Die denkmalgeschützte „Zehntscheuer“ im Tübinger Stadtteil Derendingen ist ein historischer Nutzbau, schön durch seine Einfachheit, den Natursteinsockel, die krummen dunklen Hölzer im Wechsel mit den hellen Putzflächen und das große ruhige Dach mit einem kleinen Krüppelwalm. Sie steht in zweiter Baureihe, hinter der ehemaligen Dorfschule und einem kleinen Backhaus. Früher wurde in ihrem mehrstöckigen Dach die Naturalsteuer gelagert. Nach dem zweiten Weltkrie nutzte sie ein Fuhrunternehmer als Unterstand für seine Fahrzeuge. Zuletzt stand sie viele Jahre leer. Familie Manderscheid kaufte die Scheune und Architekt Christoph Manderscheid plante sie denkmalpflegerisch und baukonstruktiv ausgetüftelt zum Wohnen und für sein Architekturbüro um.

(1) Westseite der über 500 Jahre alten Scheune vor dem Kauf. Ihr imposantes Dach war als Lagerraum genutzt worden
(2) Die Konstruktion aus Eichenholz war auch nach dem Verlust von Ziegeln im 2. Weltkrieg und der Nutzung als Abstellraum für einen Fuhrpark noch gut erhalten
(3) Im Norden ist die kleine Wohnung in die große Wohnung eingeschoben, was eine Herausforderung für den Schallschutz darstellt
(4) Damit die neuen, mit Leinölfarbe gestrichen Holzfenster außen möglichst wenig in Erscheinung treten, sitzen sie hinter den alten Balken in der Ebene des Dämmputzes
(5) Drei Parteien und ein Architekturbüro nutzen heute die ehemalige Zehntscheuer, hier in der Rückansicht
Quellen Bildmaterial:

(1-2) Architekturbüro Manderscheid | (3-5) J.M. Schlorke

Sanieren als Gemeinschaft

Da die Scheune für seine Familie zu groß war, suchte er Mitnutzer und fand sie in Familie Neff, die schon in einem schön sanierten Altbau gewohnt hatte. Wie es sich für eine Baugemeinschaft mit knappem Budget gehört, konnten diese auch Eigenleistungen erbringen, wie das Roden des Grundstücks, das Abbürsten der Balken und der Fassade sowie den Einbau der Elektroinstallation.

Gut erhaltener Bestand

Zwei große Scheunentore öffnen zwei Tennen nach Osten, ansonsten gab es in dem landwirtschaftlichen Gebäude nur wenige, kleine Öffnungen. Untersuchungen des Denkmalamts belegen als Baujahr 1500. In der über 500-jährigen Nutzungszeit war das Fachwerk höchstwahrscheinlich außen immer sichtbar. So sollte es auch nach der Umnutzung sein. Für Christoph Manderscheid war der überlieferte Bestand die entscheidende Leitschnur beim Einbau von drei Wohnungen und seinem Büro. Neben dem Erhalt des Eichenfachwerks mitsamt seiner historischen Reparaturen, ging es ihm vor allem um die unveränderte Präsenz der Scheune, ihre pure, unversehrte Gestalt und den Erhalt ihrer räumlichen Struktur.

Großzügiges Wohnen

Auf vier Etagen schafft er mit seiner Umnutzung eine Nutzfläche von insgesamt 480 Quadratmetern. Zwei große Wohnungen für Familie Manderscheid und Familie Neff teilen sich die Grundfläche. Die Wohnfläche der Haushälfte Manderscheid im Süden ist mit zirka 25 Quadratmetern pro Person bescheiden, dennoch ist der Raumeindruck überraschend großzügig. Stauraum schaffen trickreiche Vollholz-Einbauten unter den Treppen. Wohnung Neff hat 183 Quadratmeter über vier Geschosse. Beide Hauptwohnungen haben eine große Wohnhalle über zwei Geschosse an Stelle der alten Tenne. An der Außenwand ist im Norden eine kleine Wohnung über zwei Geschosse eingeschoben. Sie ist über eine neue Box für Fahrräder hinweg zugänglich, welche die Stelle eines alten Schuppens einnimmt. Eine Treppenanlage auf der anderen Seite des Hofs führt zum Büro im Dach; dort ist auch ein kleines Bad für Mitarbeiter*innen und Gäste eingeschoben. Rechts davon ist das Atelier von Katja Manderscheid, links davon ein Besprechungsraum bis unter den First.

