Wie kann der Geist eines Ortes in einen neu zu entwerfenden Bau hineinkommen? Wie kann eine anthroposophische Entwurfsausgestaltung gelingen, die alle Wesensglieder des Menschen mit den Wesensgliedern des Ortes verbindet? Welche Methode des Schaffens hilft, die Kräfte des Menschen und des Standorts aufzubauen? Antworten auf diese Fragen versuchte ich, durch den Prozess des organisch gestalteten Wohnbaus der Familienvilla in El Palol in Nordspanien zu geben.

Der Bau befindet sich in einem fruchtbaren Tiefland in Katalonien am Fluvia-Fluss, 9 km vom Mittelmeer entfernt, in unmittelbarer Nähe eines alten Klosters. Er liegt in einem landwirtschaftlich genutzten Waldpark, mit Aussicht auf den Fluvia-Fluss. Die Besitzer lassen auf den meisten Flächen ihres etwa 70 ha großen Grundstücks ökologisch wirtschaften. Es werden vorwiegend Oliven, Linsen, Erbsen, Kichererbsen und Gemüse angebaut. Die Besitzerin wünschte sich ein gesundes Haus aus örtlichen Materialien. Die Familie der Investorin will am südlichen und südöstlichen Rande des Klostergeländes weitere neue ökologische Bungalows bauen und einen Turnsaal für Interessierte an ökologischer Erziehung und holistischer lebenslanger Bildung. Alle neuen Bauten werden Gründächer haben und aus natürlichen Baumaterialien gebaut werden.

(1) Das Dach kragt weit über die Südseite und schützt die Fassade aus Kalklehm
(2) Esszimmer im Erdgeschoss mit Wand aus nah gesammelten Steinen und Gemälde der Bauherrin
(3) Organisches Gesamtkunstwerk: Vom handwerklichen Holzboden bis zum schwungvollen Dach
(4) Die Villa, links des alten, katalanischen Klosters, ist der erste Neubau. Es folgen ein Ökohotel mit Bad und Räumen für eine lebenslange ganzheitliche Bildung

Lokal und organisch

Das Wohnhaus wurde aus örtlichen natürlichen Baumaterialien gebaut: aus Holz der nahen Pyrenäen sowie aus Stein und Lehm vom Grundstück. Die Steine für die Untermauerungen und die innere Steinwand wurden auf dem eigenen Grundstück gesammelt und teilweise gespalten. Ehemals wurden aus diesen Steinen auch die hiesigen Dörfer gebaut. Die Formen des Hauses haben einen organischen Charakter. Die Besitzerin wünschte sich, dass sie nicht erdrücken und nicht scharf sind. Die abgerundeten Formen der Wände und Decken sollen auf den Menschen sanft und weich wirken. Das Haus knüpft auch an die Form und Neigung des Geländes an. Etwa 100 m westlich vom Haus befindet sich eine Höhle mit einer ergiebigen Trinkwasserquelle. Die Mönche hatten das herausfließende Wasser in einer Kaskade künstlicher Teiche eingefasst. Einer davon befindet sich jetzt neben dem Haus und ist Badeteich.

Plastisches Entwerfen

Zu Projektbeginn kümmerte ich mich darum, dass die Kundin sich mit dem Bauland möglichst tief seelisch und geistig verbinden kann. Gemeinsam mit ihren Familienmitgliedern gingen wir in drei Tagen um das gesamte Grundstück herum. In den Ecken des Grundstücks setzte sie neue Grenzsteine zu den ursprünglichen. Dann stellte ich für die Investorin ein Landschaftsmodell her, mit Fluss und allen anliegenden Äckern und Wiesen, die von ihr bewirtschaftet werden. Wir konnten dann in das leicht wellige Gelände die neuen Bauten mit mehr Gefühl einsetzen. Ich ließ sie und ihren Sohn direkt in das konkrete Baumodell hinein modellieren. Ich half ihnen, lebendige, plastische Formen schöpferisch zu modellieren, die den Charakter der Landschaft, die Formgebung des Standortes und die imaginative Vorstellung der Auftraggeberin wiedergeben.

Wir modellierten das Modell Stück für Stück aus Naturplastilin, formten und präzisierten es. Das plastische Gestalten hilft dem Auftraggeber, seine Vorstellung von der künftigen Form des Hauses zu finden. Es entstehen bildhafte Vorstellungen und der Auftraggeber kann seinem eigenen Imaginationsgeist begegnen. So wie sich das Modellieren vertieft, kommen allmählich Intuition und Inspiration auf. Es stellen sich ganz neue Formenimpulse ein. In diesem Projekt waren es zum Beispiel Formen der Dachüberstände und der Balkonüberstand. Nachdem das Modell fertig war, scannten wir seine Schlussform mit einem 3D-Scanner.

