Städtischer Lebensraum

Je dichter Menschen in Städten zusammenleben, desto größer ist die soziale Kompetenz, die von ihnen verlangt wird. Die Stressschwelle sinkt, die Aggressivität nimmt zu. Stadtbaubiologische Nachverdichtung soll dies berücksichtigen, untersuchen sowie Antworten für folgende Fragen bieten:

  • Was macht einen städtischen Lebensraum aus, der nachhaltig, umwelt- und menschgerecht ist?
  • Welche Gebäudetypologien sind im Rahmen der städtebaulichen Nachverdichtung am besten geeignet?
  • Welche Vor- und Nachteile haben 4- bis 5-geschossige urbane Bauten gegenüber Hochhäusern?
  • Welche städtische Wohnformen fördern ein nachbarschaftliches Miteinander?

Mehrgeschossige Wohnanlage Borstei, München (gebaut 1924-1929, denkmalgeschützt)

Wohnhochhaus in der Stadt                

Insbesondere zum Wohnhochhaus in der Stadt nimmt der Schweizer Architekt Horst Eisterer (SIA) zusammen mit seiner Arbeitsgruppe Städtebau + Architektur Zürich (asaz) in seiner Studie „Hochhäuser – Kritische Betrachtungen“ (PDF siehe unten!) dezidiert Stellung. In dieser Studie drängt sich die Frage auf, „ob sich Hochhäuser zur Verdichtung eignen – wo und wie viel verdichtet werden soll“, denn städtisches Bauland ist knapp! Diese Studie zeigt anhand des Zusammenhangs zwischen Freiflächengewinn und Geschosshäufung auch, wie irreführend die Behauptung ist, mit Hochhäusern ließe sich mehr Grün schaffen. 

Der unerhebliche Freiflächengewinn ist nicht der einzige Grund, weshalb Architekt Horst Eisterer und seine Arbeitsgruppe Städtebau + Architektur Zürich Hochhäuser marginalisieren und für urbane Bauten mit 4 bis 5 Geschossen eintreten. Aus seiner Schrift „Das Hochhaus – kurz und bündig“ (PDF siehe unten!) sind die folgenden „5 Punkte zu Hochhäusern“ entnommen:

5 Punkte zu Hochhäusern 

1. Hochhäuser generieren keine erwähnenswerten Freiflächen und Grünräume. Sie eignen sich nur bei Ausnützungsziffern* von weit über 2,0 für die Verdichtung, die unserer Kultur, unseren Vorstellungen von Zusammenleben, Wohnen und Arbeiten nicht entsprechen.
* Die Ausnützungsziffer umschreibt das Verhältnis der Summe der Wohn- und Arbeitsflächen in Vollgeschossen zur Grundstücksfläche. Beispiel: Bei einer Ausnützungsziffer von 40 % dürfen auf einem Grundstück von 1.000 m2 Fläche maximal 400 m2 Geschossfläche erstellt werden.

2. Ökologie und Nachhaltigkeit: Der ökologische Fußabdruck von Hochhäusern ist deutlich schlechter als die technisch viel anspruchslosere Flachbauweise. Auch sind der Bedarf an grauer Energie und der Ausstoß von CO2 deutlich höher als im Flachbau. Der in Megastädten wie z.B. New York, Hongkong, Singapur etc. mit Wolkenkratzern erzeugte Dichtestress ist nicht erstrebenswert, auch sind die damit verbundenen, enormen Umweltschädigungen (Gebäude, Verkehr, Infrastruktur) übermäßig.
Gebäude und das Bauen sind für die Umweltbelastung sehr relevant. Der Schweizer Gebäudepark ist mit etwa 50 % des Primärenergiebedarfes und mit 27 % am CO2-Ausstoß erheblich beteiligt. Auch wird Boden beansprucht und immer knapper werdende Rohstoffe verbraucht.

3. Ökonomie: Hochhäuser sind je Quadratmeter Nutzfläche systembedingt wesentlich teurer (20 %, oft mehr) ;- in der Planung, im Bau, im Betrieb, im Unterhalt bei Sanierungen und beim Rückbau. Mit Bedacht auf die systembedingten Merkmale des Hochhauses lassen sich zum gleichen Preis mindestens 25 % mehr Wohnungen in niedrigen, technisch einfacheren Häusern bauen.