Sanierung Fachwerk

Das aus Eiche gefertigte Fachwerk war gut erhalten. Seine Stützen stehen teilweise noch wie zur Erbauungszeit weit auseinander. Auf der Südseite ist im Erdgeschoss die alte, geschwungene Schwelle mit den Aussparungen für die Streben spektakulär. Ein Sachverständiger für Holzschäden klärte ab, ob diese schönen Hölzer als Sichtfachwerk gezeigt werden können. Er fand Feuchteschäden auf der ganzen Länge der Schwelle. Im Laufe der Jahrhunderte war sie immer mehr im Spritzwasserbereich gelegen. Deshalb wurde das Gelände dort wieder abgesenkt und die Schwelle gegen aufsteigende Feuchte geschützt. Das Fachwerk konnte sichtbar belassen werden und wurde innen mit einem Kalk-Dämmputz versehen. 

Bei der Sanierung leisteten die Zimmerleute Maßarbeit. Sie doppelten schwache Balken auf, ersetzten morsche Verzapfungen und verstrebten kunstvoll neu. Das Fachwerk wurde vorsichtig abgedampft, die wasserempfindlichen Lehmgefache von Hand abgebürstet und mit Druckluft gereinigt. Bei dem spätmittelalterlichen Fachwerk ragen Sparren- und Balkenköpfe über die Wand hinaus. Unter den Walmen wurden sie so abgesägt, dass sie überdämmt werden konnten. „Damit sie im Warmen liegen und etwas geschützt sind“, erklärt Architekt Manderscheid. „Balkenköpfe sind kritische Punkte, weil sie durch die innere Dämmputzebene nach außen durchgehen.“

(6) Aus der alten Tenne wurde eine großzügige Wohnhalle mit über vier Metern Raumhöhe. Neues Vollholz und baubiologische Materialien schreiben die ausgesprochen guten Lebenszyklusdaten der historischen Scheune weiter
(7) Blick in die Küche unter der Empore, die in den Steg zu den Schlafräumen der vierköpfigen Familie übergeht
(8) Überall gibt es trickreich integrierten Stauraum – sodass nur 25 Quadratmeter Wohnfläche pro Person genügen
(9) Fröhliche Farben hat das Elternbad mit von der Bauherrin selbst glasierten Fliesen
(10) Das Schlafzimmer der Eltern mit Einbaumöbeln und Deckenkonstruktion aus Vollholz
(11) Den neuen Wohnhof schützen die Aufbewahrungsbox für Fahrräder und gegenüber eine Treppenanlage zum Büro
(12) Die umgenutzte Zehntscheuer bildet mit dem alten Schulhaus und dem ehemaligen Backhaus sowie der Kirche auf der anderen Straßenseite den historischen Kern des Dorfes Derendingen
Quellen Bildmaterial:

(6-12) J.M. Schlorke

Statische Ertüchtigung

Um das Tragwerk für die neuen Lasten zu ertüchtigen, ließ Manderscheid an Balken und in Zwischenwänden filigrane Träger und Stützen aus Stahl einbauen. Die Stahlteile ersetzen auch an einigen Stellen historische Streben, um Bewegungs- und Kopffreiheit zu schaffen. In der eigenen Wohnhalle verzichtete der Architekt auf eine Verstärkung, sodass die historische Holzkonstruktion dort angenehm ruhig wirkt. Da die alten Balken so auch mehr schwingen, hört man auch mehr Trittschall aus dem Büro darüber. Im Dachraum betont er die Aufdoppelungen in Stahl mit einer schwefelgelben Brandschutzfarbe.

KfW-Denkmal Standard

Die Sanierung erreicht den Standard „KfW-Effizienzhaus Denkmal“, im Büro „KfW-Effizienzhaus 100“. Dazu wurde der Boden mit Schaumglasschotter gedämmt, das Dach mit Zellulose und Holzweichfaser, beides in Neubauqualität. Die Außenwände erhielten innen einen dicken Kalk-Dämmputz. „Mir ist wichtig, dass wir angemessenen Wärmeschutz haben, so gut es sinnvoll geht“, betont Bauherr Manderscheid. Hochgedämmte 3-Scheiben-Wärmeschutzverglasungen, eine kontrollierte Lüftung mit einem zentralen Abluftventilator je Wohnung und eine Niedertemperaturheizung mit Brennwertkessel ergänzen die energetischen Maßnahmen. Im Sommer ermöglicht eine natürliche Nachtlüftung mit Lüftungsklappen ein angenehmes Raumklima. „Wir waren echt erstaunt, wie gut das funktioniert“, berichtet Bauherr Neff. „Im ersten Sommer war es sehr angenehm. Es war uns selbst unter dem Dach nie zu warm.“

Die mit Leinölfarbe gestrichenen Holzrahmen der neuen Fenster sitzen in der Dämmputzebene auf der Innenseite der Fachwerkwand, damit sie außen möglichst wenig in Erscheinung treten. Die Dachfensterbänder sind zudem mit Sonnenschutzglas ausgestattet.

