Baubiologische Beratungsstelle IBN
Dr.-Ing. Arch. Thomas von Dall’Armi
Petersbrunner Str. 15 A, 82319 Starnberg
Tel. +49 8151 655780, info@denkenplanenbauen.de
www.denkenplanenbauen.de

Thomas, in Zeiten von Corona drängt sich die Frage nach einem Bauen für die Gesundheit auf. Wie sollten Architekten auf die Pandemie reagieren?

Zuerst einmal besonnen und verantwortungsvoll, dann aber auch genau untersuchen, was eigentlich objektiv passiert. Es handelt sich um eine große seelische Erschütterung. Man hat den Eindruck, den Menschen bleibt die Luft weg. Wie macht das der Virus? Er trägt eine Information in sich, mit der er in gesunde Zellen eindringt und versucht, sie umzuprogrammieren. Eigentlich Gesundes wird krank. Wir Architekten sollten uns an dem Gesunden orientieren und schauen, wie wir Formen und Lebensverhältnisse, Städte und Häuser schaffen, die den Menschen aufbauen und in seiner Persönlichkeit stärken. Wir dürfen uns nicht von Effizienz treiben lassen und müssen uns ernsthaft fragen: Können wir mit diesem Tempo heute noch ein menschenwürdiges Dasein sichern? Was wir brauchen ist Ruhe, also auch Ruhe im Raum. In bedrohlichwirkenden Zeiten wie diesen geht es vor allem darum, die Bewusstseinskräfte Denken, Fühlen und Wollen zu schulen und zu mobilisieren. Die in Krisenzeiten um sich greifende Lähmung reduziert den Menschen auf ein mechanistisches Reiz-Reaktionswesen. Es geht dann in der Architektur nur noch um Schutz- und Nutzbedürfnisse. Mir geht es darum, Bewegung, Formen oder Farbe ins Haus zu bringen, eine lebenswerte Zukunft zu schaffen.

Eure „Planungshalle“ (= Architekturbüro) hat sehr kräftige Farben. Was bedeutet Farbe für dich?

Eine Anregung in der Seele. Von jeder Farbe geht eine Wirkung aus, die bewusst eingesetzt werden kann. Ein feuerrotes Schlafzimmer wird eine andere Wirkung entfalten als ein zart hellblaues. Wir können mehr tun, als alles einfach, schnell und günstig weiß zu streichen, wenn wir uns mit der Wirkung von Farben beschäftigen. Für jeden Raum mit seiner spezifischen Aufgabe gibt es eine förderliche Farbigkeit, die den Menschen unterstützt.

(1) Der offene und einladend gestaltete Eingangsbereich des eigenen Architekturbüros ist gleichzeitig Besprechungs- und Begegnungszentrum. Seine Naturfarben regen an und schaffen eine offene Beziehung
(2) Organische Gestaltung: Die ovale Verglasung ist ein Leuchttisch für Planbesprechungen und belichtet gleichzeitig den Veranstaltungsraum darunter

Du bist Doktor der Ingenieurwissenschaften. Was war das Thema deiner Doktorarbeit?

Bionik, eine damals ganz neue Wissenschaft der technischen Biologie. Die Natur ist ein großes Ingenieurbüro. Meine Themen waren Architektur, Natur und Analogien der Gestaltung. Wir haben Flügel von Insekten untersucht und auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse versucht leichte Tragwerke zu konstruieren, also funktionale konstruktive Erkenntnisse aus der Natur abzuleiten. Was mir bei dieser Arbeit besonders imponierte,waren die Wunder, die uns in der Natur begegnen. Warum fällt die Hummel nicht vom Himmel bei ihrer Masse? Warum ist der Stängel des Spitzwegerich mehrkantig, wenn er hoch wächst?

Es war mein Betreuer Professor Werner Nachtigall mit seiner ansteckenden Begeisterungsfähigkeit, dem ich mein nachhaltiges Interesse für interdisziplinäre Arbeit an den Nahtstellen der Wissenschaften verdanke.

Wie beschäftigt dich Bionik heute noch?

Diese Begeisterung für die Naturphänomene war für mich nachhaltig und dauerhaft anregend. Damals ist mir Sinn und Bedeutung von „vernetztem Denken“ erst wirklich klar geworden: nicht nur die Natur, auch den Menschen als Teil dieser Natur, als ein Wunderwerk betrachten zu können. Der Mensch ist ein Wesen aus Körper, Seele und Geist. Das ist substanziell wichtig für die Architektur, weil wir alle Kulturschaffende sind. Jeder Einzelne ist wichtig, trägt zur Neugestaltung bei und ist eben nicht nur Teil des Problems.

Was folgt daraus für dich?

Die Naturwahrnehmung, die Randzonen, Pflanzbereiche, Wasserläufe, die Dachgärten und Fassadenbegrünungen sehen. Freie Flächen nutzen. Jede Verkehrsinsel kann ein Garten werden. Die Stadt ist ein Ort der Versammlung. Diese erfordert eine die Lebenskräfte fördernde Gestaltung und Neuorientierung.

