Für das Bauen und Wohnen wird mit wachsender Tendenz nicht nur rund ein Drittel des Gesamtenergieverbrauchs benötigt, sondern es werden zudem auch unfassbar große Mengen gesundheits- und umweltschädlicher Materialien verbraucht. Dabei bietet die Baubiologie seit rund 40 Jahren zukunftsfähige Konzepte. Um dafür mehr Menschen und Umweltinitiativen zu überzeugen, haben wir einige aktuelle Fakten und Zahlen zusammengetragen:

Der Bausektor boomt, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Meist wird billig, schnell und hoch gebaut, um die Rendite zu maximieren. Aufgrund der Vorgaben der modernen Architektur nach großen Fensterformaten und offenen Grundrissen wird immer öfter mit Beton gebaut, die Immobilienbranche selbst beschreibt dies süffisant als „Betongold schürfen“.

Bauen mit Beton ist jedoch energie- und ressourcenaufwändig. So werden allein ca. 8 % des jährlichen CO2-Ausstoßes durch die Zementindustrie verursacht (Grafik 1).[1] Wobei laut Entwicklungsökonom Dirk Messner allein China zwischen 2008 und 2010 mehr Zement verbaut hat, als die USA seit Beginn der industriellen Revolution – in nur drei Jahren! [2]

Grafik 1: Jährlicher weltweiter CO2-Ausstoß aufgrund von Zementherstellung (1925-2000) [1]

Neben Zement sind Sand und Kies wesentliche Bestandteile von Beton und so ist es nicht verwunderlich, dass sich die Nachfrage danach in den letzten 20 Jahren verdreifacht hat. Mit 40 bis 50 Milliarden Tonnen im Jahr ist Sand gemessen am Volumen nach Wasser der größte gehandelte Rohstoff der Welt.[3] Dabei liegt ein Großteil der Sand-, Kies- und Natursteinvorkommen unter Städten, Verkehrswegen, Naturschutzgebieten und landwirtschaftlichen Flächen und ist deshalb faktisch nicht nutzbar. Infolgedessen wird der schwere Kies und Sand energieaufwändig über weite Strecken transportiert.[4]

Häufig wird Stahlbeton verbaut, ein Verbundwerkstoff aus Beton und Stahl. Neben Zement wird auch für Stahl sehr viel Energie für Abbau, Herstellung und Transport benötigt. Für Stahlbeton kann sich der Aufwand für graue Energie gegenüber unbewehrtem Beton verdoppeln.[5]

Kein Wunder also, dass der Wirtschaftsbereich Bauwesen ca. 18,3 % des Rohstoffkonsums der gesamten deutschen Wirtschaft verschlingt (Grafik 2). Betrachtet man den Rohstoffkonsum von Privathaushalten näher, so sieht man, dass 32 % allein für das Wohnen verbraucht werden (Grafik 3). Hier ist neben dem Verbrauch für die Erstellung der Gebäude auch deren Unterhalt und Energieverbrauch v.a. für Heizen, Kühlen und Strom mit eingerechnet.[6]

Grafik 2: Anteile der Wirtschaftsbereiche am Rohstoffkonsum der Endnachfrage in Deutschland nach Rohstoffgruppen, 2014 [6]

Grafik 3: Privater und öffentlicher Rohstoffkonsum in Deutschland nach Konsumbereichen, 2014 [6]

Bereits im Jahr 2010 waren 32 % des weltweiten Endenergieverbrauchs und 19 % aller Treibhausgasemissionen auf Gebäude zurückzuführen. Szenarien prognostizieren, dass sich die weltweit durch Gebäude verbrauchte Energie bis 2050 verdoppelt oder gar verdreifacht, unter anderem, weil Milliarden Menschen Zugang zu Elektrizität und zu Wohnraum, wie ihn die meisten Menschen z.B. in Europa bereits haben, erhalten werden.[7]

Grafik 4: 2010 verursachten Gebäude 32 % des weltweiten Endenergieverbrauchs [8]

Grafik 5: 19 % aller Treibhausgasemissionen waren auf Gebäude zurückzuführen [8]

