Suchen

Baubiologen und Mediziner aufgewacht! 

Trotz Glühlampenverbot 2009 und Halogenlampenverbot 9/2018 und den damit verbundenen neuen Leuchtmitteln erscheint mir das Interesse an unseren künstlichen Beleuchtungen selbst bei manchen Baubiologen eher gering. Obwohl dieses Thema schon immer in den „25 Leitlinien der Baubiologie“ (Seite 12) und seit 2015 auch im SBM (Standard der Baubiologischen Messtechnik) als ein Kriterium zur Beurteilung von gesundem Wohnen und Arbeiten verankert ist, findet es immer noch zu wenig Beachtung. Mit diesem Beitrag möchte ich wachrütteln und darstellen, warum es so wichtig ist. 

In ihrer Entwicklungsgeschichte haben sich alle Lebewesen an die natürlichen Lichtverhältnisse angepasst. Pflanzen absorbieren die Blau- und Rot-Anteile des Sonnenlichts und verwenden die hierin enthaltene Energie für ihr Wachstum (Photosynthese). Die dazwischen liegenden Wellenlängen werden hauptsächlich reflektiert und daher erscheint uns die Flora überwiegend in einem Grünton. In der Fauna haben Tiere spezielle Rezeptoren entwickelt, die über das Sehvermögen der Menschen hinausgehen. Schlangen können z. B. mittels Infrarot-Sensoren ihre Beute auch nachts jagen oder Vögel mit einer gegenüber dem Menschen doppelt so hohen Anzahl von Sehzellen auch die ultraviolette Strahlung registrieren und somit Details und Bewegungen viel deutlicher als Menschen erkennen.

Für uns Menschen ist das Sonnenlicht lebensnotwendig. Es steuert unseren Tag-/Nacht-Rhythmus, ist Vitamin-D-Spender, stärkt das Immunsystem, steuert wesentliche Hormonaktivitäten und beeinflusst somit eine Vielzahl von Funktionen unserer Organe. Eine vollständige Auflistung würde viele Seiten füllen.

Baubiologische Messtechnik und Licht

Bei den meisten herkömmlichen Schlafplatzanalysen werden lediglich die Belastungen der elektrischen und magnetischen Immissionen der Nachttisch- und Deckenlampen untersucht. Die Argumentation: Während der Regenerationsphase sind in der Regel alle Lampen ausgeschaltet. Doch dies ist zu kurz gedacht. Biologische Reaktionen können sofort oder zeitlich verzögert auftreten, so z. B. durch das Licht zuvor genutzter Monitore, Tablets, E-Book-Reader, Smartphones oder LEDs mit einem hohen Blau-Anteil. Diese Geräte unterdrücken dann die für den Schlaf wichtige Melatonin-Produktion und sollten daher vor dem Schlafengehen nicht mehr genutzt werden.

(1) und (2) Ausstellungs- und Vortragsraum des IBN: In Abhängigkeit vom Außenlicht in der Beleuchtungsstärke und Farbwiedergabe variables und flimmerfreies Deckenlicht sowie Akzentsetzung durch Strahler an den Wänden. Fotos und Lichtplanung: Tanja Knura, Dipl. Ing. Innenarchitektin – Tageslichtarchitektin MSc, München

Und was ist mit dem Kunstlicht im Büro, in Kindergärten, Altenheimen, Krankenhäusern usw.? In unseren baubiologischen Betrachtungen müssen wir auch diese Lichtquellen genauer begutachten, zumal sie ebenfalls, wissenschaftlich in vielen Untersuchungen erhärtet, einen enormen Einflussfaktor auf unsere biologischen Abläufe im Körper und unser Wohlbefinden besitzen.

Baubiologische Pioniere wie Hengstenberg, Maes und Merkel haben schon vor über 25 Jahren auf die Bedeutung des Lichts aufmerksam gemacht. Doch erst seit dem Glühlampenverbot wurde das Thema intensiver betrachtet. Dabei ging es u.a. um das Flimmern anderer Leuchtmittel, die wie in wissenschaftlichen Untersuchungen festgestellt, zu sogenannten asthenopischen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Konzentrationsschwächen, trockenen Augen, usw. führen können. Bereits 1994 in der Zeitschrift „Ökotest“, in den Ausgaben von „Wohnung+Gesundheit“ 124/2007 (Glühbirne raus – Energiesparlampe rein?) und 133/2009 (Hinters Licht geführt: Energiespar- lampen) wie auch auf dem ersten Lichtseminar am 14.4.2012 erschienen hierzu die ersten Warnungen von Wolfgang Maes in Bezug auf das Flimmern der von der damaligen Bundesregierung geförderten Energiesparlampen. Wichtige Erkenntnisse durchgeführt mit einer minimalen Messeinrichtung.

