Von den Anfängen

Mit der Erfindung der Glühlampe und des Elektromotors im 19. Jhd. begann die stetige Elektrifizierung der öffentlichen und privaten Räume. Der anfänglich verwendete Gleichstrom wich im Laufe der Zeit der effizienteren Versorgung mit Wechselstrom.

Die Situation heute

Heute hat sich die Situation grundlegend gewandelt. Die Versorgung mit Strom, inkl. der Kabel und elektrischen Geräte, ist nahezu flächendeckend. Den technischen Raffinessen sind keine Grenzen gesetzt – Kabel befinden sich in Innenräumen mittlerweile in fast allen Wänden und Decken. Die Folge ist eine rasante und allumfassende Änderung unserer natürlichen Umweltbedingungen. Und es ist nur eine von vielen, von Menschenhand gemachte Veränderung, die uns als Lebewesen, als Teil der Natur, herausfordert.

Nachteile der konventionellen Elektroinstallation

Die Stromversorgung basiert auf physikalischen Verfahren, die es ermöglichen, Energie zur Stromnutzung per Kabel zu übertragen. Zum eigentlichen Stromfluss kommt es erst dann, wenn ein Verbraucher, z. B. eine Lampe oder ein elektrisches Gerät eingeschaltet wird. Aber selbst, wenn kein Strom fließt, stehen praktisch alle in Deutschland an das hausinterne Stromnetz angeschlossenen Kabel unter einer Netzspannung von zumeist 230–240V.

Als ungewollter Nebeneffekt dieser Energiebereitstellung entstehen jedoch biologisch wirksame elektrische Wechselfelder. Entsprechend dem Fernlehrgang Baubiologie des IBN sind dafür u. a. folgende Ursachen verantwortlich:

  • nicht abgeschirmte Kabel
  • defekte Kabel
  • ungeerdete Leitungen und Geräte
  • Ankopplung an alte Kabel oder Metallteile wie z. B. von Betonarmierungen
  • ungewollte Ströme auf Fremdleitungen (Heizung, Gas, Wasser)

Wie Praxismessungen belegen, werden entgegen der öffentlichen Meinung elektrische Wechselfelder allein durch Baustoffe zumeist nicht hinreichend genug abgeschirmt. Messwerte zwischen 30–50 V/m am Schlafplatz sind leider keine Seltenheit. Diese sind aus baubiologischer Sicht bereits stark bis extrem auffällig.

Empfehlungen zur Vorsorge

Geschirmtes Kabel mit Schutzhülle (hellblau) und Beidraht

Schon das Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) von 1974 fordert in § 1 eigentlich „Menschen, Tiere und Pflanzen, den Boden, das Wasser, die Atmosphäre sowie Kultur- und sonstige Sachgüter vor schädlichen Umwelteinwirkungen zu schützen und dem Entstehen schädlicher Umwelteinwirkungen vorzubeugen“. Um die Technik vor Störungen zu schützen und deren Funktionen zu gewährleisten, werden abgeschirmte Kabel z. B. für Netzwerk-Verbindungen oder für das Kabelfernsehen genutzt. Zum Schutz des Menschen jedoch wird die notwendige Reduzierung elektrischer Wechselfelder schlichtweg ignoriert. Andere Länder, wie z. B. Schweden, sind da fortschrittlicher: Dort gilt zum Schutz der Arbeitnehmer gemäß der TCO-Norm für Computerarbeitsplätze ein Vorsorgewert von 10 V/m (erdpotenzialbezogen). Mediziner, Wissenschaftler, Baubiologen und Elektrosensible fordern seit Jahren einen bewussteren Umgang mit diesem Thema und die Herabsetzung der öffentlichen Grenzwerte.

Richtwerte für elektrische Wechselfelder in V/m

DIN/VDE 0848 (Arbeitsplatz)20.000
26. BImSchV5.000
Schwedische TCO-Norm für Computerarbeitsplätze10
Baubiologische Richtwerte gemäß SBM-20151

Ist Vorsorge überhaupt notwendig?

