Prototyp im Entwicklungsgebiet

Das ländliche Montabaur im Westerwald mit fast 14.000 Einwohnern ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Vor allem durch den Anschluss an die ICE-Hochgeschwindigkeitstrasse Köln-Frankfurt im Jahr 2002 wurde die Kleinstadt verkehrspolitisch in die Moderne geführt. Seitdem verzeichnet die damals noch schrumpfende Kommune sukzessive einen wachsenden Zuzug von Unternehmen, Einwohnern sowie Ein- und Auspendlern aus umliegenden Metropolen. Der 300 km/h schnelle ICE verbindet Montabaur mit den beiden Oberzentren Köln und Frankfurt und deren internationalen Großflughafen jederzeit staufrei in knapp 30 Minuten. Dazu kommt eine ebenso schnelle, terrestrische Internetverbindung auf Glasfaserbasis, da der Gründer einer namhaften Internetfirma aus Montabaur stammt und dafür gesorgt hat, dass diese für die Region überlebenswichtige „Autobahn des 21. Jahrhunderts“ zügig und flächendeckend realisiert wurde.

Letztlich bilden diese zeitgemäßen infrastrukturellen Erschließungsmaßnahmen die Grundvoraussetzungen für die erfolgreiche Entwicklung Montabaurs einschl. der Niederlassung hochqualifizierter Dienstleister aus den genannten Oberzentren. Seitdem hat Montabaur seine Gewerbesteuereinnahmen von 8,8 Mio. Euro (2005) auf über 20,9 Mio. Euro (2014) mehr als verdoppeln können. Im Zuge dieser Entwicklung hat die Stadt auf dem stillgelegten Gleisbett des alten Bahnhofs ein attraktives Mischquartier in bester Lage erschlossen. Auf der einen Seite eine ländlich anmutende Szenerie mit dem Schloss Montabaur, auf der anderen Seite, nur drei Fußminuten entfernt, der ICE-Bahnhof. Gründe genug für Georg Huf, hier die erste mehrgeschossige Prototypsiedlung der Unternehmensgeschichte mit dem Namen „Huf City Living“ zu bauen, die sich an eine urbane Klientel richtet, die die Vorzüge des Landes mit der Infrastruktur einer Stadt verbinden möchte.

Reintegration der Daseinsgrundfunktionen

Auf dem als Aubachviertel bezeichneten Areal, das als Bindeglied zwischen der Kernstadt und dem ICE-Park fungiert, bildet die Holzbausiedlung auf 4.900 m2 Fläche das größte Einzelprojekt. Das Mischgebiet führt dabei die Grunddaseinsfunktionen „Arbeiten“ (40 % der Fläche) und „Wohnen“ (60 % der Fläche) wieder zusammen, die in der Nachkriegszeit oft konzept- und sinnlos getrennt wurden. Diese städtebauliche Verzahnung, die sowohl den Verkehr als auch Lärm, Abgase wie auch Feinstaub emissionen signifikant reduziert und vor allem Familien mit Kindern hilft, drückt sich auch in den bewusst gering gehaltenen Pkw-Parkflächen aus – im Aubachviertel fährt man mit der Bahn oder geht zu Fuß.

Im Idealfall wird sogar im Erdgeschoss gearbeitet und in den Obergeschossen gewohnt. Dabei präsentiert sich das neue Stadtviertel urban. Die Gebäude, welche flächensparend eng beieinander stehen, erreichen gemäß Bebauungsplan eine maximale Höhe von 14,60 m. Städtebaulich oft fragwürdige, flächenintensive Einfamilienhäuser oder Reihenhaussiedlungen mit 30 m2 Rollrasen sucht man hier vergebens. Die viergeschossigen Holzbauten der Huf-Siedlung entfalten mit ihren turmähnlichen Gebilden einen Kleinsiedlungscharakter. Dabei gruppieren sich die Gebäudeeinheiten um einen zentralen, begrünten Innenhof, der als Sozialraum der Begegnung und des Austauschs fungiert. Die im KfW 55 Standard errichteten 44 Mietwohnungen – die meisten davon barrierefrei, im EG auch Büros möglich – in Größen zwischen 60 m2 und 130 m2, verfügen über 48 optional anmietbare Pkw-Stellplätze in der Tiefgarage, die unter dem gesamten Bauplatz angelegt wurden.

