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Auch bei uns nimmt diese Entwicklung seit einigen Jahren Fahrt auf, denn diese kleinen Häuser sind nicht nur flexibel und mobil, sie können auch einen wertvollen Beitrag für das ökosoziale Bauen unserer Zeit leisten. Zudem sind sie schnell und kostengünstig herzustellen.

Interview

Aus was für Bauteilen und Materialien baut man so ein Tiny House am besten zusammen? Welche verschiedenen Möglichkeiten gibt es? Welche Vorschriften muss man dabei beachten? Gibt es mögliche bauphysikalische Probleme, auf die man in einem kleinen TinyHouse besonders achten muss?

Ein Tiny House aus Holz wird nach allen Regeln des Handwerks gebaut wie eine Ferienhütte: Holzrahmen, Wärmedämmung, Dampf- und Windbremse und Außenverkleidung. Manche machen auch noch 1cm Abstand zwischen äußerster Wandschicht und dem Wandaufbau als Hinterlüftungsebene. Leonardo di Chiara hat in seinem Tiny House nur ein Fenster, ein Oberlicht und eine Glaswand, die er nach Süden ausrichtet. So versucht er die Sonnenwärme zu nutzen. Die größte Herausforderung ist die Vermeidung von Schimmelbildung. Wer im Tiny House schläft und kocht, produziert viel Kondenswasser und das muss weggelüftet werden, sonst schimmelt‘s! Aus diesem Grund mussten wir nach einem Winter das komplette Dach der Design School austauschen. Das schöne an einem Tiny House ist, dass man es in 3 Tagen gut vor Ort aufbauen kann. Und es kostet nur ein paar Tausend Euro. Bei einem großen Haus sind solche Sanierungen immer eine Entscheidung zwischen Interventionen und finanziellem Ruin.

Tiny Houses als mobile Architekturen symbolisieren die „Freiheit des Individuums“. Wir müssen aber unsere bestehenden Städte nachverdichten, ohne Grün dabei zu verlieren!!! Und ohne dabei die Innenstädte zu einer Zone verkommen zu lassen, die sich nur noch wenige leisten können. Können Tiny Houses dabei nicht nur ideell, sondern auch ganz pragmatisch eine Lösungsmöglichkeit zum „Wohnen auf Dächern“ oder zum „Aufstocken bestehender Gebäude“ sein? Also ein ernst zu nehmender Vorschlag zur Stadtplanung und damit zur sozial verträglichen Nachverdichtung von Städten?

Ja, mit Rewe (Lebensmittelhändler mit über 10.000 Filialen) habe ich mal einen ganzen Nachmittag gesessen und gesponnen, was man alles machen kann mit solchen Flächen. Wir nannten es „Rewerei“. Einen Ort, wo Nachbarschaften sich in Urban Gardening auf Rege Dächern ausprobieren können und auf Parkplätzen temporäre Märkte ermöglicht werden, in denen man auch temporär übernachten kann. Das Startup „Cabin Spacey“ hat ja auch ein sehr hübsches Tiny House für Wohnhausdächer gebaut. Werner Aisslinger hat für den Luxusmarkt so ein Objekt auch schon vor vielen Jahren entworfen. Es steht und fällt mit den Bauämtern. Deshalb mag ich unsere Tiny Houses auf Pkw-Anhängern so sehr, weil wir da unabhängig von Bauämtern sofort auf Parkplätzen ein temporäres Dorf gründen könnten. Wir machen sowas gelegentlich als Experiment. Wir nennen es 60 Minutes Villages – also Dörfer, die nur eine Stunde existieren. In Berlin in der Fidicinstraße haben wir das kürzlich gemacht und auf der Straße des 17. Juni vor der TU. Ich sehe die Tiny Houses nicht als Alternative zum Wohnungsbau, sondern eher als Alternative zu parkenden Autos. Denn die machen wirklich keinerlei Angebote für die Nachbarschaften und lösen keine städtebaulichen Probleme. Eher im Gegenteil.

An einer stark befahrenen Kreuzung in Berlin am Wittenbergplatz auf dem Platz vor dem Kulturzentrum Urania hast du eine temporäre Kleinstadt gegründet namens „Tiny Town Urania“. Dort stehen vier Tiny Houses.

Ja, das New Work Studio, was für Workshops gedacht ist, der Tiny Temple, in dem ein kleiner Tante Emma Laden untergebracht ist namens Sozial-Kiosk und das Tiny100, welches erstmals für Interessierte zum Probewohnen gebucht werden kann. Dann gibt es noch ein Tiny House namens Tabernacle von einem evangelischen Pfarrer, in dem ein Indoorspielplatz für Kinder entsteht und ein weiteres Tiny House wird hier noch gebaut. (Bilder 1 und 2)

Gebaut wird zwischen herumstreunenden Touristen, spielenden Kindern vom Flüchtlingsheim nebenan und staatstragenden Besuchern der Urania (Minister Seehofer wird erwartet). Warum baut ihr an so einem unüberschaubaren Platz und nicht lieber in einer richtigen Werkstatt?

