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Im Spiegelberger Ortsteil „Obere Roßstaig“ findet sich eine Hand voll Häuser. Früher stand dort ein Wirtshaus mit Pferdewechsel an der alten Handelsstraße von Murrhardt nach Heilbronn. Der Ortsteil ist nicht ganz einfach zu finden. Zwar weist ein Schild den Weg steil nach oben durch den Wald, witzigerweise hält einen gleichzeitig ein Verbotsschild „Für Mofas und Pferdegespanne gesperrt“ erst einmal davon ab, den maroden Waldweg auch wirklich zu benutzen.

In dieser schönen Lage hatte die Lehrerfamilie Ulrich und Chantal Kling mit ihren Kindern Frieder, Florian und Emilia seit einigen Jahren ein Häuschen angemietet. Erbaut wurde es vor 1900 – das genaue Baujahr ist unbekannt. Als sich die Gelegenheit bot, es zu kaufen, mussten mutige Entscheidungen getroffen werden. Durchaus ein Abenteuer, auch wenn heute wohl keine Wegelagerer mehr im ehemaligen Räuberwald zu finden sind.

(1) Das neue Zuhause von Familie Kling liegt an einem alten Handelsweg
(2) Priorität hatte zunächst der Innenausbau. Die Fassade soll später verschönert werden
(3) Die Skulpturen des Bauherren beleben heute das Grundstück und den Übergang zum Wald

Spannend war es eher im Haus. So war ein Raum z. B. nur noch 1,80 m hoch, da sich vermutlich die Deckenkonstruktion gesenkt hatte. Der Vorbesitzer hatte noch versucht, die marode Bodenkonstruktion mit Paletten und viel Schaum aus der Dose auszugleichen. Im Flur gab der Fußboden verdächtig nach. Im Dachboden wurden Fraßspuren im Gebälk gefunden. „Spannend auch, was alles in der ‚Dämmung‘ der vielen Hohlräume zum Vorschein kam“, erinnert sich Ulrich Kling. „Zahlreiche Flaschen und Dosen, Schrotpatronen, alte Zeitungen und altertümliche Kleidungsstücke und mindestens zwanzig Paar Schuhe für die verschiedensten Anlässe!“ Verschmitzt fügt er hinzu: „Nur der ersehnte Schatz blieb verborgen.“

Das Bad war sehr klein und zum Teil nur provisorisch eingebaut, die gesamte Elektroinstallation dringend erneuerungsbedürftig. Welche und wie viele Schäden würden wohl zum Vorschein kommen?

Schnell wurde auch klar, dass der ganze Grundriss umgeplant, das Dach ausgebaut und jeder Winkel des Hauses optimal ausgenutzt werden sollte, um den Bedürfnissen der Kinder und der Eltern gerecht zu werden. Dabei stellte sich heraus, dass an der Baufrau eine Innenarchitektin verloren gegangen war. Vor allem ihren Ideen ist es zu verdanken, dass die Räume optimal an die unterschiedlichen Bedürfnisse angepasst wurden. Durch das Versetzen der Hauseingangstüre und Einziehen neuer Wände hatte jedes Zimmer einen direkten Zugang erhalten. Auch wurde Platz geschaffen für eine normal begehbare Treppe unters Dach, wo auch ein zweites Bad für die Kinder kunstvoll in die Dachschräge eingepasst wurde. Ein Kinderzimmer erhielt, über eine Leiter zugänglich, einen Schlafplatz direkt unter der Dachspitze mit einem zusätzlichen kleinen Dachfenster.

Durch das Entfernen von Zwischenwänden konnte das Wohnzimmer mit einer jetzt offenen Küche wesentlich großzügiger gestaltet werden. Die ehemalige Küche wurde etwas verkleinert und dient nun als zweites Büro.

