1 µW/m² auftreten. Dies ist auch aus kritischer baubiologischer Sicht, selbst wenn dieser Funk permanent auftritt, als sehr niedrig einzustufen, und dürfte allenfalls bei extrem elektrosensiblen Personen zu Problemen führen. Zudem geht es hierbei nicht um gepulste Funkwellen, die ja baubiologisch grundsätzlich kritischer zu bewerten wären.
  • Deutlich mehr Funk am Ohr kann auftreten, wenn die Hörgeräte auch über Bluetooth-Sender verfügen bzw. diese genutzt werden. Hier werden zwar oft so genannte Bluetooth-Low-Energy-Sender (BLE) eingesetzt, auch diese senden aber mit etwa einem Milliwatt Leistung rund 10 m oder noch weiter, können am Kopf zu Strahlungsstärken um 1.000.000 µW/m² führen, dies zudem mit Mikrowellen des 2,4 GHz-Frequenzbereiches, die 1600 mal pro Sekunde an- und abgeschaltet werden, also entsprechend gepulst sind. Eingesetzt wird Bluetooth zur Kommunikation mit anderen Geräten, mit Smartphones, Tablets, MP3-Playern, Musikanlagen, TV-Geräten, PCs…. Zwar ist es wohl Vorschrift, dass man am Hörgerät Bluetooth je nach Situation ausschalten können muss, je mehr Funktionen darüber gesteuert werden, desto seltener wird dies jedoch der Fall sein; je nach Anwendung dürfte Bluetooth sicher mehr oder minder dauerhaft strahlen (z.B. bei der Nutzung eines Smartphones als externes Hörgeräte-Mikrofon).

Darüber hinaus gibt es noch verschiedene weitere Anwendungen, bei denen Funk im Spiel ist, die Hörgeräte selbst allerdings nicht senden, sondern nur irgendwie übermittelte Sprach- bzw. Audiosignale empfangen. Dies sind z.B. induktive Höranlagen in Veranstaltungsräumen, Kinos, Theatern, Kirchen… – bei diesen werden die Audiosignale als Wechselstrom in einen Draht, die Induktionsschleife, eingespeist und als magnetische Wechselfelder abgestrahlt, die von Hörgeräten mit einer integrierten entsprechenden Spule (T-Spule) wahrgenommen werden können (hierbei treten nach unseren Erfahrungen um die Induktionsschleife herum Feldstärken bis zu mehreren hundert Nanotesla in den sprachüblichen Frequenzbereichen um 100-5.000 Hz auf). Weiterhin gibt es FM-Anlagen (mit frequenzmodulierten Funksignalen) meist in Bildungseinrichtungen für Hörgeschädigte.

Resümee und baubiologische Empfehlungen

Aus baubiologischer Sicht erscheint der NFMI-Funk wegen der so niedrigen Leistungen noch akzeptabel, dauerhafte Bluetooth-Anwendungen sollten aber vermieden werden. Bei diesen können dauerhaft am Ohr Strahlungsintensitäten erreicht werden, die z.B. die Richtwerte der EMF-Leitlinie Europäischen Akademie für Umweltmedizin EUROPAEM aus dem Jahr 2016 1000-fach oder mehr überschreiten.

Vor dem Kauf von Hörgeräten sollte man unbedingt überprüfen bzw. hinterfragen, ob, wie und wann sie funken. Hersteller und Verkäufer bzw. Hörgeräteakustiker sollten Verbraucher korrekt aufklären und beraten, damit diese aufmerksam sein und überflüssige Belastungen vermeiden können. Manche Hersteller geben recht weitgehend über die Funkaktivitäten Auskunft (Leistung, Dauer, Häufigkeit…), andere kaum, im Zweifel müssten messtechnische Überprüfungen vorgenommen werden. Hörgeräteträger sollten Geräte ohne Bluetooth anschaffen oder, falls Bluetooth doch mit an Bord der Geräte ist bzw. sein soll: Diesen Funk nur einschalten, wenn er gebraucht wird, ansonsten immer ausschalten, und möglichst wenig Anwendungen darüber steuern. Es sollte sich also jeder fragen: „Brauche bzw. will ich wirklich diese oder jene Anwendung überhaupt?“ Man sollte sich nur so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich Funktechnik ins Hörgerät holen. Falls Ihnen ein einfaches ‚Kassenmodell‘ reicht, prima, dieses funkt in der Regel nicht.

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Literaturtipp:

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  1. Die fachliche Aufklärung freut mich! Im Herbst fühlte ich mich mit folgender Erfahrung allein: Ich hatte ein Hörgerät zum Ausprobieren. Eine elektrosensible Bekannte bekam dicht neben mir Augenstiche, mit einem Messgerät stellte sie fest, dass elektromagnetische Wellen von meinen Kopf ausgingen! Ich hatte im Geschäft gesagt, dass ich keinen Funk haben will. Es hieß übrigens: Solch ein Wunsch wäre bisher nur einmal geäußert worden. Es folgte dann ein gutes Gespräch in diesem Geschäft: Man war lernbereit! – In Kulturveranstaltungen sagt man schon mal: Bitte Handys ausschalten! Man wird nicht sagen können: Nehmen Sie Ihre Hörgeräte raus!!!

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