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Landflucht und ihre Gefahren

Seit etwa 2008 leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Die Städte werden voraussichtlich vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern weiter wachsen. Die Ursachen unterscheiden sich in diesen Ländern vielfach von denen in entwickelten Ländern.

Schon heute leben zufolge einem Gutachten der WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen) mehr als 850 Millionen Menschen in unzumutbaren Wohnverhältnissen. Bis 2050 könnte sich diese Zahl um 1 bis 2 Milliarden erhöhen und sich die Einwohnerzahl der globalen Slums verdoppeln. Um das Wachstum von Slums zu vermeiden, rät die WBGU, dass der Städtebau der kommenden Jahrzehnte sich an den Bedürfnissen der 30 bis 40 % einkommensschwächsten Menschen orientieren soll. Die Ärmsten sollen die Entwicklung vorgeben.

Das entspricht so auch den Kriterien der Baubiologie, die die Entwicklung des Lebensraums von Stadt und Land als sozialökologische Aufgabe sieht, den Solidartransfer zwischen leistungsfähigeren und finanzschwächeren Projekten fordert und die Bildung von Wohnungsbaugenossenschaften unterstützt.

Ursachen der Verstädterung

Die Veränderung ökologischer Systeme durch den Klimawandel (Hitze, Trockenheit, Wassermangel, Stürme) vor allem im ländlichen Raum, Landenteignungen von Kleinbauern, Bevölkerungswachstum sowie die Hoffnung auf Arbeitsplätze in der Stadt und das damit verbundene bessere Leben sind die vier wichtigsten Ursachen der weltweiten Verstädterung. Sie führen zu Landflucht und Migration und damit zu bedrohlichen Veränderungen menschlicher Lebensräume, die geprägt sein werden von sozialer Ungleichheit.

Landflucht und Urbanisierung

Landflucht in Entwicklungsländern ist anders als Landflucht in Mitteleuropa. Die dortige Landflucht resultiert hauptsächlich aus einem anhaltend hohen Bevölkerungswachstum und folglich einer vergleichsweise deutlich jüngeren Bevölkerung sowie der Tatsache, dass das Einkommen der Familien aus der Landwirtschaft unzureichend ist. Dazu tragen Bodenerosion, der Wegfall landwirtschaftlicher Nutzflächen und Wasserknappheit bei. Landflucht in Entwicklungsländern bzw. -regionen ist aber nicht ausschließlich eine Flucht vor Armut und Arbeitslosigkeit, bedingt durch das Fehlen nichtlandwirtschaftlicher Arbeitsplätze, sondern zunehmend auch vor Sozialstrukturen und Lebensstilen, die als beengend empfunden werden. Einen wesentlichen Beitrag leisten hierzu die Medien durch die Verbreitung westlicher Lebensstile und die Steigerung von Konsumwünschen.

In Deutschland haben wir eine urbanisierte Gesellschaft, auch im ländlichen Raum. 77 % der Menschen leben hier in Städten oder Ballungsgebieten und nur 15 % in Dörfern mit weniger als 5.000 Einwohnern. Dennoch gibt es in Deutschland trotz seiner föderalen Struktur mit 16 Landeshauptstädten ein Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land. Während Dörfer im Umland der Großstädte prosperieren, leiden anderswo ganze Regionen massiv unter Landflucht, vor allem in Ostdeutschland.

Prognosen zufolge könnten manche Landkreise z. B. in Brandenburg bis 2035 fast ein Drittel der Bevölkerung verlieren. Dort fehlen Arbeitsplätze, Geschäfte, Handwerksbetriebe, Banken und Arztpraxen. Schulen und Gaststätten schließen. Für die verbleibenden Bewohner verschlechtert sich die Lebensqualität, die Wege werden weiter. Es ziehen vor allem gut gebildete und mobile junge Menschen aus der Provinz weg. Ziel sind gleichwertige Lebensverhältnisse in städtischen und ländlichen Räumen in Ost und West. Kleine Gemeinden sollen wieder mehr Möglichkeiten der Selbstverwaltung bekommen, der Internetausbau wird vorangetrieben, die lokale Wirtschaft soll mit ideenreichen Konzepten für ein attraktives und aktives Dorfleben wachsen.