4. Städtebauliche Aspekte und Landschaft: Die schiere Größe, Dominanz und Objekthaftigkeit von Hochhäusern verhindern wirtliche, umschlossene Räume, wie wir sie in der Altstadt auf Plätzen, Straßen und Gassen genießen und als maßstabsgerecht wahrnehmen.
Ihre in Zürich häufige und zufällige Ausbreitung («Nähkissen») – an karzinogen wuchernde Strukturen erinnernd – verunklären die Stadtstruktur, die Orientierung und speziell in Zürich die landschaftlichen Besonderheiten. Was die behördliche, für Hochhäuser vorgeschriebene Forderung nach guter Gestaltung mit «schöner» Fassadengestaltung bis heute angerichtethat, ist real und in der Gesamtwirkung zu besichtigen. Es würde mit weiterer Anhäufung noch desaströser! Der Preis für die gute Aussicht sind die Beschattung der Nachbarschaft (inkl. Solaranlagen) und negative Auswirkungen auf das städtische und örtliche Klima. Selbst in Paris sind Hochhäuser unerwünscht!

5. Gesellschaftliche und psychische Bedenken: Wohnhochhäuser isolieren die Menschen vom Boden, unter sich und zur Umgebung. Sie eignen sich nur für eine eingeschränkte zahlungskräftige und sicherheitsüberzeugte Benutzerschaft. Lebensgemeinschaften mit Kindern sind in Hochhäusern schlecht aufgehoben. Hochhäuser werden von vielen Menschen oft wie unmenschlich drohende, unausweichliche Kulissen wahrgenommen.

Stellungnahme von Winfried Schneider, Architekt und Leiter des IBN

„Im Sinne eines menschen- und umweltgerechten Bauens sollte das Hochhaus die Ausnahme bleiben. Dies gilt ganz besonders für Wohnhochhäuser!“

Download der PDFs

Urbaner Flachbau
Hochhäuser kurz und bündig

Literaturtipp:

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  1. 5 oder 6 Stockwerke, jedenfalls nicht höher als unsere Bäume und nicht mehr als 12 Einheiten pro Haus – das gewährleistet ein Sich-Kennen, Zusammenhalt, bis in den letzten Stock gehen können, einfache Holzbauweisen. Wir haben ein Gründerzeithaus zum Vorzeigebau umgestaltet: 34 Personen auf 380m² Grund, davon 50% bebaut mit 1100m² BGF in 12 TOPs. SUPER LEBENSQUALITÄT TROTZ EXTREMER DICHTE, WEIL ÜBERSCHAUBAR.
    1990 17 Bewohner, 11 PKW, 2020 34 Bewohner, 10 PKW.
    Der ORF hat berichtet https://www.youtube.com/watch?v=w1HXHsmEYNM&t=7s
    Inzwischen haben wir Gemeinschaftstiefkühler samt Bundeslade (frei verfügbar für Ausgegangenes oder nach Urlaub), Rudergerät am Gang, Erdkühlung im Hof,…einfach auch resilient – solange ein Staubsauger / WAschmaschine im Haus funktioniert, wird sich niemand Sorgen deswegen machen!

  2. Im Prinzip ist richtig, dass man mit Hochhäusern im Rahmen unseres Planungsrecht keine höhere Dichte erzielt als mit Blockrandbebauung. Leider wird in Deutschland das Planungsrecht immer weiter ausgehöhlt durch vorhabenbezogene Bebauungspläne, die nicht an die Geschossflächenzahlen der BauNutzungsVerordnung gebunden sind. Was nach der Wiedervereinigung als Instrument zur schnellen Ansiedlung von Infrastruktureinrichtungen in den östlichen Bundesländern gedacht war, ist inzwischen zur Carte Blanche von Bauverwaltungen geworden, die kritiklos Vorhaben von Investoren ermöglichen, so z.B. in Bremen ein Allgemeines Wohngebiet mit einer GFZ von 2,45, dem doppelten der nach BauNVo maximal zulässigen GFZ von 1,2! Das geschieht unter der Ägide eines grünen Bauressorts. Gegen den Widerstand der Bewohner sollen hier in einem Gründerzeitviertel mit weitgehend denkmalgeschützter maßstäblicher Substanz drei gesichtslose Hochhäuser mit bis zu 11 Geschossen realisiert werden, natürlich in klimaschädlicher Betonbauweise!