Denkmalgerechte Ästhetik

Nach dem Umbau prägen weiterhin die beiden Öffnungen der ehemaligen Einfahrten den Hof. Die Fahrradbox und die skulpturale Treppenanlage, die zum Büro führt, fassen ihn neu zu einem Wohnhof. Der Zugang zur kleinen Wohnung lässt sich gleichzeitig als herausgehobener Freisitz nutzen. Im Inneren sind die beiden Tennen mit ihrer Höhe in den großzügigen Wohnhallen mit über vier Metern Raumhöhe erhalten. Mit vielen Details, die es zu entdecken gilt, pflegt Manderscheid eine vom Denkmal geprägte Ästhetik. So lässt er die Verglasung der Scheunentore von einer Reihe schlanker, hölzerner Stützen halten. Von Metallwinkeln werden sie verspielt auf unterschiedliche Höhen gehoben und stützen so wie selbstverständlich die schiefen Balken des Denkmals. „Manderscheid ist ein sehr akribischer Entwerfer mit hohem Gestaltungswillen bis in die Details, der seine Formensprache gefunden hat“, beschreibt es sein Mitbauherr Neff. „Es ist eine Formensprache, die auch uns gut gefällt“. Gleichzeitig lobt er die große Offenheit des Gestalters. Gemeinsam haben sie für seine Wohnung prägende Details entwickelt, wie die Treppe aus Metall, das Geländer, die Wandoberflächen und die Bäder.

Fröhliche Farben

Formen und Farben mit natürlichen Pigmenten sind für Manderscheid wichtige Gestaltungsmittel. Kräftig blau sind die Fensterrahmen und die Stahlteile in seiner Wohnung, rosa die Küche, lebendig hellgrau eine große Wand der Wohnhalle, was den Raum in der Wahrnehmung weitet. Besonders farbenfroh sind das Familienbad, das Elternbad mit den von Katja Manderscheid selbst glasierten Fliesen und das kleine tageslichtdurchflutete Bad für Mitarbeiter*innen. Selten gelingt ein starker Farbkontrast so gut wie hier: Ein kräftiges Schwefelgelb betont die Stahltreppe im Büro sowie die Verstärkungen des Tragwerks und zieht die verstreuten neuen Elemente optisch zusammen.

Nachhaltiger Ansatz

Unter Nachhaltigkeitsaspekten sind auch die graue Energie der erhaltenen Konstruktion und die intensive Verwendung von neuem Holz positiv. Die Einbauten aus Vollholz, Kalkmaterialien und ökologische Leinölfarben für die Fenster schreiben die ausgesprochen guten Lebenszyklusdaten der historischen Zehntscheuer weiter. So entsteht ein bezahlbares und dauerhaftes Domizil mit sinnlichem Mehrwert. „Es ist ein sehr angenehmes Wohnen hier“, freut sich Hausherr Neff.

Baudaten

Umnutzung Zehntscheuer, Tübingen-Derendingen

Baujahr1500
Sanierung2018 – 2020
BauherrBaugemeinschaft Scheune
Nutzfläche344 m² (Wohnen) + 136 m² (Büro)
Fassade (von außen nach innen)Kalkputz mit französisch Ocker Pigment | Fachwerk aus Eichenholz mit Gefachen aus Lehm-Stakung | Feldsteinen oder Bimssteinen | Kalk-Dämmputz ca. 9 cm | Deckputz
DachBiberschwanzdeckung | Aufdoppelung der Sparren | gedämmt mit Zellulose und Holzweichfaser
Bödengedämmt mit Schaumglasschotter | Heizestrich
PlanungArchitekturbüro Manderscheid, Christoph Manderscheid Freier Architekt BDA, Tübingen

Literaturtipp:

Ökologische Altbausanierung

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