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2007 kauften meine jetzige Frau und ich eine Wohnung in Barcelona. Sie liegt in einem dort typischen Mehrfamilienhaus mit sechs Stockwerken aus dem Jahr 1927, im ehemaligen Industriebezirk Poblenou. Die Wohnung ist 55 m² groß, inklusive Balkon und Abstellkammer auf dem Dach. Die astronomischen Immobilienpreise ließen uns hinsichtlich der Wohnungsgröße nicht viel Auswahl, aber uns gefielen ihre lichte Höhe von etwa 3 m, der Charme des Altbaus, sowie die südöstliche Ausrichtung der Fassade mit Blick über Dachlandschaften bis auf ein Eckchen Mittelmeer am Horizont. Trotz des nur 60 cm tiefen Balkons erlauben die bodentiefen Fenstertüren im Inneren eine intensive Teilhabe am mediterranen Dauerfrühling.

Der ursprüngliche Innenausbau sowie die Fenster waren leider größtenteils durch typische Baumarktprodukte ersetzt worden. Die Hausinstallationen bestanden aus einem elektrischen Warmwasserkessel, dessen Volumen gerade für einmal Duschen ausreichte. Eine Heizung war nicht vorhanden, ebenso wenig Wärme- oder Schallschutz. Die meisten Gebäude dieser Art sind nicht unterkellert und für Deutsche ist es überraschend, dass das Flachdach die typischen Kellernutzungen übernimmt: Lagerraum, Wäschetrocknung und Fahrrad-Abstellplatz befinden sich auf dem Dach. Die Wohnung ist in drei Zimmer, Wohnzimmer, Küche, Diele, Bad aufgeteilt. Die Raumgrößen sind für deutsche Verhältnisse völlig unakzeptabel und auch nach aktuellem spanischem Baurecht liegen diese außerhalb jeder Planungsnorm. Das kleinste Zimmer ist gerade mal etwa 5 m² groß.

(1) Ausgebaut bietet die kleineWohnung (55 m2) in Barcelona Platz für die vierköpfige Familie
(2) Schiebetüren im engen Flur nutzen den Raum optimal

Mediterrane Lichthöfe

Das Gebäude besteht aus einem zentralen Treppenhaus, an das sich – wie im Mittelmeerraum oft vorzufinden – an der Vorder- und Rückseite, sowie an den jeweiligen Giebelseiten, so genannte „Patios de luz“ (Lichthöfe) anschließen. Die innen liegenden Zimmer haben ein Fenster zu diesen Patios und werden so mit Tageslicht versorgt und belüftet. Das Treppenhaus und die Patios werden von einem großzügigen Glasdach mit Abluftöffnungen abgedeckt. Die im oberen Teil nur vergitterte Haustür sorgt via Schornsteineffekt für die im Sommer dringend benötigte Zuluft. Als Architekt haben mich diese Patios immer fasziniert, zumal es in Deutschland Vergleichbares nicht gibt. Natürlich können die Patios je nach Zustand auch unangenehme Nebeneffekte haben. So habe ich beispielsweise Treppen gesehen, die direkt an Schlafzimmerfenstern vorbeiführten – ein unmöglicher Zustand.

Moderne Mischkonstruktion 

Das Gebäude ist ein monolithischer Ziegelbau. Zwischen den Stahlträgern der Rohbaudecken (hier sog. „Kappendecken“) wurden Holzleisten eingelegt, unter die als Putzträger für den Gipsputz meist eine Matte aus gespaltenen Bambusstäben genagelt wurde. Die Oberseite der Decke wurde mit Zementmörtel aufgefüllt und mit „azulejos hidraulicos“ (eingefärbte und gemusterte Zementfliesen) belegt. Die originalen Fliesen unserer Wohnung waren vom Vorbesitzer mit einer Keramikfliese überklebt worden. Da wir nicht wussten, inwieweit die originalen Fliesen noch vorhanden waren und in welchem Zustand sie sich befanden, entschieden wir uns, den zweiten Belag beizubehalten. Es ist eine Unsitte unter vielen spanischen Handwerkern, alte Beläge nicht zu entfernen, sondern sie einfach zu überkleben. Ähnlich ist es bei abgehängten Decken. Beim Abriss der nachträglich eingebauten Decken fanden wir teilweise drei unterschiedliche Schichten. Eine typische „Krankheit“ dieses Haustyps ist auch die Korrosion der ungeschützten Stahlträger. Durch unzureichenden Schlagregenschutz an offenen Giebelseiten und undichte Balkone tritt Feuchtigkeit ein, die den Stahl im Mauerwerk langsam rosten lässt. Zur Sanierung werden dann unter die alten Träger neue Stahlkonsolen eingebaut. Durch diese Sanierung blieben nur zwei Stuckdecken original erhalten.