(4) Teilweise mussten die Deckenbalken erneuert werden. Bei dieser Maßnahme wurde auch die Raumhöhe vergrößert
(5) Mit viel Liebe wurde das alte Fachwerk erhalten
(6) Jede Ecke ist inzwischen gut genutzt
(7) Unter dem Dach entstand ein neuer Schlafplatz

Ausbau Dach

Jetzt konnte es losgehen: Das Büro, als bisher einziger Raum im Dachboden, wurde provisorisch ins Erdgeschoss verlegt. Mit dem Dachausbau sollte begonnen werden. Nach einem Teilumzug unters Dach sollte dann im Erdgeschoss weiter saniert werden. Mit Beginn der Sanierung zeigten sich die ersten Schäden. Die Holzbalken im DG Fußboden mussten komplett erneuert werden. Dann erst konnte mit der Dachdämmung begonnen werden. Spätestens jetzt war allen Beteiligten klar, dass viel selbst gemacht werden musste, um den finanziellen Rahmen nicht zu sprengen.

Es war spannend zu beobachten, wie die Bauleute Tag für Tag mehr in ihre Aufgaben hineinwuchsen. Irgendwann meinte die Tochter: „Papa, ich weiß gar nicht, was du vorher die ganze Zeit gemacht hast.“ Doch Hilfe war nah. „Eine glückliche Fügung wollte es, dass ein guter Freund gerade jetzt in Rente ging und der Familie über einige Monate hinweg bei den rasch ins Unermessliche wachsende Restaurationsarbeiten beistand“, erzählt der Bauherr.

Es ist sehr bemerkenswert, was alle über diese Zeit geleistet haben. Die Bauleute ließen sich in die verschiedensten Aufgabengebiete einarbeiten und zeigten sich immer wieder sehr lernfähig – vom Einbringen der Jutedämmung zwischen die Sparren und Aufdoppeln der Dämmung nach innen, über fachgerechtes Anbringen der Dampfbremsen, Befestigen und Verspachteln der Gipsfaserplatten, bis zum Aufbringen des Lehmfeinputzes. Der Giebel im Dachgeschoss erhielt eine Innendämmung in Form eines mineralischen Dämmputzes, der den „Schwung“ der krummen Wände aufnehmen konnte. Alles wurde bewältigt. „Manchmal waren wir der Verzweiflung nahe“, gibt Ulrich Kling zu. „Aber wir heiterten uns immer wieder auf, etwa mit schnell zu wiederholenden Zungenbrechern wie ‚alkalibeständiges Glasfaserarmierungsgewebe‘.“

Egal wann ich auf der Baustelle vorbeischaute, gefühlt war immer gerade das Essen fertig gekocht, so dass ich bald nicht mehr als Gast, sondern fast schon als Familienmitglied eingestuft wurde.

Überraschungen im Erdgeschoss

Im Erdgeschoss musste, wie nicht anders zu erwarten war, auch zur Hälfte die Balkenlage zum Keller hin erneuert werden. Immerhin konnte durch Absenken der Holzbalken an Raumhöhe gewonnen werden. Zur Dämmung wurden die Zwischenräume mit einer Schüttung aus Blähglasgranulat aus Recyclingglas aufgefüllt. Nun ging es an die Innendämmung der Außenwände, teils Fachwerk, teils massiv. Wieder stellte sich die Frage: „Was kommt unter dem losen Innenputz zum Vorschein?“ Und tatsächlich gab es eine böse Überraschung: die Wand im EG war abrissreif. Unter dem Putz war die Fachwerkkonstruktion komplett verfault. Die Giebelwand darüber war aber bereits fertig saniert. Chantal Kling meinte frustriert: „Wir hätten das Haus doch nicht kaufen sollen.“

Wir wagten trotz Winterzeit einen Versuch: Die Wand wurde von der Innenseite abgesprießt, die komplette Fachwerkwand vorsichtig entfernt, so dass der gesamte Außenputz freitragend stehen blieb. Neue Balken wurden von Innen gesetzt, neu ausgemauert und von hinten so verfüllt, dass der Außenputz wieder mit der neuen Wand verklebt wurde. Und der Versuch gelang.