Bauen ohne Zement und Stahl

In den Städten entscheidet sich alles, letztlich sogar das Weltklima. Städte machen heute rund 70 % des weltweiten Energieverbrauchs und der energiebezogenen Treibhausgasemissionen aus. Schon deswegen, sagt die WBGU, müssen alle fossilen Emissionsquellen in den Städten bis 2070 durch Alternativen ersetzt werden. China hat allein in der Zeit von 2008 bis 2010 mehr Zement verbaut als die USA seit Beginn der Industrialisierung. Die energieaufwändige Herstellung dieses Baumaterials könnte bis 2050 so viele Treibhausgase freisetzen, dass allein damit das weltweite Emissionsbudget des Ziels, die Erderwärmung auf unter 1,5 oder 2 Grad zu begrenzen, beinahe aufgebraucht wäre.

Die WBGU empfiehlt deswegen, viel mit Holz und Lehm zu bauen, denn Wollen wir die Klimaziele erreichen, dürfen die Materialien beim Bau der Städte nicht die gleichen sein wie in den letzten 30 bis 40 Jahren. Das entspricht so auch den Vorstellungen der Baubiologie, welche die intensive Verwendung nachwachsender und energiesparsam herzustellender Materialien fordert und für ein Gebäuderecycling eintritt, um diese klima- und ressourcenschonend zurückbauen zu können.

Warum nicht mehrstöckige „Baumhäuser“?

Lebenswerte StadtLandschaften

Die UN-Habitat, das Wohn- und Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen, erwartet, dass Slumsden Großteil der Stadtform dieser zukünftigen globalen Urbanisierung in den Entwicklungs- und Schwellenländern bilden. Geregelte Stadtplanung wird dann eher die Ausnahme und der Selbstbau nicht genehmigter, hochverdichteter großräumiger Elendsquartiere wird die Regel sein. Dort öffentliche Räume einzurichten und die vorhandenen Notunterkünfte nicht abzureißen, sind erste Möglichkeiten, die dort lebenden Menschen in die Städte zu integrieren. Partizipation bei der Planung ist eine zweite sozialökologisch weit greifende Alternative. Städte dehnen sich immer weiter aus und beanspruchen immer mehr Boden und Ressourcen des Umlandes. Eine Stadt wie Hongkong in ihrer extremen Verdichtung ist nur lebensfähig, weil sie Erdöl, Metalle und Lebensmittel aus dem Umland und der ganzen Welt aufsaugt, sagt Prof. Schellnhuber, Mitglied der WBGU und Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Rückstände wie Müll, Schmutzwasser und Abgase stoße eine Stadt wie Hongkong dann ins Umland aus, das dann zur Entsorgungszone wird und kein gleichgestellter und lebenswerter Lebensraum mehr ist.

Messnerhof in Österreich
Messnerhof im Haufendorf Steinberg, Österreich. Solche dezentrale Hofstellen boten früher oft mehr als einem Dutzend Menschen Wohnraum und Existenzgrundlage

Landflucht vermeiden

Bei allen Bemühungen um die Realisierung nachhaltiger Städte könnte man zumindest in vielen Regionen die Situation erheblich entspannen, indem man Menschen auf dem Land eine Zukunftsperspektive gibt und so Landflucht erst gar nicht entsteht. Hierzu zählen z. B. faire Preise für landwirtschaftlich erzeugte Nahrungsmittel und Produkte sowie eine Verbesserung der Infrastruktur. Entsprechende Maßnahmen wären allein schon deshalb wichtig, weil ein Leben auf dem Land gerade in armen Regionen oft lebenswertere Lebensverhältnisse ermöglicht, als in der Stadt.

Literatur rund um gesundes Bauen und Wohnen:
➔ Literaturtipps

Fazit

Die Baubiologie kann aufgrund ihrer internationalen Vernetzung und ganzheitlichen Herangehensweise weltweit nachhaltig funktionierende Lösungen entwickeln und anbieten. Erfolgreich kann jegliche Konzeption aber nur dann sein, wenn die Menschen entspr. ihrer regionalen Lebensverhältnisse und Möglichkeiten bei allen Entscheidungs-, Planungs- und Umsetzungsprozessen partizipieren“, so Winfried Schneider, Leiter des Institut für Baubiologie + Nachhaltigkeit IBN.

Das IBN zeigt im Fernlehrgang Baubiologie und Seminaren unter dem Titel StadtLandschaftenauf, dass städtische und ländliche Lebensräume zusammengehören, um allen Menschen Platz zu bieten und wie dabei bessere und baubiologisch nachhaltige Alternativen entstehen können.

