Nadine Reiband und David Fuchs wohnen mit ihren zwei Kindern etwas abseits der Straße im Reutlinger Stadtteil Altenburg am Rand einer Streuobstwiese. Ihr Haus sieht ungewöhnlich aus: Eine hölzerne Fassade umfasst einen quadratischen Baukörper, auf dem ein metallisch glänzendes Zeltdach steil in den Himmel ragt. Den kantigen Vorbau mit Photovoltaik auf dem Flachdach durchstößt ein Kubus aus rostigem Stahl. Kennt man die gut 50 Jahre alte Geschichte des Gebäudes, erklären sich diese eigenartigen Formen und Details. Das heutige Wohnhaus wurde im Jahr 1961 als neuapostolische Kirche erbaut. Anfang 2015 fand dort der letzte Gottesdienst statt. 

Der Architekt Christoph Manderscheid wurde von David Fuchs angefragt, ob er die Kirche zum Wohnen umbauen könne. Manderscheid befand sie als noch sehr solide, allerdings ohne jeden Reiz: eine trist verputzte Fassade, die von geriffelten Fenstern mit dunkelbraunen Rahmen unregelmäßig perforiert ist. Innen sind die pragmatischen Räume verwinkelterschlossen. „Das war räumlich ganz diffus und unpräzise“, fasst er zusammen. Spannend allerdings war der zehn Meter hohe Kirchenraum. Wichtigstes Ziel der Umnutzung war es dann, unter dem Zeltdach einen behaglichen Wohnraum zu schaffen, der vielfältige Verbindungen nach außen hat. „Klarer Wunsch des Bauherrn war eine räumliche Großzügigkeit, lebendige aber nicht teure Materialien und eine schöne Atmosphäre“, erinnert sich Manderscheid. Er passte in die alte Kirche viele Nutzungen ein. Vom Eingang aus geht es heute einige Stufen hinab in eine Einliegerwohnung. Die Hauptwohnung und ein Gästezimmer mit Kochnische und Minibad liegen darüber.

Der Ausführung voran ging eine gründliche Untersuchung auf Schadstoffe und entsprechende Sanierungen (ein Artikel dazu wird hier im baubiologie-magazin erscheinen). 

(1) Die ehemalige Kirche bietet heute einen Wohnraum, der nach allen Himmelsrichtungen geöffnet ist. Durch Küchenbox und Weg über das Regal ist er nun vielfältig nutzbar. Die Einbauten sind aus Vollholz, der Esstisch aus altem Rüsterholz
(2) Blick unter das zehn Meter hohe Dach der Kirche | Bild: Architekturbüro Manderscheid
(3) Über das Regal gelangt man zum Arbeitsplatz über der Küche und zum Freisitz
(4) Geschickt integrierter Ausguck nach Süden
(5) Die Küchenbox ist Raum im Raum. Arbeitsplatte aus Beton und Holzkorpi sind zurückhaltend abgetreppt
(6) Am Ende gab es noch ein Budget für kleinere Möbel wie Regal und Betten im Kinderzimmer

Öffnende Verwandlung

Mit einem großen Einschnitt in das Zeltdach nach Süden und schmalen Schlitzen in den drei übrigen Dachflächen öffnete Manderscheid das Dach und verleiht ihm eine lebendige Asymmetrie. Die Öffnungen verbinden den zentrierenden Raum mit den unterschiedlichen Qualitäten der Himmelsrichtungen. In den Wänden wurden alle sechs schlanken Fensteröffnungen nach Westen bis zum Boden verlängert, nach Osten nur die beiden äußeren. Das Erkerfenster in der Flucht der Erschließung öffnet den Innenraum nach Norden. Diese neuen und vergrößerten Öffnungen bieten viele Qualitäten für das tägliche Leben und verwandeln den introvertierten Andachtsraum in eine Wohnlandschaft mit direktem Zugang zu Freibereichen nach Westen, Osten und Süden. Auch im Flachbau wurden Fensteröffnungen vergrößert. Zudem lassen drei neue Oberlichter Tageslicht in Schrankraum, Elternbad und großzügige Diele, von der aus alle privaten Zimmer erschlossen werden.

Erlebbare Raumhöhe

Der südliche Freisitz hinter dem Einschnitt im Dach wird über das große Regal hinweg erreicht. Über diesen Weg gelangt man auch zum Arbeitsplatz über die an die Ostseite gestellte Küchenbox. So lässt sich die Höhe unter dem Zeltdach vielfältig in einem repräsentativen Wohnraum erleben. Außen sorgt heute die neue Holzfassade für Wohnlichkeit.Sie verjüngt sichleicht schräg nach unten, was das Gebäude optisch im Baugrund verwurzelt. Im Westen gibt es zwischen Fassade und Garten einen großen überdachten Freisitz, im Osten einen kleinen.

(1) Die großzügige Diele ist Verteiler zu den privaten Zimmern
(2) Umsichtig gestalteter Durchschlupf vom Elternschlafzimmer in die Küche
(3) Bett und Regal wurden stimmig zur Küchenbox, Wohnzimmerregal und Türen konstruiert
(4) Durchgefärbte Kalkschlämme: Sie ist handwerklich verarbeitet und bauphysikalisch robust

Lebendige Oberflächen

Wunsch des Bauherrn war ein geglätteter, nicht weiter behandelter Zementestrich als Fußboden. Der Boden wirkt gewollt unfertig und in seiner Wolkigkeit lebendig. Der Bauherr kennt eine solche Ausführung und weiß, wie sie sich mit der Nutzung verändert und Spuren zeigt. Nur in den Schlaf- und Kinderzimmern ließ er Industrieparkett legen und ölen.