Die Innendämmung aus Holzweichfaserplatten wurde auf eine neue Kalkputz-Ausgleichsschicht vollflächig verklebt, darauf das Armierungsgewebe aufgespachtelt und anschließend mit einem Lehmfeinputz versehen.

Komfortgewinn

Das Haus erhielt auch ein neues, großzügiges Badezimmer mit Badewanne und Dusche. Wie in den restlichen Zimmern bilden Massivholzdielen aus Lärche den Fußboden, im Spritzwasserbereich kombiniert mit Fliesen. Im Keller fand eine Pelletheizung Platz, deren Vorratsbehälter mit Sackware regelmäßig befüllt werden muss. Ein Pellet-Tanklastzug würde es schwer haben, die obere Roßstaig zu erreichen. Zufrieden fasst Ulrich Kling zusammen: „Trotzdem ist der Umbau ein riesengroßer Komfortgewinn. Früher musste mit vielen Einzelöfen geheizt werden und die Wärme konnte nicht gehalten werden.“ Der Kombispeicher wird ergänzend von einer thermischen Solaranlage gespeist und bald auch von einem für das Wohnzimmer vorgesehenen Holzofen mit Wassertasche. Die Wände, die durch die eingebaute Randleistenheizung erwärmt werden, fühlen sich jetzt warm an. Die Raumlufttemperatur kann reduziert werden. Dies hält auch die Wände trocken und dient somit auch der Substanzerhaltung. Nur die Fassadenverschönerung von außen wurde erst einmal verschoben. Sobald die Fassade im neuen Glanz erscheint, werden wir hier im „baubiologie magazin“ darüber berichten.

Schon jetzt ist es ein schönes, gelungenes Projekt und ein Schmuckstück am Waldrand. Schön zu erleben war auch, wie hier beim Bauen, obwohl nicht immer ganz einfach, die Kräfte gebündelt wurden und so die Familie im Blick auf das gemeinsame Ziel noch mehr zusammengewachsen ist. „Froh sind wir trotzdem, dass jetzt wieder mehr Zeit für individuelle Bedürfnisse ist“, betont Ulrich Kling. Für ihn kann das heißen, seine bildhauerische Kunst weiter in den Wald hinein wachsen zu lassen.

Baudaten Fachwerkhaus in Spiegelberg

BauherrenChantal und Ulrich Kling
BaujahrEnde 19. Jahrhundert
Sanierung2016-2018
Wohnfläche150 m2
Außenwand EG (von innen nach außen)Lehmfeinputz naturweiß (Agaton/Casa Natura), Holzweichfaserplatten 40 mm (Pavatherm/Pavadentro Pavatex), Ausgleichsschicht Kalkputz, Fachwerk mit Ziegelsteinen, bestehender Kalk-Zementputz
Außenwand DG, Giebel (von innen nach außen)Lehmfeinputz naturweiß, mineralischer Dämmputz (Biotherm, Haga), Mauerwerk Bimssteine, bestehender Kalk-Zementputz
FensterHolzfenster Bestand, teilweise Kunststofffenster
DachLehmfeinputz naturweiß, Gipsfaserplatten (Fermacell) verspachtelt, Dampfbremse (Intello, pro clima), Dämmung aus Jute/Hanf (Thermo Natur) – Aufdoppelung nach innen und zwischen den Sparren, Unterspannbahn (pro clima), bestehende Deckung
KellerdeckeDämmschüttung aus Blähtongranulat (Poraver) zwischen den Deckenbalken, Holzdielen
WärmeversorgungPelletheizung, thermische Solaranlage, Randleistenheizung
Baukosten110.000,- €
PlanungMichael Greiner, www.buero-040.de

Aus Fachzeitschrift WOHNUNG+GESUNDHEIT Nr. 167 – mehr erfahren

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