(1) Die mehrgeschossige, urbane Holzbausiedlung, welche sich emissionsfrei selbst mit Heizenergie und Warmwasser versorgt, setzt als Prototyp neue Akzente im ländlichen Raum | Foto: Huf Haus GmbH u. Co. KG
(2) Das verdichtete Mischgebiet Aubachviertel in Montabaur führt die bis heute in Deutschland fastimmer getrennt ausgewiesenen Bereiche Wohnen und Arbeiten sinnvollerweise wieder zusammen | Quelle: Stadt Montabaur
(3) Das Versorgungsmosaik aus Eisspeicher, Solarmodulen und Wärmepumpen speist das Nahwärmenetz der Siedlung, das für winterliche Wärme und sommerliche Kühlung sorgt | Grafik: Viessmann Eis-Energiespeicher GmbH
(4) Dank der infrastrukturellen Erschließung haben sich die Zahlen der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der Verbandsgemeinde und Stadt Montabaur im Zeitraum 2006–2015 sukzessive erhöht, Quelle: Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz
(5) Ein Blick in das Innere des Eispeichers zeigt die dynamische Kristallisationsenergie, die über ein 7 km langes Rohrsystem als Wärmetauscher genutzt wird | Foto: Viessmann Eis-Energiespeicher GmbH

Hybridkonstruktion

Die Konstruktion besteht im Wesentlichen aus zwei Materialien: Holz und Beton. Auf eine tragende Drainageschicht mit einem Bodenpolster aus Basaltschotter wurde der Keller aus vorproduzierten Stahlbeton-Wandelementen platziert, während die Kellerdecke mit den Unterzügen vor Ort gegossen wurde. Darauf setzte man einen typischen Huf-Skelettbau mit geschosshoher Verglasung, die rahmenlos direkt in der Konstruktion sitzt, wobei sämtliche Glas- und Giebelelemente im eigenen Werk fertig vorproduziert wurden und über außenliegende, elektrische Jalousien verschattet werden. Der Aufbau der 25 cm dicken Geschossdecken aus Stahlbeton erfolgte mehrschichtig, um die komplexen Ringleitungssysteme (Energieverteilung) der untereinander vernetzten Gebäudeeinheiten unterbringen zu können. Die Haustechnik (Deckenheizung + Lüftung) befindet sich in der nach unten abgehängten Decke.

Brandschutzbedingt wurde die Tiefgarage in der Brandschutzklasse F90 ausgeführt, während es vom Erd- bis zum 3. Obergeschoss nur noch F60 bedurfte, wobei man die Elemente aus Brettsperrholz (BSP) kapselte. Für das 4. Obergeschoss genügte F30. Zudem umsäumt sämtliche Gebäudeeinheiten auf jeder Geschossebene ein Brandriegel. Die Gebäudehülle besteht aus vorgefertigten BSP-Elementen aus Hunsrücker Fichte (EG bis 3. OG). Diese steifen die Konstruktion aus und übernehmen zugleich den Lastabtrag, wobei jede Gebäudeeinheit aus Gründen eines verbesserten Schallschutzes einzeln ausgesteift wird. Hervorzuheben ist, dass auch die Treppenhäuser und Aufzugsschächte aus BSP-Elementen bestehen und sich dabei selbst abtragen.

Baudaten Aubachviertel in 56410 Montabaur, Rheinland Pfalz

Bauzeitinkl. Erschließung, Tiefbau und Tiefgarage ca. 2 Jahre | Fertigstellung Mai 2016
Architektur / BauherrHuf Haus GmbH u. Co. KG, 56244 Hartenfels (huf-haus.com)
FlächendatenNutzfläche 3.361,6 m2 | Verkehrsfläche 327,65 m2 | Netto-Grundfläche 3.689,25 m2 | Wohnfläche 3.780 m2 | Brutto-Geschossfläche (BGF) 5.391 m2
Energetische
Kennzahlen
Wärmepumpenleistung: 17,0 kW | 18,3 kW bis 21,2 kW
Solardach und PV Leistung: 108 kWp | 450 Module | 1.100 m2
Dachfläche Jahresprimärenergiebedarf: 49,05 kWh/m2a
Endenergiebedarf: 18,88 kWh/m2a
Heizenergiebedarf: 47,01 kWh/m2a
Energiestandard: Effizienzhaus 55