Leider ist die Thematik sehr umstritten und es gibt seitens der Wissenschaft oft widersprüchliche Aussagen. Da biologische Zellabläufe im Menschen durch körpereigene elektrische Impulse gesteuert werden, ist die Wahrscheinlichkeit, auf äußere Reize ebenfalls zu reagieren, durchaus gegeben. Reizstrom wird z. B. auch zur therapeutischen Behandlung eingesetzt und kann hier seine positiven biologischen Wirkungen entfalten. Das regelmäßige und andauernde Vorliegen einer elektrischen Wechselspannung in Körpernähe kann jedoch unser biologisches System stören, Ionenkanäle ins Ungleichgewicht bringen und die gesamte Zellkommunikation behindern. Aus diesen Störungen können sich im Laufe der Zeit ernsthafte Erkrankungen entwickeln. Dies zeigt z. B. auch die steigende Zahl der Elektrosensiblen.

Neue EMF-Leitlinie

Die europäische Akademie für Umweltmedizin (EUROPAEM) stellte u. a. fest, dass „Ärzte immer häufiger mit Beschwerden unbekannter Ursache konfrontiert werden“ und dass „Studien, empirische Beobachtungen und Berichte von Patienten ganz eindeutig auf Wechselwirkungen zwischen Beschwerden und der Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern (EMF) hinweisen“. Die 2016 veröffentlichte EMF-Leitlinie zur Prävention, Diagnostik und Therapie EMF-bedingter Beschwerden und Krankheiten gibt medizinische Erkenntnisse wieder und fordert mit einer konkreten Handlungsanleitung die Umsetzung von Vorsorgemaßnahmen, auch im Bereich der niederfrequenten elektrischen Felder von gebäudeinternen Elektroinstallationen. Konkret werden für die Nacht am Schlafplatz Werte von max. 1 V/m (potenzialfrei) und für empfindliche Personengruppen 0,3 V/m (potenzialfrei) gefordert. Diese Richtwerte liegen für die elektrischen Wechselfelder nahe den Richtwerten des Standards der Baubiologischen Messtechnik (SBM-2015).

Grafik: Anschluss des Beidrahtes an den FPA (Funktionspotenzialausgleich) | Danell GmbH

Vorteile der baubiologischen Elektroinstallation

Den besten Basisschutz bieten abgeschirmte Kabel (auch Geräteanschlusskabel!) und Steckdosen, weil so die Emissionen elektrischer Wechselfelder bereits an der Feldquelle verhindert werden. Durch die standardmäßige Verlegung abgeschirmter Kabel könnten diese Felder also einfach und unkompliziert an ihrer Ausbreitung gehindert werden. Vielen Menschen könnten damit jahrelange Belastungen durch erhöhte Feldstärken von vornherein erspart bleiben. Nachträgliche, umfangreiche und kostenintensive Abschirmmaßnahmen könnten so vermieden bzw. deutlich vereinfacht werden.

Das neue Elektrohandwerk

In der Ausbildung von Elektrikern spielen Einflüsse auf den Menschen durch erhöhte Feldbelastungen i. d. R. keine Rolle. Das Vorhandensein biologisch wirksamer Faktoren und auch die Reduzierung unnötiger Emissionen durch feldarme Installationsarten oder Abschirmungen ist nicht Teil der Lehrinhalte. Folglich werden Kunden in den meisten Fällen nicht über mögliche Risiken und die Möglichkeiten ihrer Vermeidung beraten. Durch Integration dieser Themen in die Ausbildung könnte Verantwortung und Gesundheitsvorsorge gefördert werden.

Besonderheiten für den Elektriker

Elektriker sollten v. a. auf eine abgeschirmte Installation und die separate Erdung des Kabelschirmes am Funktionspotenzialausgleich achten.