Der Rosenheimer Arzt Markus Rust beim Messen einer Schreibtischleuchte im IBN. Er empfiehlt bei häufiger Computerarbeit gutes Tageslicht bzw. das Hinzuschalten einer guten und flimmerfreien Leuchte

In den folgenden Jahren erschienen dann auch in Wohnung+Gesundheit Artikel über die spektralen Eigenschaften des Kunstlichts und dessen Bedeutung. Untersuchungen, die heute mit viel günstigeren Messgeräten durchgeführt werden können. Aber nach wie vor liegt das Thema Licht in einem Dornröschenschlaf. Dabei hat die Baubiologie eine ganze Menge an Informationen zu diesem Thema zusammengetragen und kann als neutrale Instanz unabhängig von Preisen und Herstellern die Anwender in Bezug auf gesundes Licht beraten. Die bereits im SBM von 2015 angegebenen Beurteilungskriterien waren wieder einmal richtungsweisend. Dies zeigte auch ein Besuch der im März 2018 in Frankfurt veranstalteten Messe light+building.

Manipulation oder Nutzen für den Verbraucher?

Auf dieser Messe waren die Vernetzungen der Lichtquellen mit anderen Steuerungssystemen sowie das Stichwort HCL (Human Centric Lighting) die vorrangigen Themen. Der Begriff HCL ist aber genau das, was die Baubiologie mit ihrem Grundsatz „Die Natur als Maßstab“ seit jeher gefordert hat, nämlich ein dem Sonnenlicht adäquates Kunstlicht. Derzeit beschränkt sich HCL noch auf die spektralen Eigenschaften des Lichts mit seinen biologischen Wirkungen, speziell zur Steuerung des circadianen Tagesrhythmus des Menschen, realisiert mit variablen Beleuchtungsstärken und Farbtemperaturen der Leuchtmittel. Die kommerziell bedeutsamen Argumente der Industrie lauten hierbei:

  • höhere Effektivität der Mitarbeiter sowie geringere Unfallzahlen am Arbeitsplatz,
  • bessere Farbwiedergabe für eine optimalere Präsentation von Waren
  • gesteigertes Wohlbefinden der Kunden in Shops mit entspr. höheren Verkaufszahlen
  • mehr Sicherheit im Dunkeln
  • geringerer Strombedarf.

Das Thema Lichtflimmern (engl. flicker) ist zwar in der Industrie allseits bekannt, aber aufgrund der noch vorhandenen Vielzahl von flimmernden Elektroniken in den LEDs oder Vorschaltgeräten öffentlich noch nicht salonfähig. Mit Sicherheit ein Thema in den kommenden Jahren, denn an einer Bewertung mit entsprechenden Standards wird intensiv gearbeitet.

Eine Aufgabe für Baubiologen

Die Argumente der Industrie für gesundes Licht spielt der Baubiologie in die Hände. Durchschnittlich 90 % unserer Zeit verbringen wir in Innenräumen, davon viele Stunden unter Kunstlicht. Lichtplaner, Arbeitgeber, Krankenkassen, Ärztekammern, Heilpraktikerverbände oder Medien wären ideale Ansprechpartner für baubiologische Messtechniker (nicht nur) in Sachen Licht. Wenn nicht jetzt, wann dann? Jeweils nach der Einführung von Leuchtstoffröhren und den ersten Computermonitoren stiegen die Beschwerden der Mitarbeitern deutlich an. Daraufhin wurden die Frequenzen erhöht und man ging davon aus, dass ein Flimmern über 100 Hertz unkritisch sei. Jetzt wird auch die Industrie vorsichtiger und berücksichtigt bei ihren Flimmermessungen einen Frequenzbereich bis 2.000 Hz.

Nach baubiologischer Auffassung sollte Kunstlicht sowohl bei niedrigen als auch bei hohen Frequenzen vollkommen flimmerfrei sein (Stichwort dirty light). Ein Blick in den SBM zeigt, dass wir hierauf schon vor Jahren hingewiesen haben. Wie auch auf die Wellenform, nämlich harmonisch und sinusförmig und nicht disharmonisch und rechteckförmig. Das – speziell durch die vielfach eingesetzte Pulsweitenmodulation – gedimmte Licht, erzeugt eine Vielzahl von Oberwellen, die wir meist nicht bewusst wahrnehmen, die aber verstärkt zu stroboskopischen (nicht sichtbaren) Effekten führen. Erkennbar schon mit einer Digitalkamera oder einem Smartphone: Helligkeitsschwankungen oder dunkle Balken auf diesen Geräten sind ein deutlicher Hinweis auf ein Flimmern mit 100 Hertz. Doch Vorsicht, gibt es diese Effekte nicht, bedeutet dies nicht in jedem Fall Flimmerfreiheit. Diese Leuchtmittel können dann mit höheren Frequenzen flimmern.

Ein wesentlicher Ansatz des SBM ist der Vorsorgegedanke. Zu warten, bis gesundheitliche Probleme durch Leuchtmittel entstehen, wäre daher fahrlässig. Seien wir uns doch der Vorreiterrolle der Baubiologie mehr bewusst und untermauern damit deren Einzigartigkeit. Die objektiven Messergebnisse bieten eine gute Grundlage für übergreifendes, interdisziplinäres Zusammenarbeiten.

Aus Fachzeitschrift WOHNUNG+GESUNDHEIT Nr. 168 – mehr erfahren

Seminare und Qualifizierung:
Baubiologische Messtechnik IBN

Leser-Interaktionen

Ihre Meinung ist uns wichtig

Kommentare werden moderiert und erscheinen nicht sofort. Bitte bleiben Sie konstruktiv und höflich. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.