Bei mehr und mehr Menschen gibt es inzwischen ein Bewusstsein dafür, dass die Verwendung natürlicher Materialien wesentlichen Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden hat. Deshalb wird zum einen Wert darauf gelegt, Belastungen durch Schadstoffe zu vermeiden. Zum anderen geht es aber auch ganz wesentlich um die besondere Qualität von Naturmaterialien – das Material „Holz“ ist etwas wesentlich anderes als z. B. das Material „Kunststoff“, das erlebt jeder ganz deutlich. Holz wird nicht „hergestellt“, sondern es entsteht in einem natürlichen Prozess, es „wächst“. Dies macht seinen besonderen Charakter aus.

Lebensräume mit Holz zu gestalten bedeutet, eine Umgebung zu schaffen, der sich diese lebendige Qualität mitteilt, eine Qualität, die einen Ausgleich schaffen kann zu unserer heute oft technischen Lebenswirklichkeit. Und dies ist es auch, was von vielen gesucht und geschätzt wird.

Wirkung von Formen

Doch darüber hinaus beschäftigt mich bei meiner Tätigkeit als Holzgestalter eine Frage ganz besonders: lässt sich diese Qualität des Lebendigen auch durch Gestaltung und Formgebung sichtbar machen? Fordert der lebendige Werkstoff Holz nicht geradezu eine entsprechende Gestaltung?

Und als einen Widerspruch habe ich es immer wieder empfunden, wenn bei der Konzeption von Lebensräumen, von Möbeln, Türen etc. zwar Wert gelegt wird auf die „natürlichen“ Eigenschaften von Holz, dann jedoch durch Form und Gestaltung die nüchterne, technische Haltung des heutigen Zeitgeistes sichtbar wird, die ja schließlich auch alle die heutigen ökologischen Probleme erst entstehen lässt.

Denn es ist nicht gleichgültig, mit was für Formen wir uns umgeben – sie wirken auf uns, und das sogar sehr tiefgehend. Auch wenn dieses zumeist eher unbewusst erlebt wird: wie wir unsere Umgebung gestalten, prägt ganz wesentlich unser Lebensgefühl, und macht sichtbar, wie wir uns selbst und unsere Beziehung zur Welt erleben und auffassen.

Wie kann die Umgebung so gestaltet werden, dass ein Gefühl von sich-zuhause-fühlen und damit auch von Sinngetragenheit entstehen kann? Diese Frage habe ich mir oft gestellt.

Heute leben wir in Verhältnissen, in denen überall die technische Machbarkeit im Vordergrund steht, ein Erleben und ein Verständnis für das Lebendige (in der Natur aber auch im Zwischenmenschlichen) gehen verloren. Soziale, emotionale und ökologische Probleme sind die Folge.

Und hier liegt eine wichtige Aufgabe für die Gestaltung: durch lebendige Formen kann zu diesen Tendenzen ein Gegengewicht und eine Ausgleich geschaffen werden. Es ist ja erst eine Erscheinung der neueren Zeit, dass Gegenstände rein „sachlich“ und „nüchtern“ gestaltet werden. Betrachtet man nur einmal ein Möbelstück, das älter ist als hundert Jahre, so sieht man ,dass das früher anders gewesen ist. Und dadurch lebten die Menschen in einer Umgebung, die ganz anders zu ihnen „sprach“ als das heute der Fall ist.

Was dadurch verlorengegangen ist, kann (und muss) heute auf ganz neue Weise wiedergefunden werden. Die Lebensumgebung so zu gestalten, dass sie in lebendiger Weise „spricht“, das ist etwas, was heute mehr und mehr Menschen als wichtig erleben. Was macht nun eine Form „lebendig“ und wie wirkt sie dadurch?

(1) Eine solche Skulptur entsteht, indem der Künstler sich auf ein intensives Umgehen mit den Kräften der Natur einlässt
(2) Der Rahmen für eine organisch geformte Eingangstür wird vom Autor dieses Artikels, Heiko Moser-John, zusammengesetzt
(3) Kleiderschrank aus Birnbaum

Das Verhältnis zum Lebendigen

Im Gegensatz zum Leblosen ist das Lebendige nicht fest und statisch. Leben ist Bewegung. Wo Leben ist, da gibt es Bewegung, Wachstum und Verwandlung. Und Lebendiges verstehen kann man nur, wenn man sich darauf einlässt und das eigene Erleben dem angleicht. Entwicklung und Wachstum kann man nicht aus der Distanz heraus verstehen, sondern nur im Mitvollziehen und Miterleben. Man muss gewissermaßen ebenso lebendige Kräfte in sich wachrufen, wie sie auch in der Natur draußen tätig sind.

Indem man selber lebendige Formen schafft oder auch betrachtet und erlebt, tut man genau dies. Es ist ein innerliches Umgehen mit den Kräften, die auch in der Natur zu finden sind. Jedoch nicht so, dass Naturformen einfach nachgebildet werden, sondern so, dass mit diesen Kräften frei umgegangen wird.

Das hat weitgehenden Einfluss auf das gesamte Lebensgefühl. Man erlebt sich weniger vereinzelt und „ausgeschlossen“, sondern „beteiligt“ und damit einbezogen in einen größeren Zusammenhang. Dieses Gefühl von Vereinzelung und Isoliert- sein ist ja geradezu eine Grundstimmung der modernen Zeit. Und unsere moderne, weitgehend technisierte Lebensumgebung ist so beschaffen, dass sie ständig dieses Gefühl entstehen lässt.

Die technische Entwicklung brachte es mit sich, dass die Menschen der Natur und damit dem Lebendigen entfremdet wurden. Was ist denn Technik? Technik ist die Beherrschung der Kräfte des Leblosen. Dadurch entstand der Komfort und die Möglichkeiten individueller Lebensgestaltung, die wir heute nicht mehr missen wollen. Doch wenn dies allein wirkt, kommt es im Äußeren zur Zerstörung von Umwelt und Natur (wie die ökologischen Problemen deutlich zeigen), und im Inneren entsteht das beschriebene Gefühl von Vereinzelung, was sich z. B. in Sucht und Depression äußern kann.

Ein neuer Zugang zu den Kräften des Lebendigen muss also gefunden werden, doch allein in einem zurück zur Natur kann die Lösung nicht liegen. Was für die Menschen früher durch den engen Zusammenhang mit der Natur gegeben war, muss heute als schöpferische Fähigkeit neu gefunden werden. Und dadurch kann auch ein neues Verhältnis zur Natur entstehen, das auf Verständnis und Respekt beruht anstatt auf Ausbeutung und Nutzbarmachung.

Schönheit im Alltäglichen

Im handwerklich-gestalterischen Umgang mit Holz liegt für mich die Möglichkeit, solchen Gedanken konkreten Ausdruck zu geben. Indem für eine Situation mit bestimmten Bedürfnissen und Erfordernissen z. B. ein Möbelstück, eine Eingangstür oder anderes entsteht, geht es immer um die Frage: wie können die jeweiligen ganz real-praktischen Gegebenheiten und ein lebendiges Erleben gleichermaßen zu ihrem Recht kommen? Und wenn das gelingt ist das Ergebnis dann „Schönheit“. Man wird heute das Erleben von „Schönheit“ wohl zumeist als etwas rein subjektives ansehen, und damit auch als etwas, das nicht die gleiche Wichtigkeit hat wie der funktionelle Nutzen. Schönheit ist dann also eine „Zugabe“, ein Luxus. Doch damit wird etwas ganz Wesentliches ausgeblendet.

Was macht das Empfinden von „Schönheit“ aus? Warum wird z. B. die Natur als „schön“ erlebt? Das hat zum einen wohl damit zu tun, dass dort Kräfte erlebt werden, die aufbauend sind, im Gegensatz zu den heute vielfach vorherrschenden abbauenden Kräften der technischen Umgebung. Zum anderen auch damit, dass die Natur einen umfassenden, harmonischen Zusammenhang bildet, mit dem man sich verbunden fühlen kann. Und es ist eben ein Grundbedürfnis des Menschen, zu erleben, wie das eigene Leben ein Teil eines umfassenderen Ganzen ist.

Dass dieses Erlebnis möglich ist, darauf hat die Gestaltung der Lebensumgebung wesentlichen Einfluss. Und damit hat es dann auch Einfluss auf das Verhältnis zum gesamten Umfeld, zu sozialen Umgebung und zur Natur.

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