Zwischen Stuttgart und Schwäbisch Hall, auf einer Hochebene im Schwäbisch-Fränkischen Wald, liegt Großhöchberg, ein beschaulicher Ort mit 100 Einwohnern inmitten von Wald, Wiesen und Feldern. Fast könnte man meinen, die Zeit stehe hier still, gäbe es nicht einige „ökologische Neubauten“. Sie lassen erahnen, dass hier Menschen leben, die einen bewussten Lebensstil praktizieren wollen. So findet sich das Besondere auch im kulturellen Bereich gleich an zwei Orten, im Kabirinett von Thomas Weber, einem kleinen aber feinen Theater, und im Klosterhof Großhöchberg von Jutta Scheuthle, einem Projekt zur Verbindung von Kunst und Kulinarik. Es gibt einen Demeter Hof und eine Demeter Gärtnerei, die mit ihrem Projekt „Solidarische Landwirtschaft“ neue Wege geht. Auch kreatives Handwerk – eine Vollholzschreinerei und eine Zimmerei – prägen den Ort. Kunsthandwerkliche Produkte werden auf den umliegenden Kunsthandwerkermärkten von mehreren Bewohnern vertrieben.

WOHNEN IN ALTER SCHEUNE
(1) Im Wohnzimmer steht der gemütliche Holzofen, der geölte Estrich kontrastiert mit den alten Materialien
(2) Besonders in der Küche gibt es viel Raum nach oben
(3) Die ausgebaute Scheune bietet viele Durch- und Ausblicke

Stillstand Baustelle

Aufgefallen ist mir das alte Haus in Großhöchberg mit der angebauten Scheune schon lange. Die großzügige Scheunentor-Verglasung ließ das Potenzial dieses Gebäudes erkennen. Die noch unverputze Fachwerkausmauerung aus neuen Lehmsteinen zeigte einen liebevollen Umgang mit der Bausubstanz. Dieses Gebäude steht für mich als Sinnbild dieses Dorfes: eine bodenständige Naturverbundenheit in Verbindung mit der geistigen Freiheit und dem Mut, dieses Potenzial in einem modernen Leben auszuschöpfen. Leider musste ich sehen, dass dieses Projekt still stand und über Jahre kein Fortschritt erkennbar war, bis ich eine Anfrage für den zweiten Bauabschnitt der Scheune bekam.

Aus der Stadt aufs Land

Die Bauherren Melanie und Tim Hellebrand kannten Großhöchberg schon lange. Melanie unterrichtet als Sozialpädagogin in der Freien Waldorfschule Backnang. Außerdem entwirft und näht sie schöne Produkte aus Stoff. Tim ist hauptberuflich Schreiner und zudem als Gaukler und Jongleur mit seinem Duo Forzarello auf Tour. Die Vollblut-Komödianten bieten Jonglagen, Comedy und Feuershows. Die Hellebrands haben drei Töchter im Alter von 12, 10 und 6 Jahren. Alle drei besuchen die nahe gelegene Waldorfschule in Backnang. Weil Tim viele Shows im Kabirinett hatte, kamen die beiden immer wieder durch Großhöchberg und fanden Gefallen an dem kleinen Dorf. Als sich 2008 die Möglichkeit bot, eines seiner ältesten Häuser mit angebauter Scheune, Baujahr ca. 1860, zu kaufen, entschlossen sie sich von Stuttgart aufs Land zu ziehen.

Mängel am Altbau

Der Vorbesitzer hatte seinen Kaufvertrag wieder rückgängig gemacht, nachdem sich erhebliche Mängel an der Bausubstanz gezeigt hatten. Je mehr die vorhandenen Nut- und Feder-Holzverkleidung entfernt wurde, desto mehr Mängel kamen zum Vorschein. Mauern waren abgesackt und tiefe Risse entstanden, so dass ganze Wände am auseinanderbrechen waren. Defekte, völlig zerstörte Balken konnten nicht mehr gerettet werden. Deshalb musste die Familie Hellebrand einiges Geld investieren, um das Gebäude zu sichern. In einem ersten Bauabschnitt wurde die Scheune über ein Jahr lang von außen mit Baumstämmen so abgestützt, dass die Wände des Erdgeschosses abgebrochen werden konnten; ab dem 1. Obergeschoss konnten sie erhalten werden. Die neuen Wände wurden mit neuen Fundamenten unterfangen sowie komplett neu gemauert. Die Decke wurde als Sichtbetondecke ausgeführt. In diesem Zuge wurde auch das Scheunentor verglast und neue Fenster eingebaut. Einige Innenwände mauerten Hellebrands mit Lehmziegeln aus. Gefördert wurde das Projekt mit ca. 80.000 € durch das Programm „Entwicklung ländlicher Raum“ (ELR).

Baudaten Wohnscheune, Grosshöchberg

Bauherren Melanie und Tim Hellebrand
Baujahr 1860
Sanierung 2007 und 2017
Wohnfläche 220 m2
Baukosten 190.000 €
Außenwand EG
von außen nach innen
Kalkputz, Ziegelsteine, Holzweichfaserplatte, Lehmputz, Lehmfarbe weiß
Außenwand OG
von außen nach innen
Lehmputz, Fachwerk mit Lehmsteinen ausgemauert, … (weiter wie EG)
FensterHolz-Alu-Verbundfenster
Dach
von außen nach innen
bestehende Deckung, alte Sparren angelascht, dazwischen dampfoffene Unterspanbahn und Dämmung aus Jute, Dampfbremse, Gipskartonplatten verspachtelt und gestrichen
WärmeversorgungNahwärme von der benachbarten Zimmerei, Holzofen, Fußbodenheizung

Ausbau der Scheune

Als 2016 für die drei Töchter die Zimmer im alten Hausteil nicht mehr ausreichten, fasste die Familie einen zweiten Bauabschnitt ins Auge. Durch die hohe Anfangsinvestition musste man sich leider von der Ursprungsidee, das Haus mitsamt der Scheune zu bewohnen, wieder verabschieden. Aber auch in der Scheune gab es mit 220 m2 ausreichend Platz. Hier sollten sich moderne, lichtdurchflutete Räume mit viel Platz nach oben, modernes Design mit gesunden Materialien und der liebevollen Umgang mit der Bausubstanz verbinden. Dieser hohe Anspruch, verlangte den Bauleuten einige Energie ab. Gelungen ist das unter anderem auch durch den Baustoff Lehm.

Vom anfänglichen „Hauptsache schnell fertig“ und „so wenig wie möglich selber machen müssen“ entwickelte sich der Aus- und Umbau der Scheune zum engagierten Selbstbauprojekt. Schön für mich war dabei zu sehen, wie sich mehr und mehr die Verbindung der Bauleute zum Haus entwickelt. In der Planungsphase konzipierten wir die vor dem Kauf von einem Architekten geplanten Grundrisse nochmals komplett neu. Dämm- und Baustoffe wählten wir anhand Oberflächenqualität und Wirkung aus. Die Verbindung wurde vor allem in der Ausführung intensiviert durch das eigene Tun. So konnte der Ausbau fast ohne Kompromiss fertiggestellt und finanziert werden. Auch die Zusammenarbeit mit den Handwerkern der einzelnen Gewerke funktionierte richtig gut.

Trotz Jonglieren mit Zahlen, Zeit und der eigenen Energie, erwies sich das Bauen mit Lehm und Naturmaterialien als sehr bodenständig, dabei zeigten sich beide Bauherren als handwerklich sehr geschickt, auch wenn die Geduld phasenweise durchaus auf die Probe gestellt wurde.

BAUPHASE
(1) Das Fachwerk zeigte sich im Erdgeschoss als völlig marode und wurde durch Ziegelmauerwerk ersetzt
(2) Das Tragwerk des Dachs und die Deckung waren noch in Ordnung
(3) Auf die Betondecke kam eine Fußbodenheizung, da die Wände zu wenig Fläche boten
(4) Innen wurden die Wände mit ungebrannten Lehmsteinen ausgemauert
(5) Auch das Fachwerk von 1860 ergänzen wieder Grünlinge

Lehm verbindet

Die im ersten Bauabschnitt mit Grünlingen ausgemauerten Fachwerkwände erhielten jetzt eine Innendämmung aus 60 mm starken Holzweichfaserplatten, eingebettet und verputzt mit Lehm. Auch die Innenwände aus massiven Lehmziegeln in den oberen Geschossen, sowie die gebrannten Ziegelwände im Erdgeschoss erhielten einen Lehmputz und abschließend eine weiße Lehmfarbe. Der Lehmputz erwies sich als kostengünstig, da sich der Unterputz mit einer Körnung von 0–2 mm direkt abfilzen ließ und eine feine Oberfläche ergab. Somit konnten diese Arbeiten an eine Firma vergeben werde, da auf das Anbringen eines Feinputzes verzichtet werden konnte. Das Ergebnis ist optisch durchaus überzeugend.

Hierbei leistete eine Putzmaschine gute Dienste. Feinere Detailarbeiten, sowie das anschließende Streichen mit einer Lehmfarbe, wurde von den Bauleuten selbst ausgeführt. Die Lehmfarbe konnte sogar ohne Grundierung aufgebracht. Dadurch wurden weitere Kosten und Zeit eingespart. Ungewohnt war nur, dass sie erst nach dem Trocknen richtig deckte.

Dachdämmung Jute

Die Dachsparren wurden komplett mit 28 cm breiten Dielen angelascht. Die anschließende Dämmung der riesigen Dachflächen erfolgte mit Jute aus Kakaosäcken. Sie hat einen guten Dämmwert mit einer Wärmeleitzahl von 0,038 W/(mK) und einen guten sommerlichen Wärmeschutz. Da in der Jute weder Proteine noch Stärke enthalten sind, ist sie unempfindlich gegenüber Schädlingsfraß, durchaus ein Argument im Altbau. Die Dämmung konnte von der Innenseite des Daches eingebracht werden. Die bestehende Dacheindeckung blieb unberührt.

Über der neu gegossenen Bodenplatte wurde eine Fußbodenheizung mit sichtbarem Betonestrich eingebaut. Dieser wurde anschließend geölt, eine interessante Oberfläche, dabei sehr kostengünstig. Für eine Wandflächenheizung wären die Flächen an den Außenwänden durch die großzügige Verglasung leider viel zu klein gewesen. Die Wärme kommt als Holzhackschnitzel-Nahwärme von der benachbarten Zimmerei. Zusätzlich ist ein Kaminofen im Wohnzimmer vorhanden. Mit einem entsprechenden Ofen könnte von hier aus auch der Wasserspeicher bedient und somit die ganze Wohnscheune beheizt werden. Der zweite Bauabschnitt kostete bis jetzt 110.000 €. Noch ist die Fassade außen nicht fertig verputzt. Im Erdgeschoss soll sie Kalk, darüber Lehm erhalten. Es zeigt sich aber jetzt schon, dass es alles in allem ein sehr schönes und stimmiges Projekt geworden ist, das für die Baufamilie viel Potenzial für die eigene Entfaltung bietet.

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Leser-Interaktionen

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  1. Gute Arbeit, Michael Greiner
    Hier zeigt sich, dass Baubiologen zu jedem Zeitpunkt ein Projekt erheblich verbessern können, egal, ob sie schon zu Beginn, oder erst im Prozess hinzugezogen werden!

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