(3) „Überflieger“ – der horizontale Kleiderschrank
(4) In der Küche reichen die hohen Schränke bis unter die schöne Kappendecke

Komfort nachrüsten

Unser Sohn wurde 2009 geboren, was erste Umbauten, wie den Einbau einer Gastherme und Heizkonvektoren, unumgänglich machte. Als unsere Tochter vier Jahre später dazu kam, war klar, dass ein umfassenderer Umbau nötig wurde. Die Planung sollte die prinzipiellen Probleme des Grundrisses beheben: Die Wohnung besteht aus einem langen Flur, an dem sich kammerartige kleine Räume aufreihen. Die wichtigste Änderung bestand darin, den Hauptflur mit der Küche zu vereinigen und so zu ermöglichen, dass zwei oder mehr Personen dort zusammen kochen können. Der lange Transitraum wurde zudem in unterschiedliche Funktionen und Erlebnisbereiche unterteilt. Die neue „Flur-Küche“ erhielt auf ihrer langen Seite ein Einbaumöbel, das Schränke mit Schiebetüren, den Kühlschrank, sowie ein vorhandenes Patiofenster integriert. Die Decke wurde bis auf die Höhe der nahen Wohnungstür abgehängt und durch einen Zwischenboden wurde Stauraum geschaffen. Dieses Einbaumöbel ist komplett aus Dreischichtplatten hergestellt. Um der unruhig wirkenden Oberfläche aus Fichtenholz etwas Beruhigendes entgegenzusetzen, ließen wir die Küchenzeile mit matt lackierten Türen versehen. Die Kappendecke wurde in diesem Bereich freigelegt, um die unterschiedlichen Höhen erlebbar zu machen und Raum für eine doppelte Lage Hängeschränke zu schaffen.

Massive Dreischichtplatten 

Eine neue Drehtür grenzt die Küche optisch von einem weiteren kurzen Flur ab. Die Höhe dieses Flures wurde oberhalb der Türen für einen horizontalen Kleiderschrank genutzt. Über den Holzleisten der Stuckdecke wurde dazu ein Aluminiumrohr gelegt, das als Kleiderstange dient. Jacken und Hemden werden hier mit der Astgabel einer Holzstange ein- und ausgehängt. Der untere Abschluss des „fliegenden“ Kleiderschranks bildet eine horizontale Schiebetür aus Sperrholzplatte. Um einen Raum zu schaffen, in den diese Schiebetür zurückfahren kann, wurde der gesamte horizontale Einbau in das Wohnzimmer verlängert. In diesen Einbau sind von unten die Schienen der Zimmerschiebetüren integriert. Die Schiebetür des horizontalen Kleiderschranks fährt in den Hohlraum einer Ablage im Wohnzimmer. Dort werden Spielsachen unserer Kinder gelagert. Alle horizontalen Überkopfflächen sind mit weißer Holzlauge behandelt.

(5) Schiebetüren öffnen einen großen Raum aus Wohnzimmer, Schlafzimmer und Büro
(6) Viel Tageslicht durch bodentiefe Fenster samt Ausblick zum Meer

Variabel nutzbare Räume

Das Wohnzimmer teilt sich in zwei Bereiche: den inneren Essbereich mit Tisch und Bank in Eigenbau, und den äußeren Bereich am Fenster mit Sofa, der quasi den einzigen Freiraum der Wohnung darstellt. Dieser Freiraum lässt sich zusätzlich durch eine große Schiebetür in das Büro/Schlafzimmer erweitern. Diese Querverbindung schafft etwas Großzügigkeit, kann aber jederzeit bei Wunsch nach Intimität wieder geschlossen werden. Dieser letzte Raum ist Schlafzimmer, Büro und Teehaus in einem. Er hat, wie das Wohnzimmer auch, eine Zweiteilung in einen äußeren Freibereich und ein inneres Podest mit dem Bett auf Tatami, unter dem sich ein fahrbares Schubkastenmöbel befindet. Ein durchgehendes Regal schafft auch Platz für einen Arbeitsbereich.

Differenzierte Beleuchtung

Die Beleuchtung erweitert die Atmosphäre der Räume und stellt das richtige Licht für die verschiedenen Nutzungsbereiche bereit. Ich unterscheide zwischen punktueller, genereller und intimer Illumination. Die Oberseite der Konsole im Wohnzimmer bestrahlt mittels einem LED-Band die Decke. Das gleiche LED-Band beleuchtet auch den „fliegenden“ Kleiderschrank und erleichtert so die Kleiderauswahl. Abgesehen von diesem LED-Band und Leuchtstoffröhren in der Küche sind alle Leuchten mit Halogenlampen bestückt. Die unterschiedlichen Ausleuchtungsmöglichkeiten begleiten unseren Tagesablauf und tun das ihre zu einem baubiologischen Wohnerlebnis.

Architektonische Tricks – großzügiges Raumgefühl

  • Unterschiedliche Deckenhöhen und Raumerweiterungen schaffen einen Kontrast zwischen Enge und Weite und intensivieren so das Raumerlebnis.
  • Schiebetüren nutzen die langen Wände und verhindern, dass in den kleinen Zimmern Bewegungsraum für Drehtüren verloren geht.
  • Die Räume werden multifunktional genutzt: Wohnzimmer, Esszimmer, Spielzimmer und Büro, Schlafzimmer, Teehaus.
  • Diagonale Sichtachsen lassen Räume größer erscheinen.
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Herbert Gebhardt: Architekt AKNW und Baubiologische Beratungsstelle IBN, spezialisiert auf Bauen und Renovieren mit Lehm, Stroh und Holz.

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