Vorteile für Arbeitgeber durch Vorsorge

Arbeitgeber tragen eine hohe Verantwortung für ihre Mitarbeiter. Das Engagement zur Bereitstellung eines gesunden Arbeitsumfeldes – und hierzu gehört auch ein Minimum an physikalischen Umweltbelastungen – wird durch die Mitarbeiter als wertschätzend honoriert. Dies zeigt wunderbar die Eigeninitiative der DB Services GmbH der Deutschen Bahn: Hier wurden in den letzten Jahren im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements an über 750 Büroarbeitsplätzen Messungen und Reduzierungen u. a. der elektrischen Wechselfelder durchgeführt. Die Mitarbeiter wurden aktiv in die Maßnahmen einbezogen und geschult. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: sinkende Fehltage, gegenseitige Wertschätzung und ein besseres Arbeitsklima. In die Gesundheit der Mitarbeiter zu investieren lohnt sich also auf jeden Fall.

So einfach könnte Vorsorge sein

Was nützt all der Fortschritt und Komfort, wenn dadurch sogenannte Zivilisationskrankheiten entstehen? Fraglich ist, wer die Verantwortung trägt für die Informationspflicht und den Schutz der Bevölkerung. Nach Auffassung der Autorin sind dies in erster Linie die öffentlichen Ämter und Normungsgremien sowie alle beteiligten Berufsgruppen.

Die geringen Mehrkosten für die abgeschirmten Kabel und den Mehraufwand bei der Verlegung stehen in keinem Verhältnis zu dem Aufwand und den Kosten für nachträgliche Abschirmmaßnahmen und werden von informierten Kunden für ihre Gesundheit sicherlich gern aufgebracht. Fortschritt und Verantwortung sind untrennbar miteinander verbunden. Und nicht immer ist Vorsorge so einfach, wie bei der Ausführung von Elektroinstallationen. Die Vision 2030 für die Integration eines gesundheitsbewussten VDE-Standards in Ausbildung und Ausführung kann wahr werden, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

Diesen Beitrag präsentiert Ihnen:
Verband Baubiologie VB
www.verband-baubiologie.de

Aus Fachzeitschrift WOHNUNG+GESUNDHEIT Nr. 165 – mehr erfahren

Leser-Interaktionen

Ihre Meinung ist uns wichtig

  1. Interessant, ich habe noch nie von baubiologischen Elektroinstallationen gehört! Gut, dass sie die Emissionen elektrischer Wechselfelder verhindern. Ich plane gerade die Elektrotechnik meines Hauses und lese daher gerne zum Thema. Danke für den Beitrag, sehr interessant!

    • Es freut mich, dass diese Informationen für Sie hilfreich sind. Sehr gut, dass Sie bereits in der Planungsphase Kenntnis davon erlangen, so können Sie dies bei der Umsetzung berücksichtigen. Da es ja auch immer auf die Kosten ankommt, noch ein Hinweis: Vorrangig schütztenswert im Sinne einer Reduzierung von Elektrosmog sind auf jeden Fall die Schlafräume und Kinderzimmer.

      Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei ihrem Bauprojekt!

  2. Das Thema Elektroinstallation interessiert mich schon seit Längerem. Ich bin immer auf der Suche nach neuen und interessanten Artikeln und Blogs zu diesem Thema. Es ist super, dass ich diesen Blog gefunden habe. Hier findet man echt viele hilfreiche Informationen. Dies wird mir bei der Elektroinstallation für das Büro, in dem ich arbeite, helfen.

  3. Vielen Dank für den Input von Herrn Brüggemann. Mein Beitrag war eher zukunftsorientiert auf den Neubau von Gebäuden bezogen, aber natürlich ist es ebenfalls wichtig, im Bestand elektrische Wechselfelder zu reduzieren und dies nicht nur durch Abschirmmaßnahmen. Ich kann die Ideen von Herrn Brüggemann nur unterstützen. WIr brauchen sowohl Repräsentanten in den Normausschüssen, die über baubiologisches Wissen verfügen und im Sinne der Vorsorge Einfluss nehmen können, als auch gut ausgebildete Elektriker und Baubiologen. Mit einem guten Fortbildungskonzept auch auf diesem Gebiet und der Zusammenarbeit der baubiologischen Institute (wie z.B. dem IBN) und Verbände (wie z.B. VB und VDB) könnte man sicherlich gemeinsam viel erreichen.

