Mehr als Masken und Abstand

Bislang wird neben verschiedenen Hygienemaßnahmen versucht, vor allem durch das Tragen von Masken und das Einhalten eines Abstandes von mehr als 1,5 Metern Infektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 zu vermeiden. Dies ist sicherlich sehr sinnvoll, geht es doch um das Risiko durch Virus-beladene große Speicheltröpfchen, wie sie insbesondere beim Husten und Niesen freigesetzt werden, aber auch beim Sprechen, hier wiederum vor allem beim lauten und intensiven Reden, Schreien, Rufen, Singen… Diese mit rund 5-100 Mikrometer (µm) vergleichsweise großen Tröpfchen können nach derzeitigem Kenntnisstand durch mehr oder minder alle Masken (ob gekauft oder selbst hergestellt) weitgehend aufgehalten werden, bleiben in deren Gewebe hängen und belasten die Umgebung nicht. Selbst wenn man keine Maske trägt, sinken die Tröpfchen aufgrund ihrer Größe sehr schnell ab, fallen zu Boden, so dass der genannte Abstand auch ohne Maske einen recht guten Schutz vor einem Kontakt mit ihnen, also auch vor einer Ansteckung bietet. 

Details zu verschiedener Masken:
Schützen Atemschutzmasken vor Coronaviren?

Feine Aerosole

Es zeichnet sich in der letzten Zeit durch verschiedene Studien und Erfahrungen allerdings immer mehr ab, dass Infektionen auch und sogar sehr wesentlich durch viel feinere Tröpfchen mit Durchmessern von weniger als 5 µm hervorgerufen werden, in einem vielleicht ganz ähnlichen Umfang wie durch die großen, so schätzt der bekannte Virologe und Coronavirus-Experte Prof. Christian Drosten. Auch diese mikrokleinen Partikel entstehen unweigerlich beim Husten, Niesen und Reden, aber auch schon beim Atmen – Schätzungen zufolge ist deren Anzahl individuell sehr unterschiedlich und liegt zwischen 100 und 50.000 pro Atemzug, bei bronchialen Infekten auch noch mehr. Sie schweben deutlich länger durch die Luft, Minuten oder vielleicht sogar Stunden. Untersuchungen aus Hongkong zeigten, dass sich etwa die Hälfte freigesetzter Viruspartikel in solch feinen Aerosolen befindet. Diese können sich im Raum verteilen, sicherlich auch über die 1,5-2 Meter Sicherheitsabstand hinaus, je nach Strömungs- und Lüftungsgegebenheiten sogar weiter bis in andere Räume. So hat z.B. ein Infizierter bei einer Chorprobe in Amerika, bei welcher auf direkte Kontakte verzichtet wurde und Desinfektionsmittel eingesetzt wurden, auf diese Weise wahrscheinlich 53 von 60 Anwesenden infiziert, bei einer Chorprobe in Berlin waren es 60 von 80 Sängern. Auch die große Anzahl Infizierter bei der legendären Karnevalssitzung in Gangelt im Kreis Heinsberg lässt sich vermutlich zumindest zum Teil durch Virus-haltige Aerosole erklären, die stundenlang durch die volle Halle zirkulierten. Ähnliches gilt für die Masseninfektionen in einem Berliner Club oder einer Bar in Ischgl. In all diesen Räumlichkeiten gab es wenig Frischluftzufuhr bzw. Luftaustausch. Verschiedene Studien zeigen eindeutig, dass die größte Ansteckungsgefahr immer dann lauert, wenn man längere Zeit gemeinsam mit einem Infizierten in einem geschlossenen, schlecht gelüfteten Raum verbringt.

Interview mit Prof. Drosten zur Bedeutung von Aerosolen, Lüften und Desinfektionsmaßnahmen im Deutschlandfunk

Auch Virus-Verteilungen aufgrund von Luftbewegungen durch Klima- und Lüftungsanlagen können möglicherweise zu Infektionen führen. So belegt ein gut dokumentierter Fall aus einem Restaurant in China die Infektion von Personen an entfernteren Tischen, die sich im durch eine Klimaanlage hervorgerufenen Luftstrom befanden, wohingegen Personen an anderen näher gelegenen, aber im Bereich einer anderen Klimaanlage befindlichen Tische nicht betroffen waren. Befunde aus Kreuzfahrtschiffen mit hohen Infektionszahlen weisen darauf hin, dass Viren über die Lüftungsanlagen in andere Räume verteilt wurden (in Schiffen wird vermutlich häufig Abluft mit Frischluft gemischt und wieder in Räume geleitet). Schon beim SARS-1-Virus im Jahr 2003 steckten sich hunderte Menschen in einem Hongkonger Hochhaus in Stockwerken an, die über den Wohnungen Infizierter lagen und mit diesen über (technisch fehlerhafte) Installationen verbunden waren.

Was tun?

Erkenntnisse und abgeleitete Maßnahmen aus all diesen Überlegungen sind überaus wichtig, gerade in der aktuellen Phase der Pandemie, wo überall SchulenRestaurantsKinos usw. mehr und mehr wieder geöffnet werden, wo sich also Menschen wieder in Innenräumen versammeln, dies oft ohne Masken. In all diesen Fällen ist es dringend zu empfehlen, so viel wie möglich zu lüften, um die unweigerlich entstehenden Aerosole bestmöglich zu verdünnen, die Virus-beladenen feinen Tröpfchen so schnell und so intensiv wie möglich nach draußen zu befördern. Nun wird also das, was die Baubiologie schon immer fordert und umsetzt, nämlich durch reichliches Lüften für ein möglichst gutes und damit gesundes Raumklima zu sorgen, noch wichtiger, kann Leben retten und Infektionsketten unterbrechen: 

  • Es sollte so häufig und so intensiv wie machbar gelüftet werden, soweit es Temperaturen und Behaglichkeit zulassen, möglichst dauerhaft. Zur Erinnerung: Stoß- und Querlüften mit weit geöffneten Fenstern führt am schnellsten zu einem Luftaustausch. Beim Dauer-Kipp-Lüften dauert es deutlich länger, dies ist aber natürlich immer noch besser, als die Fenster ganz geschlossen zu halten und in der warmen Jahreszeit gut machbar. Im Winter sind je nach Gebäudetyp und -nutzung mögliche Schimmelrisiken zu beachten (siehe Beitrag Schimmel – Ursachen, Folgen und Sanierung). Für Büroräume, in welchen üblicherweise ein stündliches Lüften empfohlen wird, rät z.B. die Berufsgenossenschaft ‚Holz und Metall‘ in einer Handlungshilfe nun zum Öffnen der Fenster alle 20 Minuten.
  • Solche Lüftungsmaßnahmen lassen sich sogar häufig auf einfache Art und Weise technisch unterstützen. So empfiehlt Prof. Drosten zu überlegen, ob man nicht z.B. in Schulen Ventilatoren in geöffnete Fenster stellt und so Luft gezielt nach draußen befördert. Gut aus baubiologischer Sicht, wobei hier wie letztendlich bei jeder Abluftmaßnahme auch die entsprechende Zuluft garantiert sein sollte, damit auch ein wirklicher Luftaustausch und nicht nur ein Umherwirbeln der Luft erfolgt. Idealerweise sollte einwandfreie Außenluft in den Raum nachströmen, zumindest aber Luft aus Räumen garantiert ohne Corona-Infizierte.
  • Falls Lüftungsanlagen vorhanden sind, sollten sie auf möglichst hohe Luftwechsel eingestellt werden, also mit einer möglichst hohen Außenluftmenge betrieben werden – gut konzipierte und gewartete Anlagen können die Corona-Risiken in vielen Situationen vermutlich hochgradig senken. Dies gilt selbstverständlich nur für Lüftungsanlagen, die die Abluft sofort aus dem Gebäude entfernen (bei neueren dürfte dies meist der Fall sein). Lüftungsanlagen, welche die Luft hingegen komplett oder teilweise umwälzen (zum Heizen, Kühlen, Befeuchten…), sollten nicht mehr genutzt bzw. auf reinen Außenluftbetrieb ohne irgendwelche Umluftanteile umgestellt werden. Andernfalls könnten sie zur Verteilung von Viren beitragen, da in aller Regel keine diesbezüglich effizienten Filter im Lüftungssystem vorhanden sind. 
  • Auch in Räumen bzw. Gebäuden mit Lüftungsanlagen ist zusätzliches Lüften über Fenster empfehlenswert.
  • Falls in Toilettenräumen Abluftventilatoren vorhanden sind, sollte man sie dauerhaft laufen lassen. Auch hier sollte für eine entsprechende Frischluftzufuhr gesorgt sein.
  • Möglichst sollte für die Klärung technischer Lüftungs-Lösungen (Abluft, Fortluft, Außenluft, Zuluft…) auch schon bei einfachen Maßnahmen zumindest ein Haustechniker hinzugezogen werden, zudem können Baubiologische Beratungsstellen IBN hier oft weiterhelfen.

Weiterhin kann es sinnvoll sein, Luftfiltergeräte einzusetzen. Zwar sind die Coronaviren mit rund 0,12 µm recht klein und haben damit Durchmesser, die unterhalb der Schwelle von 0,3 µm liegen, welche die in vielen Luftreinigern vorhandenen Hepa-Filter zu nahezu 100 % abdecken. Dennoch dürften diese Geräte schon einen Großteil der Viren erfassen, weil eben auch unterhalb von 0,3 µm in aller Regel noch einiges gefiltert wird und noch mehr, weil die Viren nicht einzeln durch die Luft schweben, sondern an Tröpfchen aus Wasser, Stäuben, Salzen, Proteinen oder sonstigen Speichelbestandteilen gebunden sind. Hepa-Luftreiniger (oder wohl auch solche, die elektrostatisch arbeiten) sollten also Viren-Belastungen in der Raumluft reduzieren können, können somit insbesondere in Situationen, wo reichliche Luftwechsel nicht machbar sind, helfen (sollten allerdings nie Ersatz für das meist wesentlich effektivere Lüften sein!).

Über den Einfluss der Luftfeuchtigkeit auf Infektionen mit SARS-CoV-2 gibt es unterschiedliche Ansichten. Sehr niedrige relative Luftfeuchten unter etwa 30 % sind wahrscheinlich ungünstig, da zum einen die Viren-Partikel wohl länger in der Luft zirkulieren können, vor allem aber weil die menschlichen Schleimhäute bei Austrocknung generell anfälliger für Viren sind (siehe auch Beitrag Trockene Raumluft). Da solch niedrige Werte in Innenräumen aber i.d.R. nur an sehr kalten Tagen im Winter auftreten, sind Luftbefeuchtungsmaßnahmen meist nicht nötig oder allenfalls an den wenigen Tagen mit relativen Luftfeuchten von unter 30 % (hierbei ist zudem immer abzuklären, ob durch Befeuchtungsmaßnahmen nicht günstigere Bedingungen für Schimmelbefälle an z.B. kühlen Wänden geschaffen werden, siehe auch Beitrag Schimmel – Ursachen, Folgen und Sanierung).

Manche Fachleute sowie Hersteller von Luftbefeuchtungsgeräten behaupten, dass Coronaviren bei Luftfeuchtigkeiten von 40-60 % weniger lange infektiös sind als bei niedrigeren oder auch höheren Werten, was aber nach verschiedenen wissenschaftlichen Studien wohl kaum haltbar ist. Der große internationale Fachverband REHVA (Federation of European Heating, Ventilation and Air Conditioning Associations) betont, dass Luftbefeuchtung keine Methode zur Verringerung der Lebensfähigkeit von SARS-CoV-2 ist.

Resümee

Wann immer sich viele Menschen längere Zeit in Innenräumen aufhalten, stellen möglichst hohe Luftwechselraten bzw. Frischluftzufuhren einen entscheidenden Baustein beim Schutz gegen Infektionen mit Coronaviren dar und dürften neben dem Vermeiden von Körperkontakten sowie zu großer Nähe die wichtigste Maßnahme sein. Je kürzer und seltener Fenster geöffnet werden oder je leistungsschwächer Lüftungsanlagen sind, desto höher sind die Ansteckungsrisiken.

Literaturtipp:

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Leser-Interaktionen

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  1. Vielen Dank für diesen Artikel. Als Betriebsärztin hatte ich die Herausforderung, den Einsatz von Ventilatoren zu „verteidigen“, wenn sie bei geöffneten Fenstern die Durchlüftung unterstützen.

  2. Danke, kleine Ergänzung zu Split-Geräten mit reinem Umluftbetrieb. Nur sehr wenige haben HEPA-Filter oder lassen sich mit solchen nachrüsten. Manche Hersteller haben Plasma- oder andere Technologien, die auch Viren abtöten sollen. Jedenfalls ist zu empfehlen: nicht unter 24°C kühlen, vorkühlen noch bevor Mitarbeiter*innen den Raum betreten sowie in Mittagspausen und sonst den Volumenstrom reduzieren. Zwischendrin ausreichend stoßlüften (s.o.). Nicht unter 30% Feuchte abtrocknen dadurch wie oben beschrieben. Steigt die Temperatur in Büros mal über 30°C n (v.a. kleinere Firmen haben eher Split-Geräte), wird sich kaum jemand von der Nutzung abhalten lassen!

  3. Vielen Dank, lieber Herr Mierau,
    für diesen fundierten Artikel. Ich freue mich, dass Sie die Diskussion verwissenschaftlichen.

  4. Lieber Manfred Mierau,
    ein toller Artikel, den hoffentlich auch viele Entscheidungsträger*innen lesen!
    Danke dafür!
    Christine Ehm, Baubiologische Beratungsstelle IBN Klettgau

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