Grafik 6: Bis 2050 könnten sich die CO2-Emissionen des Gebäudesektors verdoppeln oder verdreifachen [8]

Mit dem Anstieg des Lebensstandards steigt auch der CO2-Verbrauch. Dies wird deutlich im internationalen Vergleich der jährlichen Pro-Kopf-CO2-Emisionen. Der globale Durchschnitt liegt bei 4,8 Tonnen CO2 pro Kopf, in Deutschland ist er mit 9,6 Tonnen etwa doppelt so hoch und in Nordamerika mit knapp 16 Tonnen mehr als dreimal so hoch (Grafik 7).[9]

Grafik 7: Die jährlichen Pro-Kopf-CO2-Emissionen Deutschlands waren 2018 mit rund 9,6 Tonnen ungefähr doppelt so hoch wie der internationale Durchschnitt [9]

Aber nicht nur der Fußabdruck wird größer, auch der Wohnflächenverbrauch. So ist in Deutschland von 1950 bis 2018 die durchschnittliche Wohnfläche von ca. 14 m2 auf stolze 46,7 m² pro Person gestiegen! (Grafik 8).[10] Und dies trotz steigender Mieten! Im Vergleich hierzu liegt der Durchschnitt in Indien bei ca. 9 m2 pro Person.[11]

Grafik 8: Wohnfläche in m2 je Einwohner in Deutschland 1950 – 2018 [10]

Die Baubranche verursacht jede Menge Abfall, z.B. durch Gebäudeabbrüche, Produktverpackungen oder Materialverschnitte. Im Jahr 2017 hat die Bau- und Abbruchbranche in Deutschland ca. 53 %, also etwas mehr als die Hälfte des gesamten Abfalls verursacht. Insgesamt kamen so ca. 220 Milliarden Tonnen zusammen (Grafik 9).[12]

Grafik 9: Die Bau- und Abbruchbranche hat 2017 mehr als die Hälfte des Abfalls in Deutschland verursacht. Insgesamt kamen ca. 220 Millionen Tonnen zusammen. [12]

Düstere Aussichten: Die Lebenshaltungsansprüche weltweit steigen und mit ihnen der Hunger nach Rohstoffen und Energie. Der Bausektor macht da keine Ausnahme und trägt einen wesentlichen Teil dazu bei. Ein wenig Hoffnung macht hier die Aussage des IPCC-Berichts: „Der Bau- und Gebäudesektor besitzt weltweit gesehen das größte Potenzial zur Emissionsminderung“ (Grafik 10). [13]

Grafik 10: Der Bausektor besitzt weltweit gesehen das größte Emissionseinsparpotenzial [13]

Zu den beschriebenen Fakten und Zahlen kommen viele weitere Probleme hinzu, deren ökologische, ökonomische, soziale und gesundheitliche Folgen sich kaum bewerten lassen, nämlich für Mensch, Fauna und Flora giftige Substanzen in vielen Baustoffen, Inneneinrichtungen und Möbeln, wie z.B. Schwermetalle, Aldehyde, Lösemittel, Weichmacher, Pestizide, Feinstäube oder Nanopartikel, um nur einige zu nennen. Und das, obwohl es umweltverträgliche Alternativen wie Produkte aus nachwachsenden oder mineralischen Rohstoffen gäbe.

Energieeinsparung und Energieeffizienz sind die Schlüsselwörter, die bereits über die EnEV und das neue Gebäude-Energie-Gesetz auf den Bausektor wirken. Auch der aktuell debattierte Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft sowie die „richtige“ Baustoffauswahl stellen hier entscheidende Schritte zur Problemlösung dar. Die Baubranche muss lernen, nicht mehr nur die einzelnen Materialkennwerte und Eigenschaften der Produkte am Bau zu betrachten, sondern die ganzheitlichen Zusammenhänge mit einzubeziehen. Der gesamte Lebenszyklus von der Herstellung und Transport der Rohstoffe über den Einbau und Gebrauch bis zum Rückbau, die gesamten Auswirkungen von der Energieeffizienz bis hin zu gesundheitlichen Aspekten müssen betrachtet werden.