Eis-Energiespeicher

Die Holzbausiedlung wird von einem sogenannten „kalten Nahwärmenetz“ energetisch versorgt. Hierfür arbeiten in den einzelnen Geb.udetrakten 14 Sole-Wasser- Wärmepumpen mit einer Heizleistung von 150 kW und einer Entzugsleistung von 113 kW. Sie speisen gemeinsam einen zentralen Latent-Wärmespeicher aus Wasserbasis, auch als Eis-Energiespeicher bezeichnet, über den sowohl die Wärmeversorgung als auch die Kühlung des Objektes ganzjährig geregelt wird. Zudem wird nicht nur das Erdreich, sondern auch die solare Einstrahlung sowie die Umgebungsluft als Energiequelle genutzt. Dieses dreistufige Versorgungsmosaik wird über eine elektronische Wärmequellen-Schnittstelle gesteuert, die das Zusammenspiel vom Solar-Luftabsorber, den Wärmepumpen und dem Eisspeicher permanent abgleicht, Energie speichert oder einspeist. Die Einspeisung und Speicherung erfolgt dabei nahezu verlustfrei auf einem relativ niedrigen Temperaturniveau. Der Clou liegt in der Nutzung der Kristallisationsenergie, die beim Wechsel vom flüssigen Wasser- in den festen Eiszustand und umgekehrt freigesetzt wird. In diesem Phasenübergang wird pro Kubikmeter so viel Energie frei, wie benötigt wird, um Wasser von 0 °C auf 80 °C zu erwärmen – und umgekehrt.

Hybridkollektoren auf Pultdächern

Die Betriebsenergie kommt dabei entweder direkt von den PV-Modulen der 11 Pultdächer, oder aus dem Speicher selbst. Die auf den nach Süd-Westen ausgerichteten 12 Grad geneigten Pultdächern installierten 450 solaren Doppelmodule mit 108 kWp (Kilowatt Peak) installierter Leistung erzeugen sowohl PV-Strom als auch Solarthermie-Wärme. Sie bestehen aus einem unten liegenden Solar-Absorber für die Solarthermie, der solare und Umgebungswärme aufnimmt, sowie den darüber befindlichen PV-Modulen (Solarstrom). Durch diese Hybridkollektoren wird der energetische Flächenertrag optimiert, zumal die PV-Module aufgrund der Aufnahme der Strahlungswärme und der Energie der Umgebungsluft durch die Absorber höhere Erträge liefern. Die Wärmeenergie der Absorber, die auch im Winter bei tiefen Lufttemperaturen Erträge liefern, dienen zum einen der Regeneration des Latent-Eisspeichers, und können zum anderen direkt für den Betrieb der Wärmepumpen genutzt werden. Ferner werden auch im Sommer die niedrigeren Nachttemperaturen über die Solar-Luftabsorber in den Eisspeicher geleitet, um die Siedlung zu kühlen.

Gesetzgeber hinkt hinterher

Das Eis-Energiespeicher- sowie das Hybridkollektorsystem sind so dimensioniert, dass diese die gesamte Energie zum Heizen und Kühlen der Gebäude emissionsfrei bereitstellen können.Über eine Schnittstelle des Eispeichers, der auch für die sommerliche Kühlung verantwortlich zeichnet, werden die Flächenheizsysteme mit einer Vorlauftemperatur von etwa 35 °C über Wärmepumpen angefahren. Der selbst erzeugte Strom hingegen kann nur für den Betrieb der öffentlichen Bereiche (Haustechnik inkl. des Lüftungssystems, Aufzüge, Beleuchtung) genutzt werden. Den Rest speist man in das öffentliche Netz ein. Liebend gerne würde Georg Huf auch seine Mieter mit eigenem Haushaltsstrom versorgen, doch die administrativen Auflagen, um als „Stromversorger“ auftreten zu dürfen, waren ihm zu kompliziert und zu aufwändig. Hier sollte der Gesetzgeber kleinen, sich selbst versorgenden Einheiten im Zuge der Energiewende praktikable Insellösungen ermöglichen.

Revitalisierung des ländlichen Raums

Die großen Städte ächzen unter dem stetig steigenden Siedlungsdruck, bezahlbarer Wohnraum fehlt, Baugrund ist knapp und teuer und der als Lösung erkorenen Nachverdichtung sind systemische Grenzen gesetzt. Zudem ist die Luftqualität insbesondere durch die hohe Verkehrslast schlecht und die Lärmbelästigung hoch. Das Beispiel in Montabaur zeigt auf, wie der aktuell personell und strukturell ausblutende ländliche Raum als Lebens-, Siedlungs- und Wirtschaftsraum revitalisiert werden kann.

Kommentar des IBN

Nach wie vor gibt es einen Trend bezüglich Wegzug aus ländlichen Regionen und Zuzug in Ballungsgebiete. Die Kleinstadt Montabaur hat gezeigt, dass sich dieser Trend durch eine gute Verkehrsanbindung, eine gute Infrastruktur und das Angebot eines attraktiven und bezahlbaren Wohnraums (hier Aubachviertel) zum Wohle der Umwelt, der Bewohner und somit der gesamten Gesellschaft stoppen und sogar umkehren lässt. Sicher können auch andere Kommunen hiervon lernen und profitieren.

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