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Bei allen Gestaltungsfragen werden wir sehr stark vom Unbewussten gesteuert. Wenn wir etwas gestalten, folgen wir also bestimmten inneren Leitbildern. Da diese aber i. d. R. unbewusst sind, wissen wir meist nicht, welche psychische Wirkung die Gestaltungsergebnisse haben. Daran zu arbeiten, ist die Aufgabe der Architekturpsychologie.

Architektursprache

Die Entschlüsselung der Architektursprache gelingt mit Hilfe der Kulturgeschichte. Denn darin zeigen sich die verschiedenen kollektiven Bewusstseinszustände wie in einem Bilderbuch. Damit lässt sich auch erschließen, welche Formen welche psychischen Wirkungen ausstrahlen. Wenn wir beispielsweise bei einem Projekt mehr Gemeinschaftlichkeit anstreben, dann können wir anhand der Architekturgeschichte erkennen, wie eine gemeinschaftsfreundliche Architektur aussieht.

Einsichtsgeschützte Innengärten
(1) Das Bild (Jesajakirche München) zeigt einen Meditationsgarten, der ringsum geschlossen ist und nur von der Kirche aus, deren Außenwand links zu sehen ist, zugänglich ist. Ein solcher Garten bedeutet Innerung, Kontemplation und auch Gemeinschaft für Gruppen.
(2) Eine ähnliche Bedeutung hat dieser Wohngarten (Haus in der Ökosiedlung Bamberg). Er ist ebenfalls ringsum einsichtgeschützt. Dies bedeutet eine innere individuelle Werthaltung und Selbstfindung, die nicht von dem sich Zeigen nach außen abhängig ist.

Psychologische Prinzipien

Lehren für das richtige Gestalten gab es zu allen Zeiten. Die mittelalterlichen Städte sind nicht organisch gewachsen, sondern wurden ebenso sorgfältig geplant, wie beispielsweise ein gotischer Dom. In der Neuzeit glaubte man, über Proportionslehren der Gestaltqualität auf den Grund zu kommen. Anfang des 19. Jahrhunderts orientierte man sich an der Antike. Dann kam eine Zeit der Romantik, in der die Gotik wiederbelebt werden sollte. Um die Jahrhundertwende um 1900 gab es eine Erneuerungsbewegung über Handwerks- und Naturnähe. Die radikale Erneuerung der Architektur durch das Bauhaus prägt noch immer unsere Zeit, befriedigt aber nicht mehr.

So tauchte in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts plötzlich die Lehre Feng Shui auf. Dies zeigt, dass es ein Bedürfnis gibt, psychologische Prinzipien für das Bauen zu finden. Die Popularität von Feng Shui hat mittlerweile nachgelassen.

Die Vorteile, welche diese Lehre versprach, haben sich nicht erfüllt. Aber das Bedürfnis, tragfähige Prinzipien für das beseelte Bauen zu finden, besteht immer noch.

Gemeinschaftsbildung
(3) Das Bild (Planung Wiesentheid) zeigt einen zentralen Siedlungsplatz, der dann zur Nachbarschaftsbildung beiträgt, wenn er autofrei ist. Man sieht auch, dass die Bebauung ringsum geschlossen ist. Der freie Platz ist ein Identifikationszentrum der Bewohner.
(4) Die runde Bestuhlung (Jesajakirche München) stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Das viele Holz der Einrichtung, sowie der Wände und Decken vermittelt ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit.

Neue Zeittafel

Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Buches „Geschichte des Bewusstseins und der Kultur“ (siehe Buchtipp) ist die neue geschichtliche Zeittafel. Hier werden herausragende Beispiele der Kultur genannt und deren psychische Bedeutungen beschrieben. Man kann sich damit einen Überblick über die Bedeutungen der einzelnen Gestaltformen schaffen. Allerdings geht es hier nicht nur um Architektur, sondern es werden auch die psychologischen Bedeutungen von Kunst, Städtebau, Soziologie, Philosophie, Musik, Literatur etc. behandelt. Diese neue Zeittafel ist auf meiner Webseite bewusstseinskultur.com abgebildet.

Die psychische Bedeutung der Architekturformen kann nur durch eine ganzheitliche Betrachtung sichtbar gemacht werden. Denn nur durch den Vergleich mit all den anderen Fachbereichen können für den Einzelbereich tiefenpsychologische Aussagen gemacht werden. Die Zeittafel zeigt auch, dass die Geschichte der Kultur nicht zufällig abläuft, sondern nach einer logischen Prozessstruktur. Es zeigen sich nämlich harmonische Kreisläufe, welche die gesamte Bewusstseinsevolution sichtbar machen.

„Was sagt ein Gebäude und wie spricht es überhaupt? Denn es ist durchaus eine sonderbare Sprache, mit der wir es zu tun haben. Ein Gehör für die Sprache der Architektur muss erst erworben werden.“
Christian Illies, Philosoph

Architekturwirkungen

Die Kenntnis der Bewusstseinsgeschichte hat für uns heute eine große Bedeutung. Denn wir erfahren zu jeder Form die psychische Bedeutung. Es gibt Formen, welche Beruhigung ausstrahlen, welche Gemeinschaftlichkeit fördern, welche Menschlichkeit vermitteln, welche für Meditation geeignet sind, welche für Wahrheit stehen, welche Geborgenheit bieten, welche Kraft zeigen, welche Spiritualität vermitteln. Außer diesen positiven Wirkungen kann Architektur auch sehr negative Wirkung haben, wie Aggressivität, Selbstentfremdung, einseitige Individualität, eitle Selbstdarstellung, Härte, Machtsucht, Arroganz, Sterilität, Hässlichkeit, Materialismus etc. Dieses komplexe Spektrum kann natürlich in einem Artikel nicht vollumfänglich dargestellt werden. Ich zeige deshalb mit Bildern einiger Architekturbeispiele aus eigenen Projekten und erkläre die entsprechenden psychischen Bedeutungen.

Torbauten
(5) Freistehende Torbauten (Orthodoxe Kirche München) signalisieren den Besuchern, dass der Weg, der durch das Tor markiert wird, sehr wichtig ist.
(6) Torbauten, die zu einem Hof führen (Kirche Hersbruck), vermitteln das Gefühl, in einen geschützten Bereich einzutreten.

Buchtipp

Geschichte des Bewusstseins und der Kultur – Basis einer neuen Gesellschaft
Autor: Theodor Henzler, Architekt
Vorgestellt werden weitere erstaunliche Phänomene, die unser Leben steuern.
Mehr zum Buch: bewusstseinskultur.com

26,00 €

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Weiterführende Links

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