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Was ist Baubiologie?

„Definitionsgemäß ist Baubiologie die Lehre von den ganzheitlichen Beziehungen zwischen den Menschen und ihrer gebauten Umwelt“. Ziel ist es, eine gesunde, nachhaltige, schöne und soziale Wohn- und Arbeitsumwelt zu schaffen.

Das hört sich nach teuer an?

Überhaupt nicht. Erklärtes Ziel in der Baubiologie ist ein „preis-wertes“ und sozialverträgliches Bauen und Wohnen; jeder soll sich ein gesundes und nachhaltiges Wohn- und Arbeitsumfeld leisten können. Zur Verfügung stehen genügend einfache, kostengünstige, regional verfügbare und zum Teil auch im konventionellen Bau eingesetzte Materialien, wie z. B. Holz und andere Baustoffe aus nachwachsenden Rohstoffen, Lehm- und Kalkprodukte, Natursteine, sowie einfache Haustechniklösungen.

Ist also baubiologisches Bauen billig?

Letztendlich ja, wobei „billig“ eher für minderwertig und einfallslos steht. „Preis-wert“, also seinen Preis wert, passt deutlich besser. Der tatsächliche Preis setzt sich zusammen aus einer individuellen und einer gesellschaftlichen Komponente. Zur individuellen Komponente: Es gibt Bauherren, die wenig Geld haben und aus der Not oder auch aus Überzeugung eine Tugend machen. Mit großem Spaß, Kreativität und Eigenleistung erstellen sie einfache, kostengünstige und dennoch schön gestaltete Häuser, Wohnungen und Inneneinrichtungen. Auf diese Weise entstehen oft spannende und sehr „preis-werte“ Projekte mit Lehm aus der Baugrube, Steinen aus der Umgebung, Holz vom Sägewerk um die Ecke, wiederverwendeten Bauteilen z. B. aus Abrisshäusern, selbst geschreinerten Möbeln, sogenannte Minihäuser usw. Trendforscher sehen aktuell im „Do it yourself“ bzw. „Maker Movement“ den Beginn einer Wende.
Natürlich gibt es auch Bauherren, die haben nicht die Zeit, das Know-how oder die Möglichkeiten für viel Eigenleistung. Diese können sparen durch die Verwendung einfacher Materialien, Inneneinrichtungen und Haustechniklösungen, raumsparend optimierte Grundrisse, Beauftragung der „richtigen“ Planer und Handwerker mit Erfahrung im baubiologischen Bau und Reduzierung auf das Wesentliche (siehe auch Infokasten).
Von Bauherren noch viel zu wenig genutzt werden die Einsparmöglichkeiten und Vorteile durch gemeinschaftliches Wohnen und Bauen. Meist sind nur Investoren so schlau, z. B. durch den Bau von Mehrfamilienhäusern ihre Rendite zu verbessern.
Übrigens ist es nicht in Ordnung, wenn Kosten z. B. für einen erhöhten Wärmeschutz, Sonnenkollektoren, Photovoltaik oder Regenwasserbewirtschaftung der Baubiologie in die Schuhe geschoben werden. Auch wenn es sich um baubiologisch betrachtet willkommene Ausführungen handelt, würden solche Kosten auch im konventionellen Bau entstehen.

(1 und 2) „Preis-werte“ und schnelle Bauweisen aus Holz und Ziegel
(3) „Preis-werte“ Baustoffe im Naturbaustoffhandel, Foto: Gütter Naturbaustoffe, Wasserburg

Und inwiefern haben Baukosten eine gesellschaftliche Komponente?

Beim konventionellen Bauen und Wohnen werden erhebliche Kosten verursacht, welche die Allgemeinheit, also über Umwege auch jeder Bauherr tragen muss. Hierzu zählen z. B. Kosten aufgrund von Umweltschäden und der globalen Klimaerwärmung, Subventionierungen von Energie für energieintensive Unternehmen, aber auch Kosten für medizinische Behandlungen und Frührenten aufgrund entstandener Krankheiten nicht nur von Immobiliennutzern, sondern auch von Handwerkern, Mitarbeitern bei Baustoffherstellern und -händlern usw. Die so verursachten Mehrkosten werden auf ca. 10 % der Bau- und Wohnkosten geschätzt und müssen von allen Bürgern u. a. über Steuer- und Versicherungskosten getragen werden. Um die Ursachen zu beheben, statt die negativen Folgen zu finanzieren, wäre vor allem die Politik gefordert. Diese sollte für faire Marktbedingungen und Unterstützung gesundheitsbewusster und ökologischer Lösungen und Sanierungen sorgen. Krankenkassen sollten zumindest baubiologische Beratungen, Planungen und Messungen bezuschussen, nicht umsonst werden Baubiologen auch Haus-Ärzte genannt. Durch solche sinnvolle Maßnahmen bekämen nicht zuletzt auch die vielen kleinen und engagierten Handwerker, Firmen und Baustoffhersteller baubiologischer Produkte und Bauweisen die vielfach nötige und eben auch faire Unterstützung. Schließlich entstehen Preise auch nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage.