Was kann man in der Natur lernen, an den Pflanzen und den Tieren?

Es geht nicht um das Kopieren, das ist nicht Sinn der Sache, sondern darum, die Phänomene zu verstehen, das Funktionsprinzip – ob Ultraschall von Fledermäusen oder Elektroortung von Fischen, Termiten-Klimaanlagen oder Reparaturmechanismen von Pflanzen. In der Architektur hat uns der Eisbär mit seiner schwarzen Haut geholfen, transparente Wärmedämmung zu verstehen.

Es werden immer mehr bionische Erfindungen umgesetzt: Farben mit Lotuseffekt oder Haftkraft wie bei den Füßen von Geckos.

Du führst auch eine Baubiologische Beratungsstelle IBN. Was ist Baubiologie für dich?

Ich war einer der ersten, der Baubiologie bei Prof. Anton Schneider, dem Gründer des IBN, gelernt hat. Seine Begeisterung für Wohn- und Lebensgemeinschaften hat mein Denken verändert. Baubiologie ist für meine Erfahrung ein ganz wichtiger Baustein, Architektur umfassend wahrzunehmen und dem Bauen auf den Grund zu gehen, d.h. zu fragen, womit wir überhaupt bauen, mit welchem Material wir umgehen.

(1) Skulpturale Gestaltung eines Lehmofens für einen Dachgeschossausbau
(2) Wir legen den architektonischen Formen und Linien geometrische Gesetze zugrunde, weisheitsvolle Zusammenhänge wie dieser Zykloid, der aus einer rollenden Bewegung entsteht
(3) Neubau Einfamilienhaus mit organischer Treppe und zentralem Oberlicht

 Wie ist deine Zusammenarbeit mit dem IBN?

Austausch, Anregung, öffentliche Veranstaltungen, Beratung. Dort sind Menschen, die etwas bewegen wollen und nicht so schnell zufrieden sind. Dafür bin ich dankbar und auch für die Vielfalt der Disziplinen, die sich in der Baubiologie versammeln.

Mit Evolvente e.V. organisierst du Veranstaltungen über Gemeinschaftsbildung oder Plastizieren. Was fokussiert ihr aktuell?

Wir haben mehr Fragen als Antworten und arbeiten uns daran ab: Wie wirkt Architektur auf den Menschen und wie wirkt der Mensch auf die Architektur?

Außerdem bist Du Mitglied im Bund Architektur und Umwelt e.V. und Vorstandsmitglied bei Ifma, Internationales Forum Mensch und Architektur. Wie ist das alles zu schaffen?

Das weiß ich auch nicht und freue mich, das mir immer wieder Kräfte und Motivation zur Verfügung stehen, die vielen Aufgaben zu bewältigen. Es ist die Freude an der Arbeit und mit der Arbeit. Wenn Du so etwas wie lebenskräftige Verhältnisse für andere schaffst und unterstützt, dann wirkt das auch auf Dich zurück.

Was ich bei Ifma besonders wertvoll finde und schätze, ist das anthroposophische Menschenbild und der andauernde Prozess, dem Organischen Bauen einen Inhalt zu geben.

Was sind die Arbeitsschwerpunkte in Deinem Büro?

Architektur vom konventionellen, aber gesunden, ökologischen Wohnungsbau in Ingolstadt bis zum experimentellen, gemeinschaftlichen Hanfhaus im Park der Vielfalt in Weil.

Ihr habt im April die BauImPuls Genossenschaft für Dorf und Stadt gegründet. Gibt es dafür ein Vorbild?

Nein, es gab nur die Idee, dass Wohnprojekte von Menschen ausgehen, die bestimmte Wohn- und Lebensformen verwirklichen möchten, die zusammen etwas bewegen, bauen und wohnen möchten. In der gemeinsamen Arbeit, mit unserer Unterstützung, Ideen und Fachkunde werden daraus Projekte entwickelt. Es ist ja heute vielfach so, dass Häuser – auch schöne – gebaut werden und dann die Mieter, Nutzer dazu gesucht werden. Wir versuchen es andersherum und möchten funktionierende soziale Gemeinschaften in die Quartiere und Orte installieren.

Was sind die Grenzen einer solchen Partizipation?

Treffen einer jungen Baugruppe und Übung mit den Kindern

Die Grenzen liegen in einer guten, abwägenden, fachkundigen Begleitung. In einem verständlich geschilderten, transparenten Planungsprozess braucht nicht jeder überall mitzuentscheiden. Alle sollen es aber nachvollziehen, warum z.B. Balkone nicht problemlos vier Meter auskragen können oder in jeder Ecke eine Steckdose sein muss.

Was lässt sich abschließend sagen?

Egal welche Architektur wir verwirklichen wollen, der Mensch soll angesprochen werden! Mit der Baukunst möchte eine förderliche und ästhetische Rückwirkung auf den Menschen entstehen.

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