    Freundliche Grüße
    Jeanne Siepert

  4. Die Idee ist super, aber das ist Schritt drei oder vier.
    Heute werden im privaten Wohnungsbau nicht mal die Altinstallationen geprüft. Wenn man einfach nur die Elektroinstallationen alle fünf Jahre überprüfen und in Ordnung bringen würde, wäre schon viel gewonnen, auch in Punkto Brandschutz und Nutzerschutz. Da werden LED-Leuchten in Masse in einem Haushalt eingebaut und der 15 Jahre alte FI-Schalter bleibt sitzen…
    Elektrofirmen haben die Auftragsbücher voll und kein Interesse, neue Geschäftsfelder zu erschließen.
    Ich fahre inzwischen in einem größeren Umkreis um meinen Wohnort, um Installationen zu prüfen, niederfrequente Felder zu messen, Gebäudeerder zu ertüchtigen und Netzfreischalter einzubauen. Wohlgemerkt, nebenberufflich und zum Ingenieursstundensatz, da es keine Elektriker gibt, die das tun wollen oder können.
    Im Hauhalt mit einer Drehstromeinspeisung und intelligenter Verteilung der Phasen über die Räume kann man schon einiges an elektrischen Feldern reduzieren. Das kostet nicht mal mehr.
    Die Baubiologie braucht mehr Elektrofachkräfte, die das know-how im Bereich der Hausinstallationen haben und Personen, die in den Normausschüssen mitarbeiten. Es gibt gute baubiologisch geschulte Fachleute wie Architekten, Bau- und Baustofffachleute und im Bereich der Technischen Gebäudeausrüstung (TGA). „Baubiologische“ Elektrofachkräfte gibt es wenig.
    Beim Anschluss von Erdungen an Abschirmmaterialien reicht es nicht, nach der Netzform zu fragen, man muss auch den Erder mal nachmessen und die Erdung im Raum beurteilen können. Wie oft hängt, in alten Häusern, die Gebäudeerde an der Wasserleitung, was genau so lange funktioniert hat, bis die Wasseruhr durch eine Kunststoffuhr ersetzt wurde…
    Vielleicht hat das IBN ja Interesse, Weiterbildungen für Elektrofachkräfte anzubieten?! Optimal wäre es, wenn diese Kurse dann als Kurse für den Erhalt der Fachkunde anerkannt würden.
    Ich könnte mir da eventuell eine Kooperation mit einem Bildungsträger vorstellen…..
    Viele Grüße,
    Armin Brüggemann

    • Ergänzung: Das Thema „Baubiologische Elektroinstallation“ ist derzeit leider wirklich im Elektrohandwerk kaum ein Thema. Um das Jahr 2000 herum war das noch anders. Damals gab es auch den bundesweiten „Verband für angewandte biologische Elektrotechnik – VABE“ als Interessenvertretung der baubiologisch installierenden Elektriker. Irronischerweise kamen die meisten Mitglieder des VABE aus der Region von Herrn Brüggemann.
      Bei einigen Handwerkskammern werden Schulungen zur baubiologsichen Elektroinstallation (Beispiel HWK Augsburg in Kooperation mit dem IBN) angeboten. Leider fallen diese Schulungen häufig mangels Teilnehmer aus.
      Zielführender dürften daher Schulungsmodule in der Meister- und Facharbeiterausbildung sein. Diese Module (Unterlagen + Referenten) könnten vom IBN und VB bundesweit den jeweiligen Ausbildungsstätten angeboten werden.

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