(1) Durch Feng Shui inspiriert: Im Norden liegt der Eingang, dahinter die großzügige Eingangshalle
(2) Konstruiert ist das Gebäude aus Holz der nahen Pyrenäen
(3) Ungebrannte Lehmsteine bilden die innere Schale und erzeugen mit dem Lehmputz und geölten Eichenhölzern ein angenehmes Raumklima
(4) Größtes von drei Schlafzimmern im ersten Stock
(5) Gästebad mit Ausstattung in Tadelakt

Handwerkliche Umsetzung

Die anspruchsvollen, komplizierten Hausformen konnten die ausführenden Firmen dank der durchgearbeiteten Ausführungsdokumentation anfertigen. Die Realisation des Hauses machte allen Spaß. und die Hausbesitzerin war sehr zufrieden. Schwierig war, die lebendig geformte Fassade technisch umzusetzen. Letztendlich wählte ich, zusammen mit einem Team spanischer und deutscher Naturbaumeister, mehrere Schichten Holzlammelen. Auf diese wurde eine Schicht Matten aus Kokosfaser aufgetackert. Die Matten dienen als Trägerfür den dreischichtigen Außenputz aus örtlichem Lehm und örtlichem Sand. Die erste Schicht ist reiner Lehm. Die zweite enthält als Zusatz 10 % Kalk. Und die dritte Schicht besteht zu 30 % aus Kalk. So behielt die Fassade den Farb- und Materialcharakter des lokalen Lehms und blieb regenfest.

Organismus Haus

Das Haus ist mit seiner breiteren Seite nach Süden orientiert. Die großen Dachüberstände sollten es gut beschatten. Nach den Grundprinzipien des Feng Shui ist die Eingangshalle geräumig und die Wendeltreppe in das erste Geschoss groß. Eingänge, Hallen und Treppenhäuser sind Orte der „Einatmung“ des Hauses. Die Form des Hausgrundrisses wurde auch durch die Forderung harmonischer Proportionen beeinflusst. Die Haustiefe und -breite stehen im Verhältnis des Goldenen Schnittes zueinander – 10 m x 16,6 m.

„Ziel war, einen Bau mit Gefühl und im Einklang mit der Natur herzustellen. Er spricht die menschliche Seele durch die Verwendung lebendiger, organischer Formen an.“

Wegen des heißen spanischen Klimas hat das Haus ein Gründach, das viel Sommerwärme absorbiert. Die Holzpergola mit Kletterpflanzen hilft, die Südterrasse im Erdgeschoss zu verschatten. Die ungebrannten Lehmsteine speichern die Wärme der Wandheizung im Winter und die Kühle der Nachtlüftung im Sommer. Auch während der Sommerperiode ist es tagsüber im Haus angenehm kühl. Es lässt sich hier wunderbar schlafen und regenerieren. Dies ist in der Hauptsache den Naturoberfl.chen ohne Lack und ohne Kunststoff zu verdanken. Der Lehmputz hält im Haus ein angenehmes Mikroklima. Die Luft enthält dadurch genügend freie negative Ionen. Zu deren Entstehung helfen auch die beiden offenen Kamine und der kleine Teich neben dem Haus. In den Innenräumen sind die natürlichen Eichenhölzer zu riechen und manchmal, meistens abends, dringt ins Haus ein Hauch vom Duft des Meeres.

Baudaten Familienvilla in El Palol, Spanien

Wohnfläche
gesamt
224 m2 (+ Terrasse 65 m2 + Balkon 67 m2)
Bezug2011
Gestaltungorganische Formen mit „doppelt gebogenen Flächen“
KonstruktionFichtenholzbalken, Unterkonstruktion der Fußböden und Stützen aus Brettschichtholz
Eichenholz geöltFassadenverkleidungen, Fenster-, Türrahmen, Türen, Innenfußböden
Wandaufbau (von innen nach außen)Lehmputz 25 mm, Lehmsteine 140 mm, Holzverschalung 10 mm, Konstruktionsholz mit Holzwolledämmung 400 mm, formende Holzrippen, Hinterlüftung, Latten mit Kokosmatten aufgetackert, dreischichtiger Lehm-Kalkputz
InnenwändeLehmsteine, Putz aus örtlichem Lehm
HeizungNiedrigenergiegebäude, Pellet-Kessel, Solarthermie, zwei Holzkamine, Wandheizung
FachleuteFachberater Lehmmischungen: Prof. Dr. Ing. Christof Ziegert, zrs-berlin.de

Ausführung Lehm-Innenputze: Joachim Reinecke, embarro.com

Ausführung Tadelakt: Xavi Puig
Planung / BauleitungOldrich Hozman, arc.cz

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  1. Hallo Herr Meurer,
    ja, aufwändig ist es wirklich, nicht für jeden Anlass und recht teuer. In Deutschland unbaubar. Bei alledem ist es, wie sie sagen, sehr handwerklich. So ist es eine wunderbare Referenz für das Können der Handwerker und deshalb stimmig für ein Gebäude, das auch einer touristischen Nutzung dient.

  2. Auch mir gefällt das nicht, auch halte ich die Konstruktion für sehr aufwändig. Viele Bauteile müssen in Handarbeit individuell angefertigt werden, damit wird das ganze sehr teuer.

  3. So müssten die verlassenen Dörfer in Spanien sukzessive regeneriert werden – und jedes eine herrliche Oase für die Seele bieten!

  4. Das Gebäude ist Zentrum einer landwirtschaftlichen und touristischen Nutzung. Sicher ist es auch repräsentativ, aber ich denke für eine gute Vision von Handwerk und Baukultur ist das so stimmig.

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