(Lacht) Die Stadt ist doch die Werkstatt! Wenn es uns gelingt, Häuser mitten in der Nachbarschaft mit den Nachbarn zu bauen, können wir ein völlig neues Verständnis von Stadt ausprobieren: Eine Stadt, die nicht den industriellen Vorbildern der Effizienz und dogmatischen Arbeitsaufteilung nacheifert, sondern das Gemeinschaftliche sucht jenseits von Shopping Mall und Kirmes.

Warum stehen die Tiny Häuser an einer lauten Straße und nicht im Grünen?

Ich habe es auf die Mittelstreifeninseln abgesehen, die es in jeder Stadt gibt. Da sehe ich ein Potenzial für bis zu 500 Menschen, die dort temporär leben. In Tiny House Strukturen.

(1) New Work Studio 8 qm
(2) Notschlafplatz für eine Person
(3) Städtebau auf Parkplatz
(4) Tiny100 bei der Eröffnung

Zwischen Autoabgasen und gefährlichen Rasern?

Natürlich entsteht Lebensqualität nicht von allein. Wir testen gerade temporäre begrünte Wände als Alternative zu Bauzäunen in der Tiny Town Urania und sehen solche Projekte auch immer im Zusammenhang mit verkehrspolitischen Projekten. In Berlin werden momentan wichtige Hauptstraßen zu Tempo-30-Zonen umfunktioniert. Da könnte ich mir das gut vorstellen, womöglich im Zusammenhang mit „Shared Space“-Ideen, wie sie es in Bregenz gibt oder in Kombination mit Fahrradwegen nach dem Kopenhagener Modell. Bei allen Widrigkeiten muss man die Vorteile sehen: Da es nur um das Abstellen von Tiny Houses auf öffentlichen Parkplätzen geht und nicht auf Bauland, brauchen wir keinen einzigen Bauantrag zu stellen. Da die Stadtverwaltung die Gebührenverordnung auf öffentlichen Parkplätzen regelt, könnte man theoretisch diese temporären mietzinsfrei vergeben. Ich nenne das auch „Bedingungloses Grundwohnen“. (Bild 3)

Eine räumlich andere Alternative für die Anlage ganzer Tiny House Villages sind der ländliche Raum oder die noch zu erschließenden städtischen Randgebiete. Ganze Dörfer aus diesen kleinen Häusern, in denen es sich günstig, ökologisch wertvoll und dennoch komfortabel wohnen lässt, könnten so angelegt werden. Gibt es so etwas in Deutschland bereits (außer Wohnwagenparks)? Wie bewertest Du diese Möglichkeit?

Mich interessieren urbane Unorte, nicht das Idyll am Wald. Ich bin so gesehen ein Anti-Thoreau (lacht). Der Autor Thoreau hat sich in eine kleine Hütte am Waldrand begeben für genau 2 Jahre 2 Monate und 2 Tage, um herauszufinden, ob er durch die Verkleinerung und Abgeschiedenheit zum besseren Menschen wird. Ich wäre dagegen, dass öffentlicher Raum (dazu zähle ich auch Wälder und Seeufer) von Menschen mit Geld privatisiert wird. Anders ist es bei Wagenburgen, die ungenutzte Brachflächen in der Stadt aktivieren. Das ist eine politische Protesthaltung, die durchaus sinnvoll ist. Ähnlich sind ja in diesem Zusammenhang auch die historischen Aktivitäten um die damaligen Wachhäuser in Leipzig (Schleifung der alten Festungsanlagen und dadurch Schaffung von neuem stadtnahem Baugrund) zu bewerten. Auch die 1999 in Deutschland gegründete, nicht-kommerzielle Mietshäuser Syndikat GmbH, die sich um langfristig bezahlbare Wohnungen und die Schaffung von Raum für Initiativen kümmert, ist hier interessant. Sie fördern auch den Solidartransfer zwischen leistungsfähigeren und finanzschwächeren Projekten. Im Jahr 2017 waren sie in Deutschland an 124 Hausprojekten beteiligt. Und eben auch die Wohnungsbaugenossenschaften. Sie machen vieles richtig, nur eins nicht: Sie schließen Menschen mit niedrigem Einkommen und Menschen, die keine Lust auf Gemeinschaft haben, aus. (Bild 4)

Die von dir 2015 initiierte und gegründete „Tinyhouse University“ ist jetzt auch in Italien aktiv. Was habt ihr in Italien vor?

Geplant ist in Rom ein Tiny House Bau Workshop. Organisiert wird das dort von Leonardo di Chiara (LeonardoDichiara@bauhauscampus.org).

Herzlichen Dank für das Interview!

Aus Fachzeitschrift WOHNUNG+GESUNDHEIT Nr. 170 – mehr erfahren

Links
tinytownurania.de
bauhauscampus.org

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