Die gemauerten Wände sind mit einem roséfarbenen Kalkputz geschlämmt, wodurch die Struktur des alten Mauerwerks spürbar bleibt. Auch ist solch eine durchgefärbte Oberfläche recht robust. „Kalkputz ist mir auch innen sehr sympathisch, bauphysikalisch, optisch, raumklimatisch und von der Verarbeitung her“, erklärt Manderscheid und lobt den ausführenden Handwerker: „Er konnte gut mit Kalk umgehen und hat es mit handwerklichem Anspruch und der notwendigen Lässigkeit umgesetzt.“ Die warmen Töne der Schlämme bilden abwechslungsreiche Oberflächen in lichtem ziegelrot und wirken ähnlich lebendig, wie der Boden.

Für die Innenseite des Dachs ist die Schlämme mit schwarzem Eisenoxid noch etwas ins Graue gebrochen. Auch hier wirkt der wolkige, handwerkliche Auftrag angenehm leicht. Auch die übrige Farbgestaltung ist zurückhaltend. Neben den lichten Tönen der Schlämme und dem hellen Holz der Einbaumöbel sind im Wohnraum die Tragstruktur und die Fensterrahmen in einem dunklen Rotton hervorgehoben. Das „Englisch Rot“ aus mineralischen Pigmenten passt gut zum Kalk. In den Bädern und der Küche gibt es farbige Akzente.

Fensterrahmen mit Ölfarbe

Die Fensterrahmen haben nur ganz leicht gebrochene Kanten und sind ausschließlich mit Ölfarbe gestrichen. Christoph Manderscheid hat auch hier aus der Baugeschichte gelernt. „Früher gab es nur Fensterrahmen ohne Radien“, betont er. „Das funktioniert auch nur mit Ölfarbe und nicht mit modernen, schichtbildenden Farben.“ Hans Gutekunst, der die Rahmen baute, grundierte sie mit einem Halböl mit dem Pinsel ein. Nach jeweils ein bis zwei Tagen Trocknung führte er den Zwischen- und den Schlussanstrich mit einer halbfetten Standölfarbe aus. So erhielten die Rahmen eine seidenmatte Oberfläche. Eine solche handwerkliche Fertigung mit langen Trocknungszeiten kann heute teuer werden. In diesem Fall war der Fensterbauer zwar günstig, brauchte aber auch länger als geplant. 

Schwere Vollholztüren

Die Türblätter innen sind aus unbehandelten Fichte/Tanne-Dreischichtplatten. Ihre Oberfläche ist nur geschliffen, die Kanten leicht gebrochen.Die Öffnung zwischen Elternschlaf- und Wohnzimmer ist besonders umsichtig gestaltet. „Sie soll den Raum nicht als Tür öffnen, sondern eine ruhige Fläche sein, wie ein Bild“, beschreibt der Planer die Intention. Selbst die Schlossfalle hat er eigens entworfen.

Grafiken: Manderscheid Architekten

Einfach konstruierte Einbauten

Im Gegensatz zur räumlichen Großzügigkeit sind die Einbauten einfach gehalten. „Die Materialien sind sehr bewusst einfach und direkt eingesetzt“, sagt Manderscheid. „Sie nehmen sich an dieser Stelle zurück, um dem hohen Raum den Vortritt zu lassen.“ Die Küche ist wie ein Möbelstück eingestellt. Auch sie besteht aus Dreischichtplatten. Die Arbeitsflächen sind aus Beton, die Fronten darunter sind farbig gestrichen. Alle übrigen Holzoberflächen sind nur geschliffen. Ausschließlich die strapazierten Bereiche wie die Sockelzone zum Boden und den Arbeitsflächen sind geölt. 

„Es war toll, dass der Bauherr am Ende noch ein ausreichendes Budget hatte, um gute Möbel machen zu lassen“, freut sich der Planer. So konnte er auch die Einbauten in den Schlafzimmern stimmig zu Küche und Regal geplant und detailliert ausführen lassen. Noch schlafen die Kinder in einem Zimmer. Wenn sie älter sind, kann das Hochbett einfach in das zweite Zimmer eingebaut werden.

Große und kleine Details sind fein entwickelt – vom Esstisch bis zum Schubladengriff aus Armierungsstahl. 

Projektdaten Umbau einer neuapostolischen Kirche zum Wohnhaus

BauherrNadine Reiband und David Fuchs
OrtReutlingen-Altenburg, Illerstraße 21
Baujahr1961, Erweiterung 1974, Sanierung 2015-2017
Wohnflächen165 m² Hauptwohnung, 55 m² Einliegerwohnung
BestandMauerwerk, Stahlbeton
Umbauhinterlüftete Lärchenholzverkleidung, ökologische Wärmedämmung für Fassade, Souterrain, Dach; neue Holzfenster in vergrößerter Öffnung; neue Erschließung und Raumaufteilung; Einbauten, Möbel und Türen aus Vollholz; Oberflächen mit Kalk geschlämmt; Heizestrichboden flügelgeglättet
PlanungArchitekturbüro Manderscheid, www.manderscheid-architekten.de

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