Der Bioland-Hof Biotal Eselsburg wird seit Ende der 1980er Jahre  von einer Gemeinschaft bewirtschaftet. 120 Hektar für Acker, Gemüseanbau und Grünland gehören dazu. In den Ställen stehen 80 Kühe, deren Milch in der eigenen Molkerei weiterverarbeitet wird. 40 Schafe und 15 Ziegen pflegen die Landschaft. Seit Anfang der 90er Jahre vermarktet die Gemeinschaft ihre Milch- und Fleischprodukte direkt und in Kooperation mit anderen Herstellern. Vor Ort konnte man bis 2019 alles in einem kleinen Hofladen einkaufen. Den Wunsch nach mehr Verkaufsfläche und einem Bistro begannen Christoph Bosch und Tobias Grund 2015 baubiologisch umzusetzen, beseelt von der Idee, ein naturnahes Gebäude zu erstellen. Sie bauten es mit natürlichen Baustoffen, die zu 70 Prozent aus einem Umkreis von 30 Kilometern kamen. Sie benötigten minimal graue Energie und erfüllten alle Forderungen nach einem energiereduziertem Lebenszyklus.

(1) Entwurfsskizze des Schweizer Architekten Werner Schmidt. Abweichend davon ist der Eingang nun mittig
(2) Baumstützen, schwungvolles Dach und lehmverputztes Stroh prägen den Innenraum | Skizze: Werner Schmidt

Auf hohem handwerklichem Niveau entwickelten sie viele Details nachhaltig und führten die meisten Gewerke zusammen mit der Hofgemeinschaft aus. Für die Konstruktion und den Innenausbau kamen Hölzer aus dem Wald im Landkreis und vom eigenen Grundstück zum Einsatz: 43 komplette Bäume, von Hand geschälte 1.500 Rundhölzer aus Fichte und besonders schöne Hölzer für handgefertigte Einbauten und Möbel. Tobias Grund ist Zimmermann und zeichnet sich verantwortlich für die schönen Umsetzungen. Der Dämmstoff Stroh für Dach und Wände wuchs auf dem eigenen Feld. Den Plan für das besonders nachhaltige Projekt hatten die für Strohballenbau bekannten Architekten Werner Schmidt aus der Schweiz und Margareta Schwarz aus Italien angefertigt: ein rechteckiger Grundriss mit einem umlaufenden Arkadengang und einem gewölbtem Dach, das sich zum Eingang hin weit öffnet.

Eigenes Stroh zum Dämmen

Das Stroh wurde in großen, dicht gepressten Strohballen eingebaut. Insgesamt 60 Tonnen wiegen die Ballen, mit denen das Dach und die 16 und 24 Meter langen Wände gedämmt wurden. Dabei tragen die Ballen nur ihr eigenes Gewicht. Das Dach wird von den Baumstützen getragen und von Konstruktionshölzern, die seitlich der Wandöffnungen stehen. Die Architekten hätten lieber auf die Konstruktionshölzer verzichtet und die Strohballen lasttragend geplant, was aber in Deutschland nicht zugelassen wird.

Die geschlossenen Wände des Gebäudes bestehen aus sechs Jumboballen übereinander, jeder 1,20 bis 2,40 Meter lang, 1,20 Meter tief, 70 cm hoch und bis zu 250 Kilo schwer. Die Bereiche zwischen Stroh und Decke aus Rundholz sind mit einer Lehm-Strohmischung ausgestopft. 

Vier bis fünf Lagen Lehmputz erhielten die Wände, jede einen Zentimeter stark. Christoph Bosch schätzt, dass er etwa 150 Tonnen Lehm verarbeitete, der aus Baugruben in der Gegend stammt. 

Für den Brandschutz F90-B hätte es genügt, beide Seiten der Strohballen mit mindestens 10 Millimeter Lehm- oder Kalkputz zu verputzen. Beim Hofladen sind es auf jeder Seite bis zu 50 Millimeter. Zusammen mit den schweren Innenwänden aus Stampflehm wirkt der Putz auch ausgleichend auf das Raumklima. Im Dach ist das Stroh von innen durch die Rundhölzer und einen Lehmschlag geschützt, von außen durch zwei Lagen Verschalung und Grünsubstrat.

Baustoffeigenschaften von zertifizierten Strohballen

Wasserdampf-Diffusionswiderstandszahlµ = 2
BaustoffklasseB2, normal entflammbar
FeuerwiderstandsklasseF30 bis F90 (verputzt)
verwendbargemäß allg. bauaufsichtlicher Zulassung Nr. 23.11-1595

Quelle: Dr. Margareta Schwarz, 2013

(1) Vorbildlich ökologisch: Die Baumstämme – hier zwei der drei Reihen im Inneren – kommen vom Grundstück aus dem nahen Forst | Bild: Biotal Eselsburg
(2) Die Wände aus Strohballen sind 120 cm dick | Bild: Biotal Eselsburg
(3) Bei der Konstruktion mit Rundhölzern entsteht am wenigsten Verschnitt, allerdings sind die Details schwieriger auszuführen | Bild: Biotal Eselsburg
(4) Das gewölbte Gründach öffnet sich einladend zum Eingang | Bild: Biotal Eselsburg

Geschwungenes Dach mit Lichtkuppel

Während der Planung wurde das Projekt stetig weiter entwickelt. So hatte das Dach im ersten Entwurf eine Lichtkuppel über jeder der 15 Innenstützen, im Bauantrag noch drei. Realisiert wurde dann ein großes, zentrales Oberlicht in dem eine einzige Stütze steht. Als Schutz für den gegenüber Schlagregen empfindlichen Lehm des Außenputzes kragt das Dach weit aus.