Damit dies funktioniert, wird es faire Rahmenbedingungen sowie Regelwerke und Vorgaben durch die Gesetzgeber brauchen. Alternativ können wir auch an den gesunden Menschenverstand appellieren, wie es der IPCC-Bericht macht: „Änderungen des Lebensstils und der Verhaltensmuster können über alle Sektoren hinweg zum Klimaschutz beitragen. Managementpraktiken können ebenfalls eine positive Rolle spielen.“

Das IBN hat in den letzten gut 40 Jahren tausende Baubiolog*innen IBN ausgebildet. Sie stehen bereit für Beratungs-, Planungs-, Bau- und Sanierungsaufgaben. Die dabei angewendete ganzheitliche Vorgehensweise wird von der Bauwirtschaft häufig als störend empfunden. Die Zeche dafür zahlen aber nicht nur die Bewohner*innen, sondern letztendlich alle Menschen, denn Klimaerwärmung, Umweltprobleme und Krankheiten sind unmittelbare Folgen dieses Handelns. Bleibt zu hoffen, dass die Baubiologie nun – gestärkt durch die neuen Jugendbewegungen und Umweltinitiativen – ihren Stellenwert bekommt, den sie verdient. Ihr Ziel ist es, dass im Bauwesen die Berücksichtigung baubiologischer Kriterien (siehe 25 Leitlinien der Baubiologie) selbstverständlich ist.

Quellen

[1] Wikipedia Eintrag – Grafik von „de:Florian.Arnd – CDIAC, CC BY-SA 3.0“
[2] ZEIT online, 25.04.2016
[3] FAZ online vom 07.05.2019
[4] Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Hannover, Februar 2018
[5] nachhaltiges-bauen.de
[6] Umweltbundesamt – Bericht „Die Nutzung natürlicher Ressourcen“
[7] Kernergebnisse aus dem Fünften Sachstandsbericht des IPCC
[8] klimafakten.de, Kernergebnisse aus dem Fünften Sachstandsbericht des IPCC
[9] Bundesamt für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit BMU – Broschüre „Klimaschutz in Zahlen“ Ausgabe 2018
[10] Umweltbundesamt – Online Bericht „Wohnfläche“ vom 08.11.2018
[11] Times E-Paper vom 28.08.2017
[12] Statistisches Bundesamt – Abfallbilanz.pdf vom 09.07.2019
[13] IPCC Bericht 2007, Seite 51

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  1. Vielen Dank für diesen tollen Artikel! Zum Klimanotstand gibt es einen weiteren Lösungsbaustein: Die Baubiologie! Ich hoffe, dass hier nun endlich die Aufmerksamkeit der Baubiologie zukommt, die sie verdient hat. Gesundheit und Nachhaltigkeit im Einklang – besser geht es nicht 🙂

    Christine Ehm
    Baubiologische Beratungsstelle IBN
    http://www.bau-und-biologie.de

  2. Danke für diesen informativen Beitrag mit der Kernbotschaft, dass wir alle mit mehr Wissen Entscheidungen für die Zukunft treffen können. Andere darüber informieren und bei jeder Gelegenheit das Samenkorn des Themas zu legen, um schon bei einer Bauprojektplanung beim Bauherrn das Bewusstsein für Gesundheit und Nachhaltigkeit zu schaffen.
    Immer wieder erlebe ich dass auch aus Unkenntnis der einfache Weg gegangen wird. Nach einem Gespräch kommt dann auch die Entscheidung selbst aktiv zu werden und mehr in die Baustoffauswahl zu investieren um einen Beitrag für die Zukunft unserer Kinder und der Allgemeinheit zu leisten . Letztendlich ist mit dem Ausbau der Kreislaufwirtschaft ein guter Ansatz da.

  3. Vielen Dank für diesen hervorragend recherchierten und aufrüttelnden Beitrag!
    Baubiolog*innen, setzt euch politisch dafür ein, dass Nachhaltigkeitsaspekte im Sinne baubiologischer Ganzheitlichkeit fester Bestandteil in Normen, Verordnungen und Ausschreibungen werden. Auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene. Man mag es für ein mühevolles, gar aussichtsloses Unterfangen halten. Doch steter Tropfen höhlt den Stein… 🙂

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