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Immer mehr Gestalter und Handwerker entdecken Lehm für sich. Bei dem Gestaltungswettbewerb Oberflächenwerkstatt Lehmputz des Hersteller Claytec veredelten sie mit ihren Entwicklungen einen denkmalgeschützten Altbau. Im ersten Teil der Artikelserie wurde die Ausführung des ersten Siegers nachvollziehbar erklärt und die der übrigen Finalisten gezeigt. Der zweite Artikel macht die beiden zweiten Preise und den Sonderpreis für herausragende künstlerische Leistung anschaulich. Alle Oberflächen waren mit Armierungsmörtel und Gewebe für die kreativen Handwerker vorbereitet worden.

Homogen rau und wolkig glatt

Seit Generationen wird bei Maler Epple in Waging am See mit den Materialien Kalk, Silikat und Lehm gearbeitet. Für den Gestaltungswettbewerb experimentierte Malermeister Florian Epple mit Lehmfarbe und Lehm-Edelputz (Abb. 1). Eine akkurate Gestaltung mit vertikalen Streifen konnte er auf einer knapp 8 m2 großen Stirnwand eines Treppenhauses ausführen. Die Besucher gehen vom Eingang kommend direkt auf die Wand zu, auf der die Gestaltung an Seitenwände, Boden und Decke anschließt. Epple integriert auch einen störenden Kasten in einer Ecke der Wand gekonnt. An die Situation angepasst trägt er einen anthrazitgrauen Feinputz dünn auf und zieht ihn mit dem Flächenspachtel ab. Den Glimmer wischt er nach dem Trocknen frei. Dann klebt er Streifen exakt vertikal ab – ein spannungsreicher Rhythmus. Auf jedes zweite Feld trägt er Lehmfarbe im Anthrazitton auf und verpresst diese nach dem Antrocknen mit der Venezianerkelle zu einer glänzend glatten, dabei stark wolkigen Fläche. Das abschließende Bild aus leicht rauen, aber in sich homogenen Streifen im Wechsel mit glatten aber sehr lebendigen Flächen, die zudem noch farblich abgesetzt sind, ist sowohl visuell als auch haptisch sehr spannungsreich einzelne Reflexionen des Zuschlags Glimmer, vor allem im Feinputz, verstärken das Streifendekor noch.

Die Gestaltung überhöht die empfangende Wand und passt so sehr gut zu der vertikalen Erschließung. Raum, Material, Farbe und Struktur stimmen harmonisch. Das überzeugend ästhetische Ergebnis rechtfertigt den relativ großen Zeitaufwand von Auftragen, Trocknung, Abkleben, Aufstreichen und Verpressen.

(1) Zweiter Preis beim Wettbewerb für Malermeister Florian Epple, der einen körnigen Feinputz akkurat an wolkig geglättete Lehmfarbe anschließt, Bild: Achim Pilz
(2) Erst von Nahem zeigen sich die an Leder erinnernden Riefen im Lehmfeinputz, Bild: Michael Willhardt / Claytec
(3) Malermeisterin Michaela Hubers „Lehmleder“ aus Feinputz, Bild: Achim Pilz
(4) Herausragende künstlerische Leistung von Jens Schmidt. Feinputz, Tinte, Messinghaare und Säure erzeugen repräsentative Eleganz, Bild: Achim Pilz

Haarfeine Schatten auf Cremeweiß

Michaela Huber ist eine frisch gebackene Malermeisterin, die bei „Epple Maler“ arbeitet. Ihren Wettbewerbsbeiträge jedoch entwickelte sie eigenständig. Ihr hat es die Plastizität von Lehm angetan und so beschäftigte sie sich mit Einprägungen in cremeweißen Feinputz. Beim Wettbewerb wurde eine minimalistischste Gestaltung zur Realisierung ausgewählt, die sie „LehmLeder“ nennt. In ihr durchziehen minimal vertiefte Furchen wie zufällig die glatte, stumpf weiße Lehmoberfläche (Abb. 2). Für die minimalistische Gestaltung trägt sie auf einen trockenen weißen Feinputz eine weitere, 2–3 mm starke Lage weißen Feinputz auf. Nach dem lederharten Antrocknen walzt sie mit einer Moosgummiwalze zerknittertes Zeitungspapier auf und zieht es gleich wieder ab (Abb. 3). Die Gestaltung entwickelt Präsenz durch die Zufälligkeit der Knicke im Papier. Ihre Struktur wiederholt sich nie und ist doch nur minimalistisch abwechslungsreich.

Von Ferne ist nur eine cremeweiße Fläche zu sehen. Die Riefen zeigen sich erst von Nahem und damit eine überraschende Tiefe und Differenziertheit von haarfeinen Schatten auf heller Fläche. In seiner Zurückgenommenheit passt „LehmLeder“ gut zu minimalistischer Architektur, auch für komplette Innenräume.

Bei der Ausführung machte Frau Huber die Sonne zu schaffen, die auf Teilbereiche der Wand fiel. Dadurch trockneten diese schneller als die übrigen. Durch Verschalung konnte sie für ein gleichmäßiges Trocknen sorgen. Auf größeren Flächen müssten mehrere Handwerker Hand in Hand arbeiten und die Feinputzschicht etwas dicker abgezogen werden, damit mehr Zeit zum Verarbeiten bleibt.

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Messinghaare und Säure

Jens Schmidt vom Berliner Studio Jens erforscht konsequent Struktur und Materialklang von Lehm. Dabei experimentiert er auch viel mit „fremden“ Materialien. Bei dem Wettbewerb konnte er eine Arbeit ausführen, bei der er weißen Feinputz mit schwarzer Tinte einfärbte. Die feinen Pigmente trocknen zu wolkigen Farbverdichtungen (Abb. 4), die durch erneute Wasserzugabe verändert werden können. Als Kontrast zu dieser tiefen Schwärze mischt er zirka 6 cm lange, haarfeine Messingfasern in den Putzmörtel. Dabei verändert sich auch die Plastizität des Mörtels stark. Beim Auftragen ragen die metallischen Fasern mehrere Zentimeter aus der Matrix heraus. Wie lockige Haare stehen sie auf dem tiefschwarzen Putz und glänzen nach dem Freiwischen warm vor dem dunklen Hintergrund.

Durch die Zugabe einer Säure zu dem Mörtel korrodiert und altert das Metall leicht wolkig. Für den Möbel- und Interio-Designer Schmidt war das Verputzen der 5 m2 große Fläche eine Herausforderung, die er nach Anleitung durch einen Kollegen meisterte. Er sieht seine repräsentative und nahezu mystische Gestaltung auf der Wand eines Nachtclubs. Mit diesen und weiteren, vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten bietet sich Lehm für nachhaltige und individuelle Architektur geradezu an.

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Oberflächenwerkstatt Lehmputz
Der Wettbewerb Oberflächenwerkstatt Lehmputz bewertetet ästhetische Qualität, Innovation und Neuerung sowie Anwendbarkeit und Aufwand. Alle Arbeiten bleiben als Musterausstellung erhalten und können im 110 Jahre alte Baudenkmal Zieglerhaus auf der Produktionsstätte am „Alten Ringofen“ in Viersen besichtigt werden. Der Wettbewerb wird voraussichtlich im nächsten Jahr wiederholt und bietet eine gute Gelegenheit, eigene Entwicklungen mit dem nachhaltigen Baumaterial vorzustellen.

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