„… allein China hat zwischen 2008 und 2010 mehr Zement verbaut als die USA seit Beginn der industriellen Revolution. In nur drei Jahren! Würden die neuen Städte für zwei bis drei Milliarden Menschen mit dem gleichen Aufwand konstruiert wie bisher, dann würden wir 75 % der Treibhausgase, die uns angesichts des 1,5- bis 2-Grad-Ziels noch zur Verfügung stehen, allein mit dem Bau der Städte verbrauchen.“

Quelle: ZEIT online, 25.04.2016

Aus Fachzeitschrift WOHNUNG+GESUNDHEIT Nr. 170 – mehr erfahren

Ergänzende Informationen:
• Buch: StadtLandschaften
• Grün und sozial – Kleine Dörfer in großen Städten, Zeitschrift WOHNUNG+GESUNDHEIT Nr. 158
• Große Städte und die Baubiologie, Zeitschrift WOHNUNG+GESUNDHEIT Nr. 160
Baubiologische Agenda 2025
25leitlinien.baubiologie.de

Leser-Interaktionen

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  1. Sehr geehrter Autor,
    ich habe den Anfang Ihres Artikels wieder und wieder gelesen. Ich meine die „verächtliche“ Frage. Ich kann an der Frage an sich nichts Schlimmes feststellen. Aber Sie schreiben ja auch von einem „verächtlichen Unterton“. Mehr war es ja nicht. Die wenigsten Leser waren dabei. Was soll das in einem solchen Artikel? Haben Sie den Fragesteller eigentlich direkt in der Podiumsdiskussion mit Ihren Befindlichkeiten konfrontiert? Konnte sich der Fragende rechtfertigen, soweit es überhaupt nötig gewesen wäre? Im Artikel steht davon nichts. Das wäre aber wohl der richtige Weg gewesen. Sicher, darauf umfangreich einzugehen ist inhaltlich nicht besonders wertvoll für den Artikel. Ihre Einleitung aber auch nicht. Die Erwähnung Ihrer Befindlichkeiten ist nutzlos.
    Vielleicht klären Sie die Leser auf, was Ihnen denn an Fragen so recht ist. Und welcher Ton ist in Ihren Augen nicht „verächtlich“? Nur für den Fall, damit die nächste Diskussion nicht wieder aus dem Ruder läuft ;-).
    Ich wünsche mir, dass es in unserer Gesellschaft wieder möglich ist, jede Frage offen zu stellen, dass es normal ist, sich kritisch zu äußern und dass wir alle begreifen, dass eine Diskussion in der Sache stets weiterführend und damit dienlich ist. Es gibt dafür sogar ein schönes Wort in unsere Sprache – Streitkultur.

    • Als Leiter des IBN, vor Ort Anwesender und weil dieses Thema für die Baubiologie essenziell wichtig ist, kann ich es nicht lassen, gleich selbst zu antworten:
      Ja, die auf dem Kongress gestellte Frage „Bis 2050 wird erwartet, dass weltweit 2,5 Milliarden Menschen in die großen Städte drängen – welche Lösungen schlägt die Baubiologie zur Bewältigung dieser enormen Herausforderung vor?“ ist nichts schlimmes, ist sogar mehr als berechtigt und deshalb beschäftigt sich die Baubiologie auch seit Jahrzehnten unter den Begrifflichkeiten „Ökosoziale Raumordnung“ und „StadtLandschaften“ damit. Manchmal macht der Ton (einer Frage) die Musik und viele auf dem Kongress hatten den Eindruck, dass es der Fragende der Baubiologie/den Baubiologen nicht zutraute, konstruktive Antworten auf diese Frage zu haben, das sollte mit der Beschreibung „verächtlicher Unterton“ zum Ausdruck gebracht werden.
      Gerade weil die Frage so berechtigt und wichtig ist, haben wir Architekt Christoph Bijok ergänzend zu der Diskussion vor Ort gebeten, mit diesem Beitrag in der gebotenen Kürze dazu Stellung zu nehmen (ausführliche Antworten findet man in seinem Buch „StadtLandschaften“).
      Ansonsten ist hier im baubiologie Magazin selbstverständlich (fast) jede Frage recht. Auch, Skepsis, Kritik, Hinterfragen und Streitkultur ist nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht, da stimme ich Ihnen voll und ganz zu.
      Da der Vorspanntext wohl missverständlich formuliert war, haben wir uns zwischenzeitlich erlaubt, etwas nachzubessern.

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