Baubiologische Weiterbildungen und Qualifizierungen
weiterbildung.baubiologie.de

Lohnt es sich auch für Arbeitgeber, für ein baubiologisches Arbeitsumfeld zu sorgen?

Gute und wichtige Frage: Es ist oft unbegreiflich, unter welchen Bedingungen viele Arbeitnehmer arbeiten müssen. Aufgrund von Schadstoffen, Schimmel, Elektrosmog, Lärm, schlechtem Raumklima und Licht, aber auch einer kalten und unbehaglichen Raumatmosphäre werden die betroffenen Menschen nicht nur krank, sondern es sinkt auch deren Arbeitsleistung durch Motivationsprobleme, Unwohlsein, Kopfschmerzen, Krankheiten usw. Man spricht auch vom Sick-Building-Syndrom. Arbeitgeber sind also auch aus rein ökonomischen Gründen gut beraten, ihren Mitarbeitern ein baubiologisch konzipiertes Arbeitsumfeld zu bieten.

Nun konkret: Was kostet baubiologisches Bauen?

Wer mit einfachen Mitteln baubiologisch baut, zahlt sogar weniger, als im konventionellen Bau üblich. Auf jeden Fall kann das baubiologischen Bauen und Wohnen preislich mit konventionellen Lösungen mithalten, vor allem dann, wenn man nicht kurzfristig, sondern mittel- bis langfristig denkt und handelt und Amortisationszeiten berücksichtigt.
Generell gilt, ein gesundes und nachhaltiges Leben und Handeln, also auch baubiologisches Bauen ist nicht billig, sondern „preis-wert“, will heißen, ist ganzheitlich betrachtet seinen Preis wert, zumal man damit langfristig Qualität und ein gesundes, wohltuendes und schön gestaltetes Wohn- und Arbeitsumfeld erhält. Letztendlich ist es ähnlich wie in fast allen Bereichen, so z. B. auch bei Lebensmitteln: Obst aus ökologischem Anbau, angebaut, geerntet und gehandelt unter fairen Bedingungen ist eben aus guten Gründen etwas teurer als Obst aus einer industrialisierten Landwirtschaft und vom Billigdiscounter. Dennoch ist auch dies eine Investition im Sinne einer nachhaltigen, also zukunftsfähigen Gesellschaft.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Gudrun Wasner-Meyer, Herausgeberin der Zeitschrift „der spatz“

Tipps zum „preis-werten“ baubiologischen Bauen und Wohnen

  • Erfahrene und engagierte Planer und Handwerker beauftragen
  • Wohn- und Nutzflächen, Statik und Konstruktionen optimieren
  • Kompakte einfache Bauformen, Grundrisse und Installationen wählen
  • Anzahl der Gewerke reduzieren
  • Natürliche und einfach zu verarbeitende Materialien verwenden
  • Eigenleistung, Nachbarschaftshilfe etc. nutzen
  • Gemeinsam mit anderen bauen und wohnen
  • Amortisation energiesparender Maßnahmen und langlebiger Materialien berücksichtigen

Baukosten und kluge Sprüche:

  • „Gut Ding will Weile haben“
  • „Was wenig kostet, taugt nicht viel“ – Jean-Louis Barrault
  • „Wer billig kauft, kauft zweimal“
  • „Man mag doch immer Fehler begehen, bauen darf man keine“ – Johann Wolfgang von Goethe
  • „Die Bilanz billiger Bauten ist verfälscht, da man alle negativen Faktoren wie Vandalismus, Unzufriedenheit, Krankheit mit einbeziehen muss“ – Friedensreich Hundertwasser
  • „Natur- und menschengerechte Bauten sind billiger in der Gesamtvernetzung von Ökologie, Gesundheit, Volkswirtschaft, Heizung, Kühlung, Kreativität, Stadtflucht, Alkoholismus und Drogen, physischer und psychischer Abhängigkeit, Baustabilität etc.“ – Friedensreich Hundertwasser
  • „Freude an der Arbeit lässt das Werk trefflich geraten“ – Aristoteles
  • „Architektur ist erstarrte Musik“ – von Schelling
  • „Zeige mir, was du baust und ich sage dir, was du bist“ – Morgenstern

Aus Fachzeitschrift WOHNUNG+GESUNDHEIT Nr. 167 – mehr erfahren

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➔ beratungsstellen.baubiologie.de

Leser-Interaktionen

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  1. Wir alle verbringen inzwischen beinahe 90 % unserer Lebenszeit indoor. Daher sollte in erster Linie in einem Gebäude für ein gesunderhaltendes Raumklima gesorgt werden. Was ist uns wirklich wichtiger? Weiterhin der „künstliche“ Glanz, die Kunststoffwelt, die mechanistische Architektur, die keine Baukunst mehr ist, ein chemisches Raumklima? Oder sinnliche, haptische, organische 4-Wände, in denen sich Mensch und Haustier wohl fühlen? Dies zum Massstab zu nehmen, ist DER MehrWert und, wenn klug und mit Zeit überlegt, auch PreisWert! Man muss nur mal anders denken und nicht einfach alles vom Markt nehmen.

    Ilka Mutschelknaus
    Dipl. Ing (Fh) Innenarchitektur & Baubiologin IBN

  2. Mit der Stadt Dortmund hat unser Büro eine Kampagne ins Leben gerufen zum Thema Tiny Houses.
    Die weitbekannten Tiny Houses auf Rädern sind dabei Diskussionsgrundlage um über das klassische
    Einfamilienhaus neu nachzudenken: Was geht kleiner, was brauche ich wirklich. Daraus ist ein Ratsbeschluss der Stadt Dortmund entstanden mit dem Titel: Kleine Einfamilienhäuser. Hier wird zur Zeit am Baurecht und passenden Grundstücken gearbeitet.
    Diese Kampagne soll auch den Materialeinsatz miteinbeziehen. Und hier kommt das baubiologische Bauen ins Spiel. Wenn ich kleiner bauen kann, kann ich bei geringerem Materialeinsatz auch ökologische Materialien wählen. Unter dem Stichwort: „Qualität sticht Quantität“ schrieb die FAZ am Sonntag vom Feb. 2o19: Hat man auf Dauer mehr Freude im kleinen Bad mit der (hochwertigen) Ausstattung oder an 2 Bädern mit Baumarktcharme?

  3. …weniger Technisierung des Gebäudes und intelligente und einfache Grundrisse. Verengte ,Verkehrswege‘ lehne ich allerdings ab, denn das führt meines Erachtens zu weniger Lebensqualität.

    Gyan J. Schneider
    Baubiologischer Raum- und Farbgestalter

  4. Baubiologisches Bauen muss nicht teurer sein, als konventionelles Bauen. Es ist vor allem eine Betrachtungsweise. Wenn ich Bauwerk und Haustechnik in seiner Gesamtsumme auf den Quadratmeter Wohnflächen umrechne dann kann es sein, das gesundes bauen teurer ist. Wenn ich aber das Gesamtbudget einer Baufamilie betrachte, dann kann ich erzeugen, dass alle Wohnwünsche der Familie umgesetzt werden, alle gewünschten Materialien zum Einsatz kommen und ein gesundes Raumklima erzeugt wird, ohne einen Euro mehr auszugeben. Zugegebenermaßen muss ich dann planerisch darauf reagieren. Wenig, bis keine Flur-/ Verkehrsflächen, keine Vor- und Rücksprünge, einfache statische Grundrisse, einfache Dachformen. Durch dieses Vorgehen ist jeder Quadratmeter Wohnfläche auch nutzbare Fläche. Auf diese Weise lassen sich Gebäude erstelle, die geringe Heizkosten verursachen, ein gesundes Raumklima haben, dauerhaft und langlebig sind.

    Baubiologische Beratungsstelle IBN – Mehr erfahren

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