  3. Nicht ist einfach Fakt. Diese Haltung drückt bloss die Weigerung aus, sich mit den Ursachen für eine Entwicklung auseinanderzusetzen. Wir können nicht die ganze Welt verhandeln. Hier geht es um Zürich. Und hier betreiben die Stadtbehörden seit 20 Jahren eine sog. Stadtentwicklung, die sich darauf konzentriert, auf Teufel komm raus Fluchtkapital anzulocken, das dann hier zu Geldmaschinen aus Betongold wird, was in Zeiten von Negativzinsen auch leicht gelingt. Interessant sind Wohnhochhäuser für das beteiligte Finanz- und Baugewerbe und als Macht- und Dominanzgeste geltungssüchtiger Politiker als deren Wasserträger. Verlierer ist die Wohnbevölkerung. Das Hochhaus ist die dümmstmögliche Wohnbauform, und zwar, wie im Bericht dargelegt, in jeder Hinsicht. Über die 20% höheren Baukosten und der bis 40% höhere Primärenergieverbrauch sieht der Investor locker hinweg. Die behauptete Verdichtung existiert im Rahmen unseres Bau- und Planungsrechts gegenüber dem Blockrand nicht. Das ist alles ist längst belegt und müsste bloss zur Kenntnis genommen werden. Die Zwischenräume sind im Gegensatz zu Innenhöfen verlorene, sozial untaugliche Räume.

  4. In London kann man beides besichtigen – die Hochhausagglomerationen wie Elephant &Castle, und die Antwort darauf, nämlich das Konzept „Low rise, high density“. Ein bekanntes Beispiel ist die innerstädtische Wohnanlage „Lillington Street“. Sozial verträglich, maßstäblich und identitätsstiftend.
    Es stimmt schlicht nicht, dass man ohne Hochhäuser Flächenfraß verursacht. Spätestens seit der Cité Radieuse, mit der Le Corbusier Paris auf wenige Hochhaustürme mit viel Grün dazwischen reduzieren wollte – wohl eher ein provozierendes Denkmodell – weiß man, das Hochhäuser nicht die Lösung sind.
    Jane Jacobs hat in ihrem Buch „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“ begründet, warum „Augen auf der Straße“ die wichtigste Voraussetzung für das Funktionieren von Städten sind, und Augen im 10 OG. sind dafür wenig hilfreich!

  5. Der weltweite Zuzug in Städte ist Fakt und wird durch die Baubiologie nicht umkehrbar sein. Die Flächen, die zur Verfügung stehen, sind endlich und sollten sinnvoll genutzt werden. Indem wir Hochhäuser ablehnen, verpassen wir die Gelegenheit, gestaltend einzugreifen wo diese erforderlich sind. Eine flache Bebauung bedeutet im Umkehrschluss auch immer mehr Erschließungsinfrastruktur und Flächenfraß!
    Beide Bauformen haben Für und Wieder. Wenn Hochhäuser erforderlich sind, dann lasst uns doch gute Hochhäuser bauen!

    Ich empfehle in diesem Zusammenhang, sich mit dem Objekt „The Interlace“ in Singapur auseinander zu setzen. Dort hat man sich mit den Fragen nach Begrünung, Kleinteiligkeit, Rückzugsorten, Bezahlbarkeit auseinandergesetzt und spannende Antworten gefunden. Sicherlich ist es keine perfekte baubiologische Immobilie geworden, aber es sind gute Ansätze dabei – vor allem wenn man sich die möglichen Alternativen vor Augen führt.

    • Wenn Sie liebe Meike unsere Papiere lesen wollen, werden Sie feststellen, dass wir das Hochhaus nicht grundsätzlich ablehnen. Wir begründen aber mit vielen Quellenangaben, dass es sich für preisgünstigen Wohnungsbau und für Kinder nicht eignet. Bei uns will niemand so dicht im Stress wohnen wie in China. Unsere Baugenossenschaften distanzieren sich von dieser isolierenden Wohnform. Der ökologische Fussabdruck von Hochhäusern ist im Vergleich zur Flachbauweise wesentlich schlechter. In der Schweiz gilt die Regelbauweise in den Bauordnungen. Deshalb sind sie auch kein Verdichtungstool. Ihre Annahme, die Hochhäuser in China seien wirtschaftlich und ökologisch sind nach allem, was wir wissen, realitätsfremd. Bei Umfragen, wie Menschen leben und wohnen möchten, haben bei uns die dichten Turmstädte in China „schlechte Karten“.

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