Für eine Strohdämmung hat das gewölbte Zeltdach eine relativ aufwändige Form. Die biegsamen Strohballen passen sich ihr an, Zwischenräume stopften die Eselsburger aus. Sie legten die Ballen von unten nach oben auf den Lehmschlag über den Rundhölzern auf, damit sie sich setzen konnten und klopften sie mit einem großen Klopfholz oder Hammer in Form.

Lehm für Putz, Wände und Treppe

Die Lehmsorten aus den unterschiedlichen Baugruben wurden feucht gemischt, um die jeweils gewünschten Eigenschaften zu erhalten. Für den Lehmputz wurde er gespritzt, für die Innenwände gestampft. Für die runde Stampflehmwand der Wendeltreppe musste er besonders trocken sein, damit er möglichst wenig schwindet. Deshalb breitete Tobias Grund den benötigten Sand und Kies auf dem Boden aus und trocknete ihn mit einer provisorischen Heizung. Das erdfeuchte Material stampfte das Team ein, nahm die Schalung wieder ab, um das Auflager für die Stufe eben zu schleifen, legte die Holzstufe auf, schalte neu ein und stampfte weiter. Innerhalb von sechs Wochen war die Treppe fertig.

Wohlfühlatmosphäre nicht nur zum Einkaufen

Bilder: Achim Pilz | Bilder 5, 7, 11 und 12 : Biotal Eselsburg

Kurzer Film über das Projekt
Ausführliche Dokumentation der einzelnen Arbeitsschritte

Lebendige Hölzer für den Ausbau

Die zentrale Baumstütze unter dem Oberlicht ist eine eigene Esche. Auch die anderen Baumstützen sind vom eigenen Grund. Das Parkett ist ebenfalls aus Esche, ebenso wie der Sitzplatz im Innenraum vor dem Wintergarten. Tobias Grunds Schwiegervater brachte markant gewachsene Baumscheiben mit, aus denen zwei rustikale Tische entstanden. Theken, Regale und selbst die beiden Kassenmöbel sind selbst entworfen und gebaut. Für innen und den Wintergarten restaurierten die Biotaler sogar alte Fenster aus verschiedenen Jahrzehnten. Beim Einbau stopften sie die Zwischenräume mit selbst angebautem Leinen aus. 

Der Fußboden besteht aus Solnhofener Natursteinplatten. Die Steine für die Außenanlagen sind vom eigenen Platz. Bis in die Energieversorgung durch Photovoltaik und die Kälteerzeugung mit Propan als Kältemittel ist das Projekt vorbildlich baubiologisch (dazu mehr in einem weiteren Beitrag). Im Herbst 2019 wurde es mit einer dreitägigen Veranstaltung eröffnet, zu der viele Besucher ins Tal kamen, um das baubiologisch vorbildliche Gebäude zu erleben.

Baudaten Hofladen Biotal Eselsburg

Bauzeit2015 – 2019
Grundfläche240 m²
Dachaufbau (von innen nach außen) Tragende Konstruktionshölzer, von unten sichtbare Rundholzlage, Lehmschlag, Strohballen 70 cm, Gerüstdielen befestigt mit Holzdübeln 20 mm, Holzschalung, diffusionsoffene Unterdachfolie, 12er Kanthölzer als Hinterlüftungsebene, Holzschalung, halb aufgesägte Rundhölzer, EPDM Dachhaut (contec), beidseitig geschützt mit Vlies; Substrat im Mittel ca. 10 cm mit Traufschubhaltern (Zinco)
Außenwände (von innen nach außen)bis 5 cm Lehmputz 4-5-lagig, Strohballen 120 cm, bis 5 cm Lehmputz 4-5-lagig
Fenster Fassadebodentief, dreischeibenverglast, Rahmen geöltes Lärchenholz
Fenster innenAltfenster mit Einscheibenverglasung, Rahmen aufgearbeitet und geölt
Fenster WintergartenAltfenster mit Doppelverglasung
PlanungAtelier Werner Schmidt, Trun, Schweiz; Dr. Arch. Margareta Schwarz, Bozen, Italien

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  1. Endlich mal wieder ein Projekt, das die Versprechungen des Lehmbaus einlöst. Mit lokalem Lehm und sagenhaftem handwerklichen Einsatz wurde hier eine sinnliche Baukultur gestiftet. Ich bin begeistert. Wenn es nicht so weit weg wäre, würde ich hier entspannt den einen oder anderen Nachmittagskaffee trinken und vom leckeren Kuchen naschen.

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