Der halbrunde, längliche Holzbau hat das bis dato offene Karree des bestehenden Schulstandortes baulich wie inhaltlich geschlossen. Offiziell als ‚Sternenbrücke‘ betitelt, bietet die integrative Kinderkrippe als eingruppige Einrichtung Platz für 12 Kleinkinder von 1 bis 3 Jahren. Damit wurde das Angebotsmosaik der heilpädagogischen Waldorfschule, die als privates Zentrum mit integrierter Tagesstätte den Förderschwerpunkt auf die geistige Entwicklung der Kinder legt, komplettiert. Um der frühkindlichen Begleitung einen adäquaten Raum zu geben, lag die Wahl des wohngesunden, unbehandelten Massivholzes nahe. Dessen natürliche Oberflächen, die das Gebäude außen wie vor allem innen prägen, schaffen die erforderliche Atmosphäre von Ruhe und Geborgenheit, die es braucht, um den Jüngsten einen Raum freier Entfaltung zu ermöglichen. Sinnbildlich steht hierfür auch der durch den Krippenbau beruhigte Innenhof des Schulgeländes, der sowohl den Kindern der Krippe, wie auch der Schule ein rundum geschütztes Grünareal beschert hat.

Kleine Raupe Nimmersatt

Die Entwurfsplanung der Architektin Claudia Petzenhammer hat Bezug zur prozesshaften Philosophie der Waldorf-Pädagogik genommen. Dem folgend hat sie die rasche Entwicklung der Kleinsten als Kernthema aufgegriffen und in eine außergewöhnliche Holzbau-Architektur überführt. Ihre Inspiration entnahm sie dem weltbekannten Kinderbuch der ‚Kleinen Raupe Nimmersatt‘ von Eric Carle, der darin die Geschichte einer kleinen Raupe erzählt, die aus einem Ei schlüpft und mit großem Appetit in kürzester Zeit heranwächst. Dieser erste und sehr schnell erfolgende Entwicklungsprozess der kleinen Raupe geht mit dem Bau eines Kokons einher, aus dem final ein junger Schmetterling schlüpft. Den schutzgebenden Aspekt des Kokons hat Claudia Petzenhammer dann letztlich in die holzbauliche Längsform übertragen, in der die (lebens-) hungrigen Kleinkinder gemäß der kleinen Raupe rasch gedeihen und wachsen können.

Zum Konzept passte auch der Standort selbst. Auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne in Bad Aibling, ursprünglich von den Nationalsozialisten errichtet und später von den US-Amerikanern bis zu deren Abzug genutzt, findet seit 2005 ein umfänglicher Konversionsprozess statt, der der englischen Gartenstadtbewegung nachempfunden ist. Die Entwicklung der 134 Hektar großen Liegenschaft im Stadtteil Mietraching wird von der B&O Immobiliengesellschaft vorangetrieben, die dem auf mehrere Jahre ausgelegten Siedlungsprojekt den Namen ‚City of Wood‘ verliehen hat. Diverse Holzbauten namhafter Architekten und Zimmerer haben dem Areal, das exemplarisch für den modernen Holzbau steht, seitdem deutschlandweit Aufmerksamkeit beschert. Zudem werden hier die nach dem Krieg räumlich getrennten Daseinsgrundfunktionen – Wohnen / Arbeiten / Freizeit / Bildung / Erholung – wieder reintegriert.

Dabei steht der Einsatz erneuerbarer Energien und nachwachsender Rohstoffe ganz oben auf der gesamtbaulichen Agenda. Insofern passt ein eigener Schulstandort hervorragend in die Nutzungsmischung des Standort-Entwicklungskonzepts. Demzufolge verwundert es nicht, dass die B&O-Gruppe dem Förderverein Freie Heilpädagogische Waldorfschule das Baugrundstück zur Errichtung der massivhölzernen Kinderkrippe für 25 Jahre unentgeltlich zur Verfügung gestellt hat.

(1) Zum Garten hin öffnet sich die Kinderkrippe mit großzügigen Glasflächen und einer überdachten Terrasse auf ganzer Länge
(2) Ebenso mutig wie gelungen dokumentiert der markante Holzbau, wie organische Architektur im 21. Jahrhundert entwickelt werden kann
(3) Selten hat ein Innenraum eine in Gestalt, Ausdruck und Oberfläche derartig hohe Qualität hervorgebracht
(4) Die Tragwerkskonstruktion aus BSH-Bögen und Brettstapelelementen wurde eigens für den Bau der Krippe konzipiert
(5) Die Montage der rund 5 m langen PHE-Elemente mit Holzbauschrauben auf den Rundbögen erfolgte parallel an beiden Seiten unter hoher Spannung
(6) Um die spätere Rundung abbilden zu können, wurden alle Bretter gemäß CAD-Planung vollautomatisch konisch vorgehobelt, bevor sie zu einem PHE-Element vernagelt wurden
Quellen Bildmaterial:
(1-5) petzenhammer architekten + stadtplaner | (6) Holzbau Wörndl

Tragwerk aus BSH-Rundbögen

Die tragende Holzkonstruktion der Gebäudehülle besteht aus 5 Rundbögen aus Fichten-Brettschichtholz (BSH). Jeder Rundbogen besteht aus zwei halbrunden BSH-Elementen, die im Werk der Mayr Melnhof Holz Reuthe GmbH gefertigt und abgebunden wurden. Die Befestigung der Rundbögen erfolgte am First mit in das Bauteil werkseitig eingefassten Anschlüssen aus stählernen Schlitzblechen und Passbolzen. Für die Rundungen verwendet man vorsortierte Lamellen in einer Stärke von 13 mm bzw. 16 mm. Diese werden einseitig beleimt hintereinander stehend in eine formgebende Presse platziert. Dann werden die Lamellen mittels hydraulischem Flächendruck langsam in die gewünschte Rundung gebogen. Im Anschluss verpresst man die Lamellen miteinander und fräst sie final auf einer CNC-Anlage in Form. Der Querschnitt der Fichtenholz- BSH-Bögen der Kinderkrippe beträgt 20/48 cm und besteht aus 32 Lamellen. Auf das halbrunde Tragwerk aus BSH-Bögen schraubte man in Folge ebenfalls werkseitig vorproduzierte Brettstapelbauteile.

Genagelte Brettstapel-Elemente

Die als sogenannte Profil-Holz-Elemente (PHE) bezeichneten Dach- bzw. Deckenelemente bestehen aus 24 mm dicken Nadelholzbrettern, die stehend aneinander gereiht vollautomatisch gestapelt, miteinander verpresst und final vernagelt werden. Dabei erreicht die Breite der einzelnen Bauteile in Abhängigkeit der Lamellenstärke max. 1,20 m, während die Länge der mittels Keilzinkung zu einem Strang verbundenen Elemente bis zu 12 m betragen kann.

Verbleibt die untere Seite, wie im vorliegenden Beispiel, sichtoffen, kann ein paralleles Längsprofil zwischen die Einzellamellen hineingefräst werden, bevor die so profilierten Brettlagen auf das berechnete Maß gesägt werden. Die Profilierung mit einem solchen Akustikprofil verringert die Nachhallzeit im Raum und optimiert dadurch die Raumakustik, während die massiven Holzelemente selbst einem verbesserten Schallschutz Rechnung tragen.

(7) Das großformatige Fenster bietet einen grandiosen Ausblick
(8) Jedes Kind hat hat neben Platz für Schuhe und Klamotten ein persönliches Ablage- und Schließfach
(9) Auch auf dem Dach setzt sich die Brettschalung aus Lärchenholz fort
Quellen Bildmaterial:

(7-9) petzenhammer architekten + stadtplaner

Regendichtheit

Der Aufbau der halbrunden Gebäudehülle durch die Zimmerei Holzbau Wörndl erfolgte unter besonderer Berücksichtigung der unmittelbaren Bewitterung der abschließenden Holzfassade. Auf die 12 cm dicken PHE-Elemente brachten die Zimmerer als Luftdichtungsebene eine diffusionsdichte Bitumenbahn von 3 mm auf, die aufgrund einer etwaigen Brandgefahr des massiven Holzes nicht geschweißt, sondern kaltgeklebt wurde. Darauf folgt eine Dämmebene, bestehend aus 2 x 6 cm flexiblen Bahnen aus Steinwolle,die zwischen eine Konterlattung von 40 mm x 60 mm geklemmt wurden. Eine Holzschalung aus 24 mm dicken Nut + Feder Rauhspundbrettern bildet die Tragkonstruktion für die nachfolgende Abdichtung, die aus 2 Lagen, diesmal geschweißter Bitumenbahnen besteht. Die sich anfügende, 40 mm tiefe Hinterlüftungsebene wird von einer Unterkonstruktion aus gebogenen Holzlatten von ebenfalls 40 mm x 60 mm gebildet. Da bei der Befestigung der finalen Konterlattung nicht in Gänze auszuschließen war, dass die darunter befindlichen Bitumenbahnen in Teilen durchlöchert wurden, ging man auf Nummer sicher, und platzierte obenauf eine weitere Bitumen-Schweißbahn, um die erforderliche Regendichtheit zu 100 % garantieren zu können. Den Abschluss bildet eine Brettschalung 22/115 mm mit 2 cm Abstand aus witterungsresistenter, sibirischer Lärche.

Buchtipp
Vom Autor dieses Beitrags Marc Wilhelm Lennartz ist das Buch “Neues Bauen mit Holz – Typen und Konstruktionen

Giebel und Innenwände als Holzrahmenkonstruktion

Während die Längsseiten als massiver Holzbau ausgeführt wurden, errichtete man die Innenwände und die beiden Giebelseiten als leichte Holzständerkonstruktion. Auf eine innenseitig abschließende, 12,5 mm dünne Gipsfaserplatte folgt eine verklebte OSB-Platte derselben Dicke, die den Rahmen aussteift und zugleich als luftdichte Ebene dient. Hieran schließt sich der 160 mm tiefe, gedämmte Rahmen aus Konstruktionsvollholz (KVH) an, der mit einer 60 mm dicken Holzweichfaserplatte bekleidet ist. Die darauf folgende Hinterlüftungsebene hat eine Tiefe von 40 mm, die von einer geschlossenen Holzschalung finalisiert wird. Bedingt durch die massivhölzerne Gebäudehülle konnte die Raumaufteilung exakt nach Wunsch erfolgen.

Baudaten Kindergrippe der Raphael Schule Bad Aibling, 2015

BauweiseHolzmassiv-Elemente + Ständerbauweise
BauherrFörderverein Freie Heilpädagogische Waldorfschule
Rosenheim und Umgebung e.V.
, D-83043 Bad Aibling
Architekturpetzenhammer architekten + stadtplaner, 83043 Bad Aibling
BauleitungIngenieurbüro Primas, 83115 Neubeuern
Holzbau• Holzbau + Fenster: Holzbau Wörndl, 83125 Eggstätt
• PHE-Massivholzelemente: Zimmerei Rottmüller,
83043 Bad Aibling
• BSH-Rundbögen: Mayr Melnhof Holz Reuthe GmbH,
A-6870 Reuthe
Flächen + MaßeBGF (Bruttogrundfläche): 256 m2
BRI (Bruttorauminhalt): 1.135 m2
Nettogrundfläche: 212 m2
Höhe: 4,80 m
U-WerteBodenplatte: 0,18 W/m2K
Außenwände: 0,22 W/m2K (Ost/West) / 0,19 W/m2K (Süd/Nord)
Fenster: 1,13 W/m2K
Dach: 0,22 W/m2K
EnergiestandardJährlicher Heizwärmebedarf Qh: 155,7 kWh/a
Jahres-Primärenergiebedarf QP: 29,7 kWh/m2a
CO2-Emissionen: 3,3 kg/m2a
Bauzeit6 Monate, Fertigstellung Dezember 2015
BaukostenOhne Grundstück (netto) 900.000 Euro (Kostengruppe 300 + 400)
Davon Förderung/Spenden:
• Freistaat Bayern: 345.000 Euro
• Stadt Bad Aibling: 82.000 Euro
• B&O-Gruppe: 70.000 Euro
• Walter-und-Ursula-Schatt-Stiftung: 20.000 Euro

Raumaufteilung und Haustechnik

Eingang und Ankleidebereich platzierte man spärlich befenstert straßenseitig, während sich die Gruppen- und Sozialräume zum Garten hin weitestgehend öffnen. Auf eine kontrollierte Lüftung hat man verzichtet. Die gartenseitig platzierten, großflächigen Glastüren, die auch den Kleinsten einen freien Ausguck ermöglichen, stellen eine komplette Durchlüftung der Gruppenräume in kurzer Zeit sicher. Des Weiteren erweitert eine überdachte, fast gebäudelange Terrasse die Spielmöglichkeiten bei Schlechtwetter. Da man von sämtlichen Räumen sofort nach draußen treten kann, sind die Brandwege kurz und das ebenerdige Gebäude brandsicher. Die Versorgung mit Heizenergie wird von dem zentralen Fernwärmenetz des Konversionsgebietes der City of Wood bereitgestellt. Die Wärmeverteilung erfolgt über eine sparsame Fußbodenheizung, die mit einer Vorlauftemperatur von etwa 30 Grad Celsius angefahren wird und sich unmittelbar unter dem massiven Eichdielenboden befindet, der in der Krippe verlegt wurde. Der überschaubare Bedarf an Warmwasser hingegen wird von einfachen, elektrischen Durchlauferhitzern erzeugt. Insgesamt wurden beim Bau der Kinderkrippe etwa 145 m3 an massivem Holz verbaut. Dies entspricht einem Kohlenstoffanteil, aus dem Holz zu 50 % besteht, von ca. 37 Tonnen, was einer CO2-Speicherung von über 136 Tonnen gleichkommt